Auswahl – das ist das Schlagwort mit dem der heutige Automarkt treffend beschrieben wird. Zur großen Auswahl gehört auch, dass man besonders große Motoren nicht nur für besonders große Autos bekommen kann, sondern auch in kleineren. Nun sind Mercedes M-Klasse oder Range Rover Sport[Link auf Beitrag 58411] sicherlich alles andere als schmächtige Vehikel. Aber der Blick in die jeweilige Modellpalette zeigt, dass es noch größer geht: GL-Klasse und Range Rover werden jeweils von mächtigen Biturbo-Dieselmotoren mit acht Zylindern und knapp vier Liter Hubraum angetrieben. Doch auch wer bis zu 5,09 Meter Automobil nicht unterbringen kann oder mag, wird vom Markenprogramm bedient: Denn die dicken V8-Diesel gibt es eben auch in weniger ausladenden Karossen: ML 420 CDI und Range Rover Sport TDV8 versprechen atemberaubende Dieselkräfte bei gleichzeitig gestiegener Chance auf einen passenden Parkplatz.

Mit geringerem Gewicht schlägt der Benz den Range Rover

Mercedes ML 420 CDI
Leicht und schnell: Gegen den ML 420 CDI hat der Range Rover auf der Straße keine Chance.
Bild: Uli Sonntag
Wer besonders brachiale Dieselkräfte sucht, sollte vorrangig den Mercedes in die engere Wahl ziehen. Sein vier Liter großer Turbodiesel klotzt mit 700 Nm Drehmoment und 306 PS Spitzenleistung. Dem stehen 2375 Kilogramm Leergewicht gegenüber. Klingt nach viel, ist in dieser Klasse aber eher wenig. Entsprechend der Fahreindruck: Ist erst einmal das im Innerortsverkehr deutlich spürbare Turboloch überwunden, kommt der Mercedes-Diesel rabiat zur Sache. Der mit 625 Nm und 272 PS ausgestattete Range Rover verliert zügig Meter um Meter. Dabei trifft allerdings nicht dessen etwas schwächeren 3,6-Liter-Diesel die Hauptschuld, sondern das wesentlich höhere Gewicht des Range Rover Sport. Trotz praktisch identischer Außenabmessungen und ähnlichem Ausstattungsniveau wiegt er unglaubliche 395 Kilogramm mehr als der Mercedes. Dafür glänzt der englische V8-Diesel mit noch besseren Manieren: Hier säuselt der sanfteste Diesel des gesamten Automarkts. Und die Turboverzögerung fällt immerhin kleiner aus als die des Mercedes. Den Range Rover also für den komfortbewussten Genießer, den Mercedes für den Kraftfetischisten?

Nach objetiven Maßstäben tut sich der Brite schwer

Range Rover Sport 3.6 TDV8 HSE
Der Range Rover versucht, mit anderen Werten als nackten Fakten zu überzeugen.
Bild: Uli Sonntag
Nein, so einfach ist die Entscheidung leider nicht. Denn nur im Leerlauf überzeugt der Brite mit geringerem Geräuschniveau. Bereits bei Tempo 50 ist der konsequenter gedämmte Mercedes leiser. Dazu punktet der ML 420 CDI beim Federungskomfort mit seiner serienmäßigen Luftfederung. Vor allem kurze Unebenheiten absorbiert das System gekonnter als die ebenfalls serienmäßige Luftfederung des Range Rover Sport. Auch bei den objektiven Innenraumwerten setzt der Mercedes die Maßstäbe. Auf praktisch identischer Grundfläche verwöhnt der ML 420 CDI mit mehr Innenbreite, mehr Kofferraumvolumen und vor allem mit mehr Knieraum im Fond. Dennoch ist der Range Rover Sport nicht wirklich eng geschnitten. Der Deutsch-Amerikaner weiß den zur Verfügung stehenden Raum nur besser zu nutzen. Spricht denn somit wirklich so wenig für den Briten? In der Tat, nach objektiven Maßstäben tut sich der Range Rover Sport schwer gegen den Mercedes. Denn der ist schlicht und einfach schneller, geräumiger und komfortabler. Dennoch täte man dem Range schweres Unrecht an, hielte man ihm lediglich seinen Preisvorteil von ausstattungsbereinigt rund 5500 Euro zugute. Er versucht auf eine ganz andere Weise zu überzeugen. Wer nur Kriterien nach Checkliste abhakt, kommt diesem Auto einfach nicht bei. Wer sich nicht auf eine Probefahrt einlässt, dem bleibt der Reiz dieses Engländers verschlossen.
Denn er versucht, seinen Fahrer unterschwellig mit Sympathie zu gewinnen. So als wüsste er um seine objektiven Nachteile gegenüber einem Konkurrenten wie dem Mercedes ML 420 CDI. Der Brite versucht, charmant zu sein. Sein Fahrer reist auf den seit über 35 Jahren in jedem Range Rover betont hoch und aufrecht montierten Sesseln. Der Range Rover Sport inszeniert entspannende Clubatmosphäre. Dazu gehören selbstverständlich serienmäßige Lederbezüge, die auch den Duft verströmen, den man erwartet. Die dezent und mit kleinen Ziffern gezeichneten Instrumente mögen weniger klar informieren, bieten dafür ihre Aussage diskret an. Gezielt verstreute Holzapplikationen lockern die geometrische Klarheit im Innenraum gekonnt auf, ohne aufgesetzt zu wirken. Ungewöhnlichstes Detail ist der Drehschalter des Terrain-Response-Systems. Damit lassen sich Federung, Motor, Getriebe und Differenzialsperren sowie Bremseingriffe der Schlupfregelung mit einem Handgriff in fünf Stufen auf den Untergrund einstellen, den der Fahrer vor sich sieht. Sozusagen der Butler fürs Gelände. Die Praxis zeigt, dass das System in fast allen Situationen das technisch Richtige tut. Nur Kenner bemerken, dass man in Einzelfällen noch besser vorankommt, wenn man das Terrain Response absichtlich falsch eingestellt hat.

Im Gelände gibt es deutliche Unterschiede

Range Rover Sport 3.6 TDV8 HSE
Schlammbad: Wasser geht noch, aber für gröberes Gelände fehlt Bodenfreiheit.
Bild: Uli Sonntag
Doch auch dieses System kann im Gelände nicht darüber hinwegtrösten, dass es dem Range Rover Sport schlicht an Bodenfreiheit mangelt. Selbst in höchster Stellung der Luftfederung setzen Schutzplatten und Auspuffanlage nicht selten auf. Dafür beherrscht der noble Brite das Durchschreiten buckeligen Bodens mit der typischen Eleganz eines Geländewagens, der eine hohe Achsverschränkung aufbieten kann. Der Mercedes hebt zwar seine Karosserie notfalls bis zum Storchenschritt, torkelt dafür aber mangels Verschränkung etwas unbeholfen über grobe Verwerfungen im Boden. Im Innenraum der M-Klasse herrschen organische Rundungen. Die Materialien wirken sachlich und hochwertig. Die Instrumente sind an Ablesefreudigkeit kaum zu übertreffen, die Schalter arbeiten präzise und eindeutig. Alles wirkt wohldurchdacht. Ungewöhnlichstes Detail ist der Lenkradwählhebel für die Getriebeautomatik. Doch dank einleuchtendem Schaltschema hat man sich nach drei Tagen daran gewöhnt. Teutonische Perfektion bis ins Detail – da kann der Range Rover Sport nur mit stilsicherer Individualität dagegenhalten.

Fazit von AUTO BILD ALLRAD-Redakteur Martin Braun

Nach Punkten gewinnt der Mercedes souverän. Er ist einfach zweckmäßiger, schneller, komfortabler, geräumiger – fast perfekt. Objektiv hat der Range Rover Sport ihm wenig entgegenzusetzen: den seidigeren Motorlauf und 5500 Euro Preisvorteil. War's das? Nein, denn der Brite kann trotzdem für so manchen das richtige Auto sein. Er ist eben ein Individualist, der zehnmal seltener in Deutschland verkauft wird. Er wendet sich an jemanden, der Sinn für britische Clubatmosphäre hat.