Blaubes Salatöl-Fahrt

Von Alicante nach Aldi: VW Golf TDI auf Salatöl-Tournee Von Alicante nach Aldi: VW Golf TDI auf Salatöl-Tournee

Blaubes Salatöl-Fahrt

— 25.04.2006

Von Alicante nach Aldi

Natürlich müßte es "zu Aldi" heißen, doch wir leisten uns diesen Gag. Unvergessen die Tournee "Von Aldi nach Alicante" 2000 in AUTO BILD. Das Revival in umgekehrter Richtung.

Neue Zeiten, alte Schmierenkomödie

Da bin ich wieder – Côte d'Azur, Costa Brava, Costa Blanca. Im Augenwinkel flitzt Benidorm vorbei, das Paradies für Plattenbau-Urlauber, gegen das die Frankfurter Skyline wie eine lauschige Bungalow-Siedlung wirkt. Nur noch 40 Kilometer bis Alicante. Fast sechs Jahre ist es her, daß Kollege Matthias Moetsch mir diese Tour einbrockte. "Aldi ... von Aldi nach ... klar: Alicante. Von Aldi nach Alicante muß die Geschichte heißen", sinnierte er in der Redaktionskonferenz.

Damit stand die Destination meines Himmelfahrtskommandos fest. 6000 Kilometer mit meinem klapprigen, aber serienmäßigen Golf Turbodiesel von 1984, in Tank und Kofferraum nichts als das schmierige Lebensmittel von eben jener Supermarktkette. Es folgten Umbauversuche, Dutzende Folgen der Kultserie "Blaubes Salatöl-Tagebuch", bei Kilometerstand 430.116 schließlich – nach erfolgreichem Finale der nie ganz ernstgemeinten Tests – die Entsorgung des Golf II.

Seit 2000 hat sich viel geändert. Meine Haare sind weniger, dafür aber länger geworden, der Liter Aldi-Rapssaft kostet 0,79 Euro statt 1,09 Mark, Fotograf und Copilot Sven Krieger knipst digital. Ach ja, und es gibt den Golf V. Mit TDI und Pumpe-Düse und so. Ein gutes Reiseauto.

"Klar, ein Revival der 2000er Tour für die AUTO BILD-Geburtstagsnummer. Ach ja, Alicante. Logisch, mit einem neuen TDI. Sicher, mit Salatöl ..." Bis hierher war der Marschbefehl ein Selbstgänger. Doch dann das dicke Ende: Auch den modernen Golf macht keinerlei Umbau für das Dressing kompatibel. Serie pur.

Reifen geraucht, oder was? Jahrelang zitiere ich die Salatöler-Fachwelt, moderne Direkteinspritzer würden vor der zähen Pampe kapitulieren. Lagerschäden, Pumpenplatzer, Liegenbleiber – ohne Totalumrüstung programmiert. Und nun das. Wissen die Jungs vom VW-Pressefuhrpark überhaupt Bescheid? Sie wissen – der neue Motor wartet schon. Immerhin, ich darf die Notnägel einpacken, die ich 2000 dabei hatte: zwei Sparfilter, fünf Dosen Startpilot. Außerdem ist der einstige Zielort heuer der Ausgangspunkt, bis Alicante geht es mit Diesel.

"Von Alicante nach Aldi" – wenigstens muß ich nicht nach der Überschrift grübeln. Ich krame die alten Notizen raus. 32 Grad Celsius maßen wir damals in Spanien, beim kältesten Kaltstart 18 Grad. Wobei sich selbst der alte, für Salatöl gutgeeignete Wirbelkammer-Diesel nur mit Startpilot in Gang bringen ließ. Heute meldet Kachelmann: bundesweit minus vier, Schneechaos in Frankreich, Valencia ganz in Weiß. Na, dann los.

Stinkend, aber schnurrend gen Spanien

Die Piste bleibt trocken, der Verkehr Südeuropas fließt wieder. Wie das Sonnenblumenöl in den TDI-Tank, weisungsgemäß unter Alicantes Ortsschild. Laut Reichweitenanzeige des Bordcomputers dürften noch fünf Liter Diesel drin sein. Kann klappen. Start, Gas. Adios, Costa Blanca. Ich komme 2026 wieder, wenn die AUTO BILD 40 wird. Ob ich dann meine Brennstoffzelle einölen werde?

