An alle, die immer nach Frankreich-Italien-Spanien-Österreich-Schweiz-Skandinavien fahren oder gar in Deutschland bleiben: Rechts unten von uns erstreckt sich ein ganzes Universum unbesuchter Länder, genannt Balkan. Wobei, zugegeben, Kroatien und Slowenien bereits auf der allgemeinen Hitliste stehen. Aber der Rest? 
Nur wenig Tapfere trauten sich bislang nach Bosnien, Serbien, Montenegro, Albanien, Rumänien, Bulgarien, Kosovo, Moldawien, die allesamt mal sozialistisch waren und wo Sprachen gesprochen werden, die man eher nicht in der Schule lernt.

Montenegro bedeutet Schwarzer Berg

Wir haben es nun gewagt. Was wissen wir über Montenegro? Es heißt übersetzt "Schwarzer Berg". Und genauso erlebten wir es auch, als wir das kleine Land über die Hintertür Bosniens, hart an der Grenze zu Serbien, auf dem verschlafenen Grenzübergang bei Metaljka (34 Einwohner) enterten. 
Dunkle Wolken hatten sich über dunkle Berge gebettet. 15 Grad, es regnete leicht, während der Wetterbericht für Podgorica, das ist die Hauptstadt, 35 Grad und extragleißende Sonne ansagte. Wir lernten schnell: Das ist so in Montenegro! Die Küste und das Flachland bis Podgorica glühen im Sommer, in den schwarzen Bergen ist es jedoch angenehm, ja manchmal gar arg frisch, außerdem erstaunlich grün.

Über tiefe Schluchten an der Zip-Line

Wir fuhren gleich mal bis zum Tara-Canyon, einer der vielen Schluchten des Balkans, fast so, wie Karl May es einst geschrieben hatte. Allerdings gab es bei Mays Kara Ben Nemsi noch keine Zip-Line. Die ist Mode in Montenegro. Man gurtet sich in ein Gestell mit Rollen obendran, das hängt am Seil, man wird damit zur Seilbahn und kachelt schwerkraftgetrieben über den Abgrund. Angstgefühle und der Rausch der Geschwindigkeit scheinen ein Grundbedürfnis vieler Menschen zu sein, weshalb wir im Laufe der Reise über manch weitere Zip-Line stolperten.
Montenegro mit dem Reisemobil
Eiserner Faden: Zip-Lines wurden über alle möglichen Tiefen Montenegros gespannt, hier die Tara-Schlucht.
Bild: Bernhard Schmidt

Wir haben uns jedoch nicht eingeklinkt und sind stattdessen ganz ohne Temporausch im Malibu über die Tara gezockelt, denn gleich neben der Zip-Line existiert eine waghalsig aussehende Brücke über die Tiefen. Ebenfalls sehr schön. Dito die Nacht auf dem gleich daneben auf einem Hügel liegenden, vom Bauern betriebenen Simpel-Campingplatz. Wir hatten erste Reihe mit Blick auf Brücke und Schlucht, die angeblich die tiefste Europas ist. Toll! 
Schluchten sollten wir anschließend übrigens noch zahlreich sehen, Montenegro ist das Canyonland Europas. Und durch manche kann man auf einem Rafting-Trip per Schlauchboot schippern, was extratoll ist.

Das überfüllte Žabljak ist keine Empfehlung

Der nächste Tag führte uns nach Žabljak, einem Ort von dem wir nie gehört hatten, den man am besten auch leichten Herzens umschifft, denn es ist die nach dem Zweiten Weltkrieg frisch aufgebaute Bergtourismus-Zentrale des Landes, das einst zum großen Jugoslawien gehörte. Žabljak war schon Sommerfrische zu sozialistischen Zeiten, weshalb hier Tausende von Ferienhäusern stehen und nach wie vor Serben, Kroaten, Bosnier, Slowenen, Kosovaren, Nordmazedonier urlauben. 
Als wir ankamen, verabredeten sich offenbar gerade alle, zum Schwarzen See zu pilgern, auf gut 1400 Meter Höhe. Die Straße dorthin war total mit Menschen und Fahrzeugen verstopft, weshalb wir unser 6,40-Meter-Dampfer instinktiv rechts abbiegen ließen. Ein Bekannter von uns war jedoch schon mal dort. Er erzählte, dass sich der See nicht groß lohnen würde, obwohl der Durmitor stolz dahinter aufrage. Wir glauben das mal.

