Alfa 4C im Test

Alfa Romeo 4C: Test

— 04.06.2014

Dieser Alfa geht ins Herz!

Alfa Romeo lieben heißt auch leiden – wie unser erster Test des neuen Carbon-Sportlers 4C zeigt. Der knackige Sportler macht nämlich nicht nur Spaß.

Video: Alfa Romeo 4C

So fährt der Alfa 4C

Es gibt nicht viele Marken, deren Fans so leidensfähig sind wie die von Alfa Romeo. Einst schwärmten die Alfisti mit leuchtenden Augen von röhrenden Doppelnockern und betörend schönen Karosserien. BMW? Non macchina bella! Vorbei. Die aktuelle Modellpalette besteht mit MiTo und Giulietta aus zwei nett eingekleideten Fiat-Modellen. Technisch der Konkurrenz derart unterlegen, dass es einem fast schon leidtun kann, was die Italiener aus dieser stolzen Marke gemacht haben. Und den Alfisti? Ist das völlig egal. Sie lieben ihre Marke, fahren einfach ihren 156er weiter, den letzten überzeugenden Alfa. Doch so langsam scheinen die Romeos am Ende ihrer Leidensfähigkeit angekommen zu sein. Weltweit fanden sich im letzten Jahr nur noch etwas mehr als 70.000 Käufer – das kommt dem Abstieg in die automobile Kreisklasse nahe.

Mit gut einer Tonne ist der 4C ein echtes Leichtgewicht

Alfa Romeo verspricht 895 Kilo, wir messen gut eine Tonne – der 4C geht trotzdem als Leichtgewicht durch.

Ein Held musste also her, einer, dem das "Forza Alfa" ins Blech gestanzt ist. Einer, der das Herz der Fans wieder  höherschlagen und sie an die Marke glauben lässt – und die Wartezeit bis 2016 überbrückt. Dann sollen endlich neue Alfa mit Hinterradantrieb den alten Geist aufleben lassen. Zwei lange Jahre hat sich Alfa Romeo Zeit gelassen, diesen Helden auf unsere Straßen zu schicken. Doch jetzt ist er endlich da, steht mit verführerischen Proportionen flach und breit auf unserem Testgelände. Ein Kopfverdreher, ein Männer-Versteher. Klar, dass er nicht einfach schnöde rot lackiert ist, der 4C trägt Rosso Competizione. "Competizione", auf Deutsch Wettkampf. Und das darf man als Ansage verstehen, Alfa will sich mit der Flunder am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Technisch haben sie mit einem neu konstruierten Carbon-Chassis tief in die Trickkiste gegriffen. Gerade mal 895 Kilogramm soll der Alfa wiegen. Dass unsere Waage am Ende bei gut 1000 Kilo stehen bleibt? Geschenkt. So oder so ist der 4C ein Leichtgewicht, ein Porsche Cayman wiegt 400 Kilogramm mehr.
News und Tests zum Alfa 4C

Bei Verarbeitung und Materialien dürfte Alfa ruhig nachlegen

Hier erwartet man mehr: Das einteilige Armaturenbrett des Alfa 4C hat die Anmutung eines Dacia.

Trotzdem ist der Alfa viel mehr als ein Spielzeug, seiner knappen Länge von nicht einmal vier Metern zum Trotz. Nur der Einstieg will einem normalen Mitteleuropäer nicht so recht gelingen: Rechtes Bein in den Fußraum, langsam fallen lassen, bloß nicht den Kopf am Dach anstoßen, linkes Bein über den breiten Schweller nachziehen – und in den kleinen Sportsitz plumpsen lassen. Einmal Platz genommen, überrascht das karge Cockpit mit fast schon üppigem Raumangebot. Ob Beine oder Kopf, der 4C zwickt nirgends wirklich, die Sitzposition auf den zu kleinen Sitzchen passt.  Nur sollte man sich nicht so genau umschauen. Vielleicht hat Fiat-Chef Sergio Marchionne dem als Qualitätsfanatiker bekannten VW-Boss Martin Winterkorn einen Gefallen getan, als er ihm Alfa nicht verkaufen wollte. Den hätte wahrscheinlich bei der genauen Inspektion eines 4C der Schlag getroffen. Das einteilige Armaturenbrett hat die Anmutung eines Dacia, die schief eingepasste Abdeckung des Beifahrerairbags, wackelnde Schalter und knarzende Kunststoffe zeigen, dass akkurates Zusammenbauen nicht ganz oben im Lastenheft des 4C stand. Aber mal ganz ehrlich: Ist es nicht genau das, was einen Alfa ausmacht? Dass er nicht wie ein Audi derart perfektioniert ist, dass einem beim Fahren die Füße einschlafen?

