Mit einem Kastenwagen ist es ja bisweilen wie mit einer Jeans: Für Bequemlichkeit nimmt man am besten eine Nummer größer. Manchmal sogar zwei, denn das Mehr an Platz verzeiht sehr häufig einen ungünstigen Schnitt. Das gilt für Kastenwagen ganz besonders. Ein schlecht sitzender Ausbau ist schließlich schwerer zu entsorgen als eine kneifende Hose. AUTO BILD REISEMOBIL hat es getestet – natürlich nicht die Sache mit der Jeans, sondern den kürzesten Weinsberg CaraTour. Mal sehen, wie er sitzt, äh, dasteht.

Die Reduzierung aufs Wesentliche ist Marketingstrategie

Weinsberg CaraTour 540 MQ
Inkognito campen ist mit dem CaraTour kein Problem. Der kurze weiße Kasten verrät erst auf den dritten Blick seine Reisemobil­-Talente.
Das ist er: Ein unauffälliger Vertreter seiner Art, denn bis auf wenige zarte Schriftzüge am Heck und an den Seiten und ein paar grafische Elemente verzichtet Weinsberg komplett auf optischen Schnickschnack. Unser Testwagen kam in schlichtem Weiß, ohne lackierte Stoßfänger und mit einfachen Stahlfelgen. Für viele Kunden ist das ein No-Go, doch für einige bedeutet es die Freiheit, inkognito überall stehen zu können. Wer verdächtigt schon einen kleinen Lieferwagen? Für Weinsberg ist die Reduzierung aufs Wesentliche übrigens Marketingstrategie. So sollen gezielt die Fans der Selbstausbau- und Vanlife-Szene angesprochen werden, die weder Zeit noch Lust auf ein Schrauberprojekt haben und sich einen urlaubsreifen Campervan leisten können und wollen. Dass in einem solchen Konzept – gepaart mit den handlichen Maßen des Basisfahrzeugs – das Angebot an Staumöglichkeiten überschaubar ist, sollte klar sein. Den meisten Platz fürs Gepäck gibt's, wie bei Kastenwagen üblich, unter dem Bett. Das lässt sich bei diesem Wohnmobil leicht und schnell aufstellen, um hohes Gut zu transportieren. In den insgesamt sechs Dachschränken finden Klamotten, ein paar Küchenutensilien und ein wenig Krimskrams Platz, ein Kleiderschrank fehlt. Der Rest erfordert "Tetris"-Erfahrung, zumindest wenn man eine größere Tour über zwei oder drei Wochen plant.
Überblick: Alles zum Thema Wohnmobile
Reisemobilisten, die den CaraTour hübsch und in Farbe haben möchten, können sich natürlich bei Weinsberg im Regal für Sonderausstattungen bedienen. In Sachen Ausbau wagen die Jandelsbrunner keine Experimente: Querbett im Heck, Küche rechts, Bad links und hinter dem Fahrerhaus die schmale Sitzecke mit drehbaren Sitzen. Das Raumgefühl leidet etwas unter den kurzen Maßen, heimelig wirkt der CaraTour mit seinem hellen Interieur dennoch. Das Bad ist dagegen leider mehr Not als Tugend. Die winzige Nasszelle mit kleiner Duschtasse und fest verbautem Waschbecken reicht fürs Zähneputzen, doch mit geschlossener Tür kann man sich in dem engen Raum kaum drehen, geschweige denn entspannt duschen. Eine Lösung mit schwenk- oder schiebbaren Elementen wäre da wünschenswert gewesen.

Mit den Extras kommen hohe Extrakosten dazu

Weinsberg CaraTour 540 MQ
Das einfache Cockpit unterstreicht den Lieferwagen­Look. Helferlein kosten extra: Rückfahrkamera 619 Euro, Tempomat 311 Euro, Beifahrerairbag 311 Euro.
Das hat er: In Serie ausgestattet, bringt der CaraTour 540 MQ lediglich die Basics mit: Möbel, Kocher, Heizung und Elektrik. Für die drehbaren Sitze (219 Euro), die elektrische Trittstufe (539 Euro), die Arbeitsplattenverlängerung (164 Euro), die Rollos an den Heckflügeltüren (135 Euro) und sogar den ausdrehbaren Tisch (160 Euro) muss der Kunde noch einmal seinen Geldbeutel zücken. Das Gleiche gilt für technische Helferlein im Cockpit wie Rückfahrkamera (619 Euro) und Tempomat (311 Euro). Der Beifahrerairbag schlägt mit 311 Euro zu Buche. So kamen die saftigen 7552 Euro extra für unseren Testwagen zusammen, obwohl noch nicht einmal eine Markise, geschweige denn eine Sat-Anlage verbaut waren. Immerhin bietet Weinsberg die wichtigsten Optionen als Pakete an, mit denen sich noch etwas sparen lässt. Zur besseren Übersicht: Unser getesteter CaraTour war mit dem Fiat-, Smart-CUV-, Media-, Function- und Voltage-Paket ausgestattet.

Auf der Straße präsentiert sich der CaraTour richtig flink

So fährt er: Wunderbar wendig! Dank des kurzen Radstands macht das Rangieren in engen Gassen fast Spaß. Und auch die nervösen Blicke in die Seitenspiegel entfallen angesichts des nur minimalen Überhangs. Der 130-PS-Diesel (1090 Euro) ist außerdem richtig flink. Kein Wunder, denn mit 2688 Kilo ist der kleinste Weinsberg ein echtes Fliegengewicht unter den Reisemobilen, wenn auch nicht in seiner Klasse. Die zuverlässige Ducato-Basis zeigt sich von ihrer Schokoladenseite: Die Lenkung spricht präzise an, und das manuelle Sechsganggetriebe lässt sich luftig-locker durchschalten. Die erträglichen Aufbaugeräusche unterstreichen den Eindruck vom souverän verarbeiteten Campervan. Lediglich die Glasabdeckung von Spüle und Herd klappert – ein ewiges Ärgernis, für das bisher nur wenige Hersteller eine gute Lösung gefunden haben. Die eine oder andere Bodenwelle offenbart noch ein dumpfes Knarzen aus dem Wohnraum, das auf die nicht ganz ordentlich gelagerten Schrankklappen zurückzuführen ist. Da die Dachluke hinter dem Fahrerhaus eher XXS-Format hat, entstehen kaum Windgeräusche.

Bildergalerie

Wohnmobil-Test Weinsberg CaraTour 540 MQ
Wohnmobil-Test Weinsberg CaraTour 540 MQ
Wohnmobil-Test Weinsberg CaraTour 540 MQ
Kamera
Wohnmobil-Test Weinsberg CaraTour 540 MQ

Fazit

von

Jenny Zeume
Wer auf den Selbstausbau-Look steht, aber zwei linke Hände hat, findet im CaraTour 540 MQ einen souveränen Begleiter. Die Qualität stimmt, und die Wendigkeit des kurzen Ducato bringt viel Fahrspaß. Die Lösungen für Bad und Wohnraum müssten aber origineller sein. Urteil: 3,5 von fünf Punkten.