Bis auf 2522 Meter Höhe erstreckt sich der Durmitor

Ja, der Durmitor! Das ist kein Schlafsaal, sondern ein veritables Hochgebirge (2522 Meter), umgeben von einem Nationalpark und unerwarteten Grasländern mit Cinemascope-Blick, sodass man sich wie in der Mongolei wähnt. Wir fuhren die ganze Runde um das Gebirge herum, gut beschrieben auf einer Landkarte mit Montenegros Panoramastraßen, die die Tourismusbehörde herausgibt. 
Die Durmitor-Runde ist fahrerisch durchaus anspruchsvoll. Mit unserem Kastenwagen ging es gerade so, breiteren Womos möchten wir den Trip wirklich nicht empfehlen. An zwei Kehren mussten wir zurücksetzen, und bei Gegenverkehr wurde es jedes Mal brenzlig. Zum Glück gab es kaum welchen. 
Dafür wird zweimal kassiert. Erst Nationalparkgebühren, dann die Susica-Schlucht, der nächste tiefe Abgrund auf der Runde, aber es ging nur um kleine Beträge (zwei und ein Euro). Als Gegenleistung ist alles schmal asphaltiert.
Montenegro mit dem Reisemobil
Steile Sache: An der Durmitor-Südseite gibt es Berge, die wie Wasserfälle aussehen. Ein majestätischer Anblick.
Bild: Bernhard Schmidt

Am schönsten wird die Durmitor-Tour auf der Südseite des Gebirges. Eine majestätische Landschaft mit allerhand bizarren Felsen breitet sich vor einem aus. Am besten campt man hier irgendwo, auch wegen des großartigen Sternenhimmels. Eigentlich ist wild campen in Montenegro nicht erlaubt, aber es wird vielerorts geduldet, und am Durmitor gibt es einige geeignete Plätze.
Wir haben am Piva-See übernachtet, einem großen Stausee, über eine abenteuerliche Straße mit Spitzkehren innerhalb der Tunnel zu erreichen. Wir campten auf dem Campingplatz Vrbnica am Westende des Sees. Ein kleiner, aber netter Übernachtungsort. Nur zum Wasser war es weit, obwohl der Platz ja eigentlich direkt am See liegt. Doch im Sommer sinkt der Wasserspiegel erheblich, sodass man ein bisschen laufen muss.

Eine eigene Küche kennt das Land nicht

Reisen, sofern man keine Angst vor Kurven, Enge, Abgründen hat, ist in Montenegro gar kein Problem. Es ist ein sympathisches kleines Land voller Berge, weshalb hier nur rund 700.000 Menschen leben. Die Bewohner sind freundlich, sprechen oft auch ein bisschen Englisch, die Preise sind niedrig, der Euro ist die offizielle Währung, Beitrittsgespräche zur EU laufen quasi seit der Unabhängigkeit 2006, das Land ist NATO-Mitglied, nur am Essen müssen sie noch feilen. Als Teilrepublik Ex-Jugoslawiens mit 60 Jahren Kommunismus in den Knochen, hat sich keine eigene prägnante Küche entwickelt. So fanden wir meist Fast-Food-artige Standardware mit viel Fleisch (an der Küste auch Fisch, doch der ist teuer), vielen Fritten, wenig Gemüse.
Aber wir sind ja Camper und können selber kochen! Zum Beispiel Lamm, das wir in den Restaurants, die wir aufgesucht hatten, selten gelistet fanden, obgleich es riesige Schafherden in den Bergen und manchmal auf der Straße gibt. Gekocht haben wir auch allerlei Gemüse, das wir an den zahlreichen Straßenständen ultrafrisch direkt vom Bauern kauften. Oft gibt es dort auch Honig, Raki, Schinken und Käse von Schaf und Ziege. Letzterer ist zwar nicht billig, aber lecker.

Montenegro ist kleiner als Schleswig-Holstein

Wir schraubten uns über zahlreiche Gebirgsketten und wunderten uns, dass das Land kleiner als Schleswig-Holstein sein soll. Es wirkt so groß wie Deutschland, mindestens. Weil es so dreidimensional ist, kommt man halt nicht recht voran. Dafür hat man immer wieder entzückende Ausblicke. Etwa in den Nevidio-Canyon, über den eine kurze, schmale Brücke führt, bei der einem schon beim Runterschauen ganz schwummerig wird. Unsere Sehnsucht war groß, die Klamm zu Fuß zu erforschen, aber da wir keine Canyoning-Experten sind, haben wir das lieber gelassen. Eine Gruppe neoprengekleideter und helmbewehrter Menschen begegnete uns jedoch bei der Erkundung der Lage.
Mittagspause machten wir am Kloster Podmalinsko im Tal der Bukovica, einem der zahlreichen orthodoxen Klöster. Abendessen gab's im Malibu im Biogradska-GoraNationalpark mitten im Wald an einem See. Eigentlich wollten wir dort im Restaurant essen, aber das machte schon um 18 Uhr zu. Montenegro ist nicht Spanien. Man isst hier früh.

