Es ist keine einfache Aufgabe, einem komplexen Produkt derart Form und Struktur zu geben, dass es auf dem Markt besteht. Besonders schwierig wird das, wenn es um langlebige und teure Konsumgüter wie Reisemobile geht. Zwar hat jeder Käufer seine individuellen Wünsche, doch das Ziel muss eine Serienfertigung sein: Wie gelingen hier trotz vieler praktischer Vorgaben Lösungen, die einen breiten Kreis an Kunden überzeugen?
Bürstner nennt seine Strategie „Wohnfühlen“. Was hinter dem Begriff steckt, wollten wir von Bürstner-Chef Jens Kromer wissen. Er bat seine wichtigste Frau zum Gespräch dazu: Tatjana Afra Weßelbaum, die operativ die Prozesse verantwortet, die den Kunden emotional faszinieren sollen.
Herr Kromer, wo immer Bürstner auftritt, prangt auch der Begriff "Wohnfühlen". Was bedeutet er für Sie? Wie lässt er sich greifen?
Jens Kromer: Wohnfühlen ist für uns der rote Faden. Ein ganz großer, dicker roter Faden. Die ursprüngliche Frage ist: Wie kommt Wohnfühlen im Design an? Aber Wohnfühlen ist mehr als ein Designelement. Es geht nicht nur um den Inhalt einer Marke oder eines Produktes, sondern um den Inhalt des Unternehmens Bürstner. Es ist unsere Kultur, die wir leben.
Das heißt, auch für Sie hier in Kehl ist Wohnfühlen Alltag?
Jens Kromer: Eine Marke, die nicht gelebt wird, ist tot. Wenn der Kunde es nicht überall spürt, zum Beispiel beim Händler, wäre es nur ein Wohnfühl-Washing.
Oberflächen sind wichtig, denn sie nimmt jeder Kunde sofort wahr. Doch für Jens Kromer und Tatjana Afra Weßelbaum zählt stets der Gesamteindruck – das Wohnfühlen.
Bild: Magali Hauser / AUTO BILD

Wie setzen Sie das konkret um?
Jens Kromer: Sehen Sie sich hier um, in unserem Service Center, in unseren Meetingräumen oder auf den Messeständen. Wir haben einen Wohnfühlguide, in dem steht: "Wohnfühlen ist der Treiber unserer Strategie". Das ist der Punkt. Es geht nicht um das Wort, sondern um den Antrieb. Wir leben unser Thema.
Nochmals zurück zum Begriff Wohnfühlen – woher stammt er?
Jens Kromer: Wohnfühlen haben wir 2016 eingeführt. Zwei Wörter stecken in ihm: Wohnen und Wohlfühlen. Beides sehen wir zusammen. Wir wollen die schönsten Zu-Hause-Gefühle erzeugen, die Menschen unterwegs haben können. Dieses Thema haben wir nicht erfunden, aber neu formatiert. Bürstner selbst ist eine Traditionsmarke, die schon immer für ihr Interieurdesign stand.
Tatjana Afra Weßelbaum: Unser Ziel ist es, alle unsere Kunden möglichst lange zu begleiten, von jüngeren Paaren bis in die Rente, wenn man größere Fahrzeuge braucht, weil man viel Zeit darin verbringen kann. Wir wollen Lust auf unsere Produkte generieren. So, dass man sich schon beim ersten Erkunden wohlfühlt.
Bedeutet das nicht auch, dass Bürstner aktuellen Wohntrends folgen muss?
Jens Kromer: Es ist nicht unser Anspruch, jedem Trend in der Möbelbranche zu folgen. Wir sehen unsere Fahrzeuge langfristig, wie es unsere Kunden auch machen. Mancher von ihnen fährt über zehn, fünfzehn Jahre sein Fahrzeug. Wir versuchen den Spagat zu schaffen und die aktuellen Themen zu verstehen, gleichwohl sehr zeitlos zu sein.
Spielt da ein Accessoire wie das akkubetriebene Home Light eine besondere Rolle?
Jens Kromer: Ja. Das ist bereits eine Ikone. Das Home Light steht für Wohnen, weil es sehr nah am Design einer Leuchte ist, die man sich zu Hause vorstellen kann. Sie gibt einen wohnlichen Effekt. Nicht nur unsere Kunden, auch die Mitarbeiter haben inzwischen verstanden, welchen Wert sie für uns hat. Das Home Light ist heute ein Markenzeichen für uns.
Tatjana Afra Weßelbaum ist der Kopf hinter den Produkten. Sie entwickelt Konzepte und koordiniert die Gestaltung interner wie externer Designer.
Bild: Magali Hauser / AUTO BILD

Tatjana Afra Weßelbaum: Licht ist immer ein großes Thema: Licht kann in einem Fahrzeug viel Stimmung erzeugen. Da bietet sich eine gute Leuchte einfach an. Das Home Light war unsere Idee, die ein externer Designer für Bürstner entwickelt hat. Wir haben sie also nicht als fertiges Produkt gefunden, sondern für Bürstner machen lassen. Sie ist einzigartig.
Wie ordnen Sie den aufblasbaren Alkoven beim Gallery ein?
Jens Kromer: Der Gallery ist die Studie, aus der wir bislang am meisten herausgezogen haben. Nicht jede Idee schafft es in die Serie, und es geht auch gar nicht so sehr um die technische Innovation, die ja letztlich keine Raketenwissenschaft ist. Technologie ist für uns eher sekundär. Sie soll allein Mittel zum Zweck sein, wie auch hier – sie ermöglicht einen genialen, komplett neuen Raum, der deutlich größer ist, deutlich wohnlicher als bei jedem Alkoven. Genau das ist Wohnfühlen.
Frau Weßelbaum, Herr Kromer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Mit Jens Kromer und Tatjana Afra Weßelbaum sprach Thomas Wirth