Und so sehen wir über die lausige Qualität hinweg und starten den Motor – dafür ist der 4C schließlich gebaut. Mit einem heiseren Schrei erwacht der kleine Vierzylinder direkt hinter den Gehörgängen des Fahrers. Vierzylinder? Der Alfa knurrt ähnlich gefährlich wie seine größeren Achtzylinder-Brüder von Ferrari – und auch so laut. Wie die Italiener dafür eine Straßenzulassung bekommen haben? Vielleicht war der Zulassungsbeamte Alfista.

Trotz seiner Macken macht der Alfa einfach Spaß

Querverkehr: 240 PS reichen für derartig wilde Drifts – und für 4,7 Sekunden von 0 auf Tempo 100.

Auch wenn du als Fahrer nicht wirklich introvertiert sein darfst, passt der Motor herrlich zu dem raubeinigen Charakter des 4C. Heiser bellt er sich durchs Drehzahlband, schubst den leichten Alfa in nur 4,7 Sekunden über die 100-km/h-Marke. Nur übertreiben sollte man es mit der Geschwindigkeit nicht, Autobahnen sind nicht das Revier des 4C. Zum einen, weil Fahrwerk-, Wind-und Motorengeräusche schon nach wenigen Minuten ernsthaft nerven. Zum anderen, weil der Alfa praktisch keinen Geradeauslauf kennt. Wie bei einem alten Elfer wird die Front bei hohen Geschwindigkeiten gaaanz leicht, bei Spurrinnen in schnellen Kurven braucht es viel Gefühl und zwei Fahrspuren, um den 4C einzufangen. Lieber auf die Landstraße, hier ist der Sportler zu Hause. Ohne große Seitenneigung umrundet er Kurven, mehr Spaß macht trotz der relativ geringen Leistung wohl nur ein Motorrad. Einzig die etwas gefühllose Lenkung stört. Aber das ist Klagen auf hohem Niveau. Schon lange hat kein neues Auto derart viel Spaß gemacht, mit seinem kernigen Charakter das Herz des Fahrers betört. Den Alfa willst du nach einem heißen Ritt nicht in der Garage abstellen, ihn willst du lieber mit ins Wohnzimmer nehmen.

Am Ende können wir dem Alfa mit einem Testergebnis von gerade mal 377 von 700 Punkten zwar kein gutes Zeugnis ausstellen. Aber hartgesottene Fans werden sagen: Gott sei Dank, er will nicht jedem gefallen. Diejenigen jedoch, die seinem ehrlichen Charme verfallen, wird er rundum glücklich machen – und zu leidensfähigen Alfisti.
Fahrzeugdaten Alfa Romeo 4C
Motor/Bauart/Zylinder Vierzylinder, Turbo
Einbaulage Mittelmotor, hinten quer
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/2
Nockenwellenantrieb Zahnriemen
Hubraum 1742 cm³
kW (PS) bei U/min 177 (240)/6000
Nm bei U/min 350/2200
Vmax 258 km/h
Getriebe Sechsgang-Doppelkupplung
Antrieb Hinterradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung 205/40 R 18 Y–235/35 R 19 Y
Reifentyp Pirelli P Zero
Radgröße vorn/hinten 7x18''/8,5x19''
Abgas CO2 157 g/km
Verbrauch* 9,8/5,0/6,8 l
Tankinhalt 40 l/Super
Kältemittel R1234yf
Vorbeifahrgeräusch 71 dB (A)
Anhängelast gebr./ungebr. keine Angaben
Kofferraumvolumen 110 l
Länge/Breite/Höhe 3990/1868–2090**/1184 mm
Testwagenpreis 54.500 Euro
* innerorts/außerorts/gesamt auf 100 km; ** Breite mit Außenspiegeln
Messwerte Alfa Romeo 4C
Beschleunigung
0–50 km/h 1,8 s
0–100 km/h 4,7 s
0–130 km/h 7,2 s
Elastizität
60–100 km/h 3,7/6,1 s (4./5. Gang)
80–120 km/h 5,0/7,5 s (5./6. Gang)
Leergewicht/Zuladung 1016/159 kg
Gewichtsverteilung v./h. 39/61 %
Wendekreis links/rechts 11,0/11,6 m
Bremsweg
aus 100 km/h kalt 35,0 m
aus 100 km/h warm 33,9 m
Innengeräusch
bei 50 km/h 75 dB (A)
bei 100 km/h 77 dB (A)
bei 130 km/h 83 dB (A)
Testverbrauch – CO2 8,6 – 203 g/km
Reichweite 460 km
Autor:

Stefan Voswinkel

Fazit

Nein, im klassischen Sinn ist der 4C sicher kein gutes Auto – und genau deswegen ist er eben doch eins. Er berauscht in seiner Imperfektion die Sinne, erobert Herzen – und bleibt in Erinnerung. Ein Alfa, wie wir ihn uns schon lange gewünscht haben.

Stichworte:

Sportwagen

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