Im Gebirge kann es schon mal regnen

Am nächsten Tag hatten wir Wetterpech: Der Prokletje-Nationalpark im Grenzgebirge zwischen Montenegro und Albanien, hielt sich bedeckt. Die Gipfel, die wie die Dolomiten aussehen sollen, trugen fette Wolken als Tarnkappe, die die Aussicht verdarben. Da das auch die nächsten Tage so bleiben sollte, fuhren wir dahin, wo schönes Wetter ein Abo hat: in die Hauptstadt Podgorica. 35 Grad, Sonne, genau das, was der nordische Tourist liebt. 
Podgorica ist eine Hauptstadt, wie man sich alle Hauptstädte der Welt wünscht: knapp 200.000 Einwohner, trotzdem eine gehobene Urbanität mit eleganten Cafés und Restaurants, der beeindruckenden orthodoxen Auferstehungskathedrale, die 200 Jahre alt aussieht, aber erst vor zehn Jahren fertig wurde, einer ultramodernen Brücke und Parkplätzen überall.
Montenegro mit dem Reisemobil
Bunte Wetter: Während an der Küste die Sonne brennt, regnet es im Hochland auch mal.
Bild: Bernhard Schmidt

Wir parkten mitten im Zentrum am Straßenrand. Allerdings hätten wir per App bezahlen müssen, doch die App hatten wir nicht. Wir fragten in einem Laden. Der Besitzer beruhigte: Touristen würden im Land großzügig behandelt und nicht aufgeschrieben. Wie nett! Wir übernehmen aber keine Gewähr, falls es doch mal anders kommt. 
Podgorica wurde nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg sozialistisch schachbrettartig angelegt und zunächst zu Ehren des späteren Staatspräsidenten Titograd genannt (Grad = Stadt). Das ist etwa so, als würde Hamburg in Scholzstadt umbenannt, Paris in Macronville – und London dauernd einen neuen Namen bekäme.

Am Sonntag sollte man das Kloster Ostrog meiden

Die Reise ging weiter, wir wollten zum Kloster Ostrog, das atemberaubend weit oben in den Felsen gemeißelt wurde. Vorher campten wir im Aquarius-Kamp direkt am Fluss Zeta, wunderbar. Wir konnten abends das Kloster schon sehen, das wie ein weißes Vogelnest am Fels klebt. Dummerweise war am nächsten Tag Sonntag, und Montenegriner zieht es an ihrem freien Tag in ihr Heiligtum. Daher der weise Rat: Nicht am Sonntag kommen, wenn's denn geht.
Montenegro mit dem Reisemobil
Heiliger Ort: Das berühmte Kloster Ostrog wurde in den Fels gehauen. Am Sonntag ist es hier extrem voll.
Bild: Bernhard Schmidt

Berichteten wir eigentlich schon vom Meer? Dabei ist die Adria Montenegros größter Touristen-Lockstoff. Das kleine Land hat eine zauberhafte Küste, die direkte Fortsetzung der zauberhaften Küste Kroatiens, die von den Touristenmassen aber schon entzaubert wurde. 
Auch Montenegro strengt sich bei der Entzauberung an. Die hübschen Küstenstädte sind im Sommer proppenvoll mit Sonnenanbetern, vorwiegend aus dem gesamten Balkanbereich. Remmidemmi überall, grassierende Parkplatzknappheit und wir in einem Wohnmobil. Keine gute Kombination. 
Dennoch sind die Städte sehenswert. Budva etwa, auf einer kleinen Halbinsel mit kompletter Stadtmauer liegend, das nach einem Erdbeben 1979 wieder originalgetreu aufgebaut wurde, oder Herceg Novi, die Grenzstadt zu Kroatien.

