Willkommen im Unter-drei-Sekunden-Club! Bislang war es eine sehr exklusive, kleine Gesellschaft, die in jüngster Zeit jedoch vermehrten Zulauf verzeichnet. Neuerdings drängeln sich nassforsche Typen in den Club der Arrivierten vom Schlage eines Bugatti Veyron: ein Audi R8 V10 Plus im braven Werks-Trimm etwa, oder ein serienmäßiger Porsche 911 Turbo S auf hundsgewöhnlichen Straßenreifen. Der Gipfel der neureichen Respektlosigkeit: der McLaren 570 S benötigt für einen 2,9-Sekunden-auf-hundert-Ritt nicht einmal Allradantrieb.
Dem McLaren reicht eine angetriebene Achse
Programmiertes Kunststück: Dank Launch Control geht der heckgetriebene 570 S in 2,9 s auf 100 km/h.
Bild: Harald Almonat
Wie das geht? Nun, das immer perfektere Zusammenspiel von Motordrehmoment, Launch Control, Doppelkupplungsgetriebe und (Sport-)Reifen macht’s möglich. Für Erstaunen sorgen auch die weiteren Beschleunigungswerte: Nach nur 8,5 Sekunden hat der Brite unter hart hämmerndem Röhren 200 km/h erreicht, ist damit kaum langsamer als sein großer Bruder 650 S und exakt auf dem Niveau eines 750 PS starken und doppelt so teuren Lamborghini Aventador Superveloce. Noch bis 250 km/h liegen diese beiden gleichauf, bis 300 km/h nimmt der Italiener dem Briten lediglich 0,6 Sekunden ab. Für seine offiziell genannten 570 PS geht der McLaren ungewöhnlich gut – schieben wir es einfach auf den Leichtbau. Das die Alukarosserie tragende Carbon-Monocoque des McLaren wiegt lediglich 75 Kilogramm, in Summe erreicht der 570 S vergleichsweise schlanke 1440 Kilogramm, auch durch den bewussten Verzicht auf Allradantrieb. Die gute Traktion ist so zum großen Teil ein Verdienst der mehrstufig einstellbaren Fahrdynamikregelung, die Motordrehmoment, Kupplungsschlupf und Bremseingriffe perfekt koordiniert.
R8 und 911 wiegen rund 200 Kilo mehr als der 570 S
Video: McLaren 570S (2016)
Mit 300 Sachen über den Asphalt
Auch Audi und Porsche haben das Thema Leichtbau auf dem Schirm: Die Karosserie des 911 besteht aus einer intelligenten Kombination von Alu und hochfesten Stählen, der R8 quasi komplett aus Aluminium. Gut 1,6 Tonnen Leergewicht sind die Quittung – nicht übermäßig viel für einen gestandenen Allradsportler, aber eben doch drei bis vier Zentner mehr, als der McLaren auf die Waage drückt. Entsprechend leichtfüßig und handlich fühlt sich der 570 S an, wozu auch die direkt übersetzte und traumhaft rückmeldende Lenkung ihr Scherflein beiträgt. Da der Fahrer zudem sehr tief und relativ weit mittig sitzt, stellt sich authentisches Rennsport-Feeling ein. Ganz und gar nicht rennwagenmäßig ist glücklicherweise der Federungskomfort: Das fein ansprechende Fahrwerk kommt auch mit holprigen Landstraßen klar, hält die Räder stets sauber auf dem Boden und grobe Schläge von den Insassen fern. Dass dieses grundsätzlich geschmeidige Set-up dennoch für die Rennstrecke taugt, untermauert die Zeitenjagd auf dem Sachsenring.Wir stellen alle Regler auf "Track", Antriebsstrang und Dämpfer straffen sich. Renn-Ass Guido Naumann fährt das Auto warm, dann schießt der McLaren wie ein extrem tief fliegender Kampfjet über die Start-Ziel-Gerade. Beim Anbremsen der Coca-Cola-Kurve stauchen die Keramikbremsen den Briten gefühlt auf Smart-Länge zusammen. Allerdings regelt das ABS früh und stark, in den Anbremszonen pulsiert beinahe ständig das Bremspedal.
Der Engländer macht ausschließlich auf den Geraden Zeit gut
Nachteil: Der 570 S liegt nervöser als die beiden Deutschen und kann so den Porsche nicht schlagen.
Bild: Harald Almonat
Die nicht ganz perfekte ABS-Abstimmung zeigt sich auch auf der blinden Kuppe in Sektor vier: Beim leichten Anbremsen überbremst schlagartig das rechte Vorderrad, was einen unerwarteten Quersteher zur Folge hat – den Guido jedoch lässig pariert. Sonst gibt es an der Performance des 570 S wenig zu meckern – außer dass die Pirelli P Zero Corsa schon nach zwei schnellen Runden weich werden, Unter- und Übersteuern sich dann munter abwechseln. Doch die Bestzeit ist schon im Kasten: Mit 1:33,12 Minuten hechtet der Brite starke drei Zehntel vor dem gleichfalls sportbereiften Audi über die Ziellinie. Die Analyse der Sektorenzeiten zeigt, dass der 570 S ausschließlich auf den Geraden Zeit gutmacht und in den kurvigen Streckenabschnitten gegenüber Audi und Porsche schon mal das ein oder andere Zehntelsekündchen liegen lässt. Was auch dem subjektiven Eindruck entspricht, dass der Brite ein nervöseres Handling an den Tag legt als die beiden Allradler, die schon beim Anbremsen und Einlenken in Kurven deutlich ruhiger auf der Bahn liegen und dank ihres Traktionsvorteils am Kurvenausgang wesentlich früher mit Vollgas beaufschlagt werden können.
Weitere Details zu den drei Supersportlern gibt es in der Bildergalerie. Den kompletten Artikel mit allen technischen Daten und Tabellen gibt es als Download im Online-Heftarchiv.
Rund 200.000 Euro sind natürlich kein Pappenstiel, doch man bekommt einen hohen Gegenwert: bei Audi einen der letzten großen Saugmotoren, eingebettet in ein ultrazackiges Chassis; bei McLaren einen für die Straße adaptierten Rennwagen; und bei Porsche einen Alleskönner – der auch noch am schnellsten ist.