Am Etappenziel Barcelona ist der Tank trocken. Wir kippen 50 Liter Salatöl nach. Beim Kaltstart morgen früh sorgt rechnerisch noch ein runder halber Liter Rest-Diesel für Verdünnung. Etwa ein Prozent. Geschenkt. Acht Uhr, sechs Grad. Der TDI springt nach fünf Sekunden an. Bockt nicht, läuft einfach schnurrigrund. Ich sehe Sven an. Sven mich. Kneifprobe ... tatsächlich, nicht geträumt.

Genauso real ist der beißende Gestank unverbrannten Salatöls. Erst auf der Autopista deaktivieren wir die Umluftschaltung. Jetzt weiß ich, was beim Golf II fehlte. Auch die Kassierer in Frankreichs Autobahn-Mautzellen ringen nach Luft. Ist im Mutterland des Parfüms halt kein gängiger Duft, was aus dem Endrohr quillt. Mehr ungläubig als angewidert sind ihre Landsleute auf dem Supermarché-Parkplatz: "Huile végétale? Oh, là, là!"

Minus ein Grad zeigt das Display am nächsten Morgen. Der Diesel-Rest ist auf eine Fingerhutfüllung dezimiert, jetzt wird's spannend. Kurz vorglühen, lange orgeln. Nach 20 Sekunden ist der TDI da, hustet finstere Wolken in die Morgenluft der Provence. Der Drehzahlmesser humpelt bei 600 Touren, die Motorelektronik verweigert jede Reaktion auf das Gaspedal. Erst vier Minuten später hat sich der Selbstzünder auf 850 Touren hochgerappelt, nimmt Gas an. Dann ist die Überraschung um so größer: Er zeigt sich völlig unbeeindruckt, dieselt exakt so brav wie mit Normsprit. Und geht, wie ein TDI nun mal geht. Hamburg, wir kommen ...

... noch nicht ganz. Nach der Pflicht kommt die Kür, überlegen wir. Und wählen das Berner Oberland als Austragungsort. Wir erreichen das Hotel am Schwarzsee bei minus 8,5 Grad. Morgengrauen. Arktische 11,5 unter Null. Das Salatöl im Kofferraum zeigt sich uneinheitlich: In manchen Flaschen schwappt Flüssiges, in anderen wabert eine honigartige Melasse. Das sollen die Pumpen durch die mikroskopischen Injektorenlöcher pressen? Na, denn prost.

Wie erwartet zündet das Triebwerk nicht. Ein Fall für Kollege Startpilot. Ein herzhafter Spitzer, schon nagelt der TDI wie gehabt: Nach vier Minuten nimmt er willig Gas an, als wäre nichts gewesen. Die Passage nach Hamburg: Routine. Oder?

Früher war's überhaupt nicht besser!

Was ruckelt denn da so kurz vor dem Ziel? "Mist, im Elbtunnel ist keine Pannenspur", schreie ich. "Tut mir leid, mein Alter", kontert Sven cool, "den Witz kenne ich noch von damals. Halt' den Gasfuß still und verkauf' mich nicht für blöd." Spielverderber. Ab zu Aldi, nachtanken, Feierabend.

Fazit: Der neue Golf TDI meisterte die Tortur um Welten problemärmer als ehedem sein Urgroßvater mit konventioneller Technik. Ein Wunder, auch für uns. Und der Spritverbrauch? Gefühlsmäßig geringfügig höher als mit Diesel – bei identischen Fahrleistungen. Bleibt die Frage: Wird der Salatöl-Golf V später krepieren? Wenn ja: wann und woran? Es hat sich eben doch nicht alles geändert seit 2000. Einmal mehr steht unser Entschluß fest: Wir machen weiter.

Nachahmen auf eigene Gefahr! Auch wenn der neue VW Golf TDI (Pumpe-Düse, 105 PS) die gut 2600 Kilometer offensichtlich problemlos überstand: Wegen möglicher Schäden warnen wir davor, Wirbelkammer- oder Direkteinspritzer-Diesel ohne entsprechende Umbauten mit Pflanzenöl zu betreiben. Wer nicht selbst basteln will, sollte sich an einen Fachbetrieb wenden. Profi-Umrüster, deren Vertragspartner sowie Tankstellen finden sich im Internet, zum Beispiel unter www.biotanke.de.

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