Traumhafter Blick auf die Bucht von Kotor

Zwischen beiden liegt Montenegros Höhepunkt auf Meereshöhe: die Bucht von Kotor. Manche sagen, das sei der südlichste Fjord Europas. Die Bucht sieht auch so aus, wurde aber nicht von den Gletschern der Eiszeit so geformt, sondern vom eindringenden Meer in eine sich absenkende ehemalige Schlucht. 
Wie auch immer: Die Bucht von Kotor ist eine der schönsten Landschaften des Mittelmeeres, und die Stadt Kotor selbst eine Perle von Stadt, die nach dem Erdbeben ebenfalls original aufgebaut wurde. Allerdings hart am Overtourism balancierend. Die Bucht ist sehr komplex, per Schiff nur erreichbar durch eine schmale, 330 Meter breite Meerenge von der vorgelagerten Bucht von Risan.
Montenegro mit dem Reisemobil
Südlicher Fjord: die Bucht von Kotor (im Vordergrund die Stadt Kotor), eine der schönsten der Welt.
Bild: Bernhard Schmidt

Unser Schiff hieß jedoch Malibu, wir kamen übers Gebirge im Nordosten herunter und hatten fabelhafte Ausblicke auf die Buchten und die Inseln, einschließlich der Kircheninsel Gospa od Škrpjela und der ein- und ausfahrenden Kreuzfahrtschiffe. 
Den sensationellsten Blick hat man allerdings auf der Fahrt hinauf von Kotor zum Lovcen auf einer krassen Serpentinenstrecke. Wir empfehlen dringend, sehr früh loszufahren, bevor die notorisch morgens ankommenden Kreuzfahrer den Berg mit Reisebussen in Angriff nehmen. Die müssen in den meisten Kehren zurücksetzen und verursachen unerwartet epische Staus. Wir waren um sieben Uhr morgens mutterseelenallein. Dann ist auch das Licht am besten.
Und warum fahren alle da hinauf? Okay, der Blick ist grandios, aber oben, auf rund 1500 Meter Höhe, befindet sich ja noch das Mausoleum von Petar II. Petrović-Njegoš, einem Dichter, Bischof und Fürsten, der als Gründervater der montenegrinischen Nation gilt. Das Mausoleum erreicht man vom Parkplatz durch einen Tunnelweg über 450 Stufen, die gnadenlos die Fitness testen. Das Grabmal ist extrem schlicht gehalten und bietet einen wunderbaren Ausblick über die Küstenberge bis runter nach Albanien sowie Teile der Bucht von Kotor.

Bildergalerie

Montenegro mit dem Reisemobil
Montenegro mit dem Reisemobil
Montenegro mit dem Reisemobil
Galerie "Mit dem Reisemobild durch Montenegro" mit 37 Bildern öffnen
Mit dem Reisemobild durch Montenegro

Petar II. lebte in Cetinje, das östlich am Fuße des Lovćen liegt und einst (bis 1918) die Hauptstadt des Landes war. Hier residierte König Nikola, wir besichtigten sein moderates Schloss mit durchaus prunkvoller Einrichtung, schlenderten durch die hübsche Fußgängerzone, sahen einige ehemalige Botschaften, besuchten das Kloster, in dem Petar II. Fürstbischof war, sahen das Theater und den blauen Palast des Präsidenten. Denn der hat seinen Sitz noch immer hier, während die Regierung in Podgorica tagt. Cetinje hat noch einen Vorteil: Es ist beruhigend entspannt und ausschließlich in der Hand der Einheimischen.

Touristen zieht es an die wunderschöne Küste

Das sah bei unserer Rückkehr an die Küste radikal anders aus. Wir waren wieder im Gewimmel des Tourismus, das uns nicht sehr erfreute. Allerdings ist die Küste wunderschön, weshalb wir verstehen, dass da alle hinwollen. Wir retteten uns daher an die Südspitze des Landes, passierten das malerische Budva, kreuzten durch das ebenfalls hübsche Petrovac na moru, liefen bei großer Hitze zur Festung der Altstadt von Bar, die auf einem Hügel ein paar Kilometer entfernt der Hafenstadt Bar liegt, gingen natürlich auch in eine Bar, wir umschifften per Malibu Ulcinj und sichteten die feinen Sände der Strände namens Velika plaža (Long Beach), die hier über zehn Kilometer bis zur Grenze zu Albanien am Fluss Buna reichen.

Stromversorgung passt nicht immer

Hier reihen sich die Campingplätze aneinander, was bedeutet, dass die Gegend noch nicht von Massenhotels vereinnahmt wurde. Platz jede Menge, nur dass die Deutsch sprechenden Betreiber auf dem "Tropicana"-Campingplatz sich um die Elektrik kümmern sollten. Der Strom reichte oft nicht mal zum Kaffeekochen. Das kann aber auch an den kleinen Schnecken gelegen haben, die sich sogar in den Steckdosen pudelwohl fühlten, wenn man das so sagen darf. 
Der Strand war großartig, die Sonnenuntergänge auch und unser Platz an der Wasserkante sowieso. Ein Souvenir haben wir von dort mitgebracht: Zu Hause fanden wir eine Schnecke im Stecker des CEE-Adapterkabels.