Reich ist die Branche an Geschichten visionärer Gründer. Hinter vielen Wohnwagen und Reisemobilen, die heute den Markt prägen, stehen große Namen wie Arist Dethleffs, Erwin Hymer, Helmut Knaus oder Alfred Tabbert. Ihre Namen wurden zu Marken, später gingen ihre Firmen in Konzernen auf. Synergien und Skalierung prägten den Weg nach oben.
Und dann gibt es einige, deren Namen nicht ganz so geläufig sind, weil ihre Produkte anders heißen. Karl-Heinz Schuler als Carthago- Macher zählt dazu, Hobby-Gründer Harald Striewski oder das Duo hinter La Strada, Marco Lange und Andreas Dalchow. Sie alle eint, dass sie nie ihre Unternehmen verkauft haben. Alles Wachstum managen sie bis heute selbst.
Immer noch kommt der Gründer Leopoldo Turri (84) regelmäßig ins Werk. Heute ist seine Tochter Lorena (55) Direttore Generale – der schöne italienische Begriff für CEO.
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Zu dieser Kategorie zählt auch Leopoldo Turri, der Gründer von Wingamm. In Settimo di Pescantina bei Verona fertigt der kleine Hersteller mit rund 50 Mitarbeitern seine Modelle ausschließlich in aufwendiger GFK-Monocoque- Bauweise, kleine Reisemobile ebenso wie Wohnwagen. Als Logo hat der letzte unabhängige Hersteller Italiens einen Wanderfalken gewählt: Mit bis zu 390 km/h stürzt der in den italienischen Alpen vom Himmel auf seine Ziele zu, kompakt, schnell und fokussiert. "Genau so wollen wir mit unseren Campern auch sein", bringt es Lorena Turri (55) auf den Punkt, älteste Tochter des Firmengründers und heute Direttore Generale des Familienunternehmens.

Wingamm setzt auf Langlebigkeit und Sicherheit

Ihr Vater Leopoldo Turri kommt trotz seiner 84 Jahre noch regelmäßig ins Werk. Diskret und zurückhaltend schaut der Gründer mit seiner Erfahrung auf jedes Detail, während sich neben Lorena ihre Geschwister Marco (51) und Erica (43) um das Tagesgeschäft kümmern – er als Produktionsleiter, sie als Chefin des Einkaufs. Marketing und Händlerbetreuung erledigt Lorena noch selbst.

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So entsteht ein Wingamm
Mit seinen nahtlosen Kabinen setzt Wingamm auf Langlebigkeit und Sicherheit. Das Unternehmen exportiert 90 Prozent seiner Produktion, hauptsächlich in europäische Länder, einige Fahrzeuge nach Asien – und inzwischen sogar in die USA: Wingamm baut den radikal kurzen Oasi 540 auf eine amerikanische Initiative hin tatsächlich auch auf dem Ram ProMaster, einem Ducato-Derivat.
Die große Aufgabe für Wingamm ist das Wachstum: Rund 200 Fahrzeuge bauen sie heute, bereits 500 sollen es in drei Jahren sein. Dafür plant Familie Turri ein neues Werk, das zwangsläufig in der Nähe entstehen muss. Wingamm kann es sich nicht leisten, erfahrene Mitarbeiter zu verlieren.
Geduld ist wichtig: Allein der Ausbau des Wingamm Oasi schluckt rund 45 Stunden.
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"Der Weg vom Handarbeitsprodukt zur industriellen Fertigung ist spannend", sagt Lorena Turri. Für Roboter sei die Stückzahl viel zu klein, es brauche andere Lösungen. Produktionsprofi Nicola Toppani erarbeitet sie. Er war einst bei Alfa Romeo und Ferrari tätig, jetzt perfektioniert der Ingenieur alle Prozesse, die eine Reisemobilfertigung in Kleinserie prägen. Seine wichtigste Aufgabe sei es, Toleranzen zu senken, damit weniger von Hand zu korrigieren sei: "Drei Zentimeter Höhendifferenz des Bodens haben wir auf wenige Millimeter gesenkt“, sagt er. Der Kunde merke das kaum, doch die Monteure ersparen sich so eine aufwendige Anpassung der Möbel.
"Wir sind etwas verrückt", sagt Lorena Turri, "immer investieren wir unseren gesamten Gewinn." Nie dürfe dabei Wachstum die Einzigartigkeit des Produkts beeinträchtigen, das bilde den Kern und den Wert des Unternehmens. Darum kümmert sich Wingamm um gute Betreuung, gibt jedoch keine Rabatte. Lorena Turri selbstbewusst: "Was sollte ein Kunde mit Budget, der unsere Fahrzeuge verstanden hat, sonst kaufen?"