Alternative Kraftstoffe

Das Pommes-Taxi von Berlin Das Pommes-Taxi von Berlin

Alternative Kraftstoffe

— 23.04.2003

Das Pommes-Taxi von Berlin

Tanken an der Friteuse: Wer altes Speiseöl statt Diesel nimmt, hat fast keine Spritkosten. Taxifahrer Günther beweist es.

Null Komma nichts kostet der Sprit

Wer der Leidenschaft von René Günther auf der Spur ist, sollte neben robuster Kleidung und derbem Schuhwerk einen unempfindlichen Magen mitbringen. Die Hexenküche des schrulligen Taxifahrers aus Altlandsberg bei Berlin riecht wie ein Fonduetopf am Neujahrsmorgen: ziemlich eklig. Auf dem Boden verstreut liegen dreckige Lappen und tote Spinnen, in den Ecken türmen sich weiße 25-Liter-Kanister neben blauen 150-Liter-Fässern.

Über alles, einfach alles in dem alten Gemäuer hat sich ein kalter, klebriger Film gelegt. Denn Öl kriecht. Und geht mit all dem Schmutz und Staub eine dauerhaft schmierige Verbindung ein. Der Chef schlurft heran. "Tagchen!", ruft René Günther und streckt die Hand zum Gruß aus. "Willkommen in meiner kleinen Raffinerie."

Das Gegenstück zu milliardenschweren Großkonzernen à la Shell und BP sitzt in einem Abbruchhaus in der ostdeutschen Provinz. Null Komma nichts kostet hier der Liter Sprit. Rechnet man den Aufwand für Rohstoffbeschaffung und -verarbeitung ein, sind es vielleicht ein paar Cent. Ein Preis, bei dem weder Ölmultis noch freie Tankstellen, weder subventionierter Biodiesel noch steuerbefreites Erdgas mithalten können. Aber darum geht es erst in zweiter Linie.

Eine Religion, die Gläubige findet

Viel wichtiger ist die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Die Überzeugung, mit reinem Öko-Gewissen Auto zu fahren: Altpöler heißen sie, missionarischer Eifer treibt sie – die Hardcore-Fraktion unter den Pflanzenöl-Fahrern. Der Stoff, aus dem ihre Träume sind, ist Speiseöl oder Frittenfett, gebraucht und alt. Sie schütten es sich in den Tank und fahren damit wie geschmiert. Eine Religion, die immer mehr Gläubige findet. Wie René Günther.

Der Taxler hat sein Auto, einen 99er Mercedes C 220 Diesel, bei Kilometerstand 146.000 auf Speiseöl umgerüstet. Und seitdem fast 90.000 Kilometer abgespult. Ohne Probleme, wie er sagt. Selbst bei 17 Grad minus. Die notwendige Technik gibt es als Bausatz ab 1280 Euro fertig zu kaufen. In Renés C-Klasse sitzt ein 43-Liter-Zusatztank in der Reserveradmulde unterm Kofferabteil. Der ist ebenso beheizt wie die Spritleitungen, denn bei Temperaturen unter zehn Grad kann das Fließverhalten von Speiseöl kritisch werden.

Gestartet wird mit Diesel. Je nach Kühlmitteltemperatur regelt ein Computer, wann auf Ölbetrieb umgestellt wird, in der Regel nach drei bis zehn Kilometern. Um für den nächsten Start Diesel in der Einspritzung zu haben, wird etwa zwei Kilometer vor dem Abstellen des Motors wieder umgeschaltet. Den Rohstoff zapft René Günther aus den Friteusen seiner Stammkunden. Die Betreiber von Imbissbuden und Restaurants sind froh, die alte Suppe los zu sein. Ohne den Altpöler müssten sie die Entsorgung organisieren und bezahlen.

Beste Qualität vom Nobel-Gastronom

Zu Hause siebt der 39-Jährige akribisch Kartoffelstückchen und andere Schwebeteilchen aus dem Roh-Öl heraus. Steht es erst mal ein paar Wochen, hat sich bereits ein Menge Ölschlick am Boden der Fässer ab gelagert. Den Rest holt René Günther mit einem Feinfilter heraus. "Rund ein Drittel bleibt übrig", sagt er. "Das bekommt der Verwerter, und der macht dann Futtermittel daraus."

300 bis 500 Liter im Monat verarbeitet der Pöler. Einmal waren es sogar 1500. Etwa zwei Tonnen hat er noch ungefiltert stehen. Den Rohstoff holt er sich "vom Griechen oder Italiener". Denn die nehmen Öl statt Fett und wechseln es öfter mal. Fett frisst der Motor dank Tank-Heizung zwar auch, doch das lässt sich in Günthers kalten Gemäuern schwieriger handhaben. "Ich nehme deshalb nur ein bisschen Fett von einer Bäckerei", sagt René Günther. "Weil ich die Leute kenne." Ansonsten ist Pflanzenöl erste Wahl. Manchmal sogar das gute zu 1,50 Euro den Liter vom Nobel-Gastronomen. Natürlich gratis.

Einige Fahrgäste bestellen das Speiseöl-Taxi (0163-730 22 22) immer wieder. Weil sie fasziniert sind von der Technik, dem Öko-Recycling. Andere wollen plötzlich zum Fast-Food-Restaurant statt zum Friseur fahren. "Der Pommesduft am Auspuffrohr macht ganz schön hungrig", weiß René Günther. Wenn der Taxifahrer Passagieren zum Abschied die Hand reicht, kann es manchmal ein wenig kleben. "Nicht böse sein", sagt er dann lächelnd. "Fett ist gut für die Haut."

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