Carbazol: Kraftstoff für Elektroautos

— 29.06.2011

Das elektrische Benzin

Ein neuartiger Kraftstoff könnte Batterien als Energieträger überflüssig machen – und der Brennstoffzelle zum Durchbruch verhelfen. So funktioniert "Carbazol".



"Die Elektroautos der Zukunft werden Carbazol statt Strom tanken!" Der Satz ist erst wenige Tage alt und stammt von Professor Wolfgang Arlt, Verfahrenstechniker an der Uni Erlangen. Es ist ein Satz, der die Auto-Welt aus den Angeln heben könnte. Bislang müssen E-Mobile zum Nachladen entweder an die Steckdose oder zur Wasserstoff-Tankstelle. Große, schwere und teure Akkus, lange Ladezeiten bei Batterieautos und der gefährliche Umgang mit dem flüchtigen und hochexplosiven Wasserstoff bei E-Autos mit Brennstoffzelle sind die wichtigsten Gründe dafür, dass sich der Elektroantrieb gegenüber dem Verbrenner noch nicht durchsetzen konnte.

Zu den AUTO BILD GREENCARS

Professor Wolfgang Arlt, Uni Erlangen: "Carbazol ist der ideale Energieträger."

Dies könnte sich bald ändern, denn Forscher Arlt hat eine Methode entwickelt, um in der Flüssigkeit Carbazol große Mengen Wasserstoff chemisch zu speichern und ihn später wieder zurückzugewinnen. Im Auto würde mit diesem Wasserstoff eine Brennstoffzelle zur Stromerzeugung betrieben werden. Zurück in den Tank fließt das "entladene", energiearme Carbazol, das an der Tankstelle wieder gegen die mit Wasserstoff "aufgeladene", energiereiche Variante getauscht wird.
Was ist Carbazol?
(N-Ethyl-) Carbazol ist ein Kohlenwasserstoff mit der chemischen Formel C12 H9 N. Mit einem spezifischen Gewicht von 1,1 Kilo pro Liter wiegt es etwas mehr als Wasser. Carbazol riecht ähnlich wie Dieselkraftstoff und bildet wie dieser keine explosiven Gemische mit Luft. Als Perhydro-Carbazol speichert Carbazol doppelt so viel Wasserstoff wie ein 700-Bar-Drucktank.

"Die Atmosphäre wird nicht belastet"

Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium: "Das ist die Zukunft im Automobilbau."

Die Wiederaufarbeitung des energiearmen Carbazols in das energiereiche könnte dezentral direkt an Orten erfolgen, wo Strom produziert wird, also in Windparks in der Nordsee oder sogar mit Solarenergie in der Sahara. Carbazol lässt sich nämlich – anders als Wasserstoff – ungefährlich und ohne Verluste über weite Strecken in Pipelines transportieren oder in Tanks lagern. Entscheidender Vorteil gegenüber allen anderen Energieträgern ist für Arlt der Kreislauf: "Carbazol ist als energietragende Substanz deswegen so gut, weil es sich um einen geschlossenen Kreislauf handelt. Die Atmosphäre wird nicht belastet, anders als bei der Nutzung fossiler Brennstoffe."

Brennstoffzelle in Großserie

Auch im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) sieht man Arlts Arbeit mit großem Interesse. "Das ist die Zukunft im Automobilbau!", jubelt Staatssekretär Rainer Bomba im Gespräch mit AUTO BILD. "Hier müssen wir massiv investieren, hier können wir Weltmarktführer wer- den." Zurzeit läuft ein Forschungsantrag des Erlanger Instituts für Verfahrenstechnik, das BMVBS will das Projekt mit zunächst 400.000 Euro unterstützen. Die Unternehmen BMW, MAN und Siemens sind bereits mit im Boot, Daimler bestätigte gegenüber AUTO BILD, dass man sich intensiv mit dem Thema befasse. Bis wir mit Carbazol Auto fahren, werden laut Arlt allerdings weitere acht bis zehn Jahre Entwicklungszeit vergehen. Das klingt lang, aber, so der Professor: "Schließlich geht es hier um die Umstellung einer kompletten Infrastruktur von fossilen Brennstoffen auf ein neues System. Und das muss sorgfältig geplant werden."
Autor:

Frank Rosin

Fazit

Nur mit viel Energie ließ sich der hochexplosive Wasserstoff bisher handhaben – was seine Ökobilanz zerstörte. Dank Carbazol kann es sich nun endlich lohnen, mit kanadischer Wasserkraft oder afrikanischer Sonne erzeugten Wasserstoff überallhin zu transportieren. In Tankschiffen oder Pipelines. Und für Deutschlands Autoindustrie wäre das E-Benzin nicht nur Durchbruch, sondