100 Jahre Führerscheinprüfung

100 Jahre Führerscheinprüfung 100 Jahre Führerscheinprüfung

100 Jahre Führerscheinprüfung

— 07.11.2003

Am Anfang zählte der Charakter

Er macht uns mobil, er macht uns frei, er ist die Lizenz zum Leben: der Führerschein. Seit 100 Jahren müssen angehende Autofahrer eine Prüfung absolvieren. Ein Blick zurück.

Eine preußische Erfindung

Wir tragen ihn ganz nah am Herzen, wir tragen ihn am Hintern. Er wird kunstvoll gefaltet, sorgsam verhüllt oder achtlos zerknüllt. Und landet garantiert irgendwann im 60-Grad-Programm: der Führerschein. Vor genau 100 Jahren wurden die ersten Fahrprüfungen durchgeführt.

Mit einem preußischen Ministerialerlass fing alles an: Weil die "Ausstellung von Be- scheinigungen für die Wagenführer in den einzelnen Landesteilen sehr verschieden geregelt ist", so der Innnenminister 1903, sei fortan "eine tunlichst gleichmäßige Handhabung der polizeilichen Vorschriften im Bereiche der ganzen Monarchie sicher zu stellen". Die Führerscheinprüfung war geboren.

Zuvor versuchten die Behörden auf ihre Art, die fortschreitende Motorisierung und die sich häufenden Unfälle in den Griff zu kriegen. Frankfurt am Main stellte Autobesitzern 1901 "Prüfungsatteste" aus, wenn diese "mit der Handhabung des vorgeführten Kraftfahrzeuges vertraut sind". Noch älter ist ein "Fahrschein" vom 14. April 1899, den die königliche Polizeidirektion München dem Kaufmann Herrmann Beissbarth "zur Leitung seines Wartburg Motorenwagens" überreichte.

Charakter und Intellekt wurden geprüft

Richtige Prüfungen führten allerdings erstmals die Dampfkesselüberwachungsvereine (DÜV) in Schleswig-Holstein und Hannover durch. In den oft mehrstündigen mündlichen Tests ging es weniger um Verkehrsregeln als um Technik: Wie funktioniert ein Motor, wie die Bremsen? Wie macht man das Auto nach einer Panne wieder flott?

Die praktische Prüfung fiel Anfang des letzten Jahrhunderts eher knapp aus. "Die Kandidaten mussten im Grunde nur beweisen, dass sie das Fahrzeug irgendwie bewegen können", sagt Svea Büttner vom TÜV Nord. Bis in die 30er Jahre wurden außerdem sehr stark Charakter und Intellekt des Bewerbers geprüft. Kann er sich ausdrücken? Wie ist seine Auffassungsgabe? Was macht er beruflich? In welcher gesellschaftlichen Schicht verkehrt er?

Kein Wunder, dass in den ersten Prüfungsbüchern vor allem Doktoren, Grafen und Kaufleute vertreten sind. Etwaige Mängel in dem einen Bereich konnten die Kandidaten durch andere positive Eigenschaften wettmachen. Doch die individuell gestaltete Prüfung ohne objektiv nachvollziehbare Kriterien war problematisch. Rasselten die feinen Herrschaften durch den Test, gab es fast immer Zoff. So hatte jeder Mangel an Takt oder Umsicht beim DÜV-Sachverständigen eine Beschwerde zur Folge.

Hott vor Mot – Vorfahrt für Pferde

Um Sympathien und Antipathien auszuschalten, wurde das Testverfahren weiter genormt, bis schließlich ab 1956 der noch heute gebräuchliche Multiple-Choice-Fragebogen kam. Leichter ist die Prüfung dadurch wahrscheinlich nicht geworden: "Es gibt ja so viele Verkehrszeichen und -regeln zu beachten", sagt Hildegard Fricke, die ihre Fahrprüfung 1941 absolvierte und heute noch fährt.

"Damals hieß es noch ,Hott vor Mot‘", erzählt die 81-Jährige aus Neustadt in Niedersachsen. "Motorisierte Fahrzeuge mussten Pferdefuhrwerke vorlassen." Jedes Jahr werden heute rund 1,4 Millionen Prüfungen zum Pkw-Führerschein in Deutschland abgenommen – im Osten von der DEKRA, im Westen vom TÜV. Charakterliche Eignung wird dabei nicht mehr abgefragt. Was manchmal irgendwie schade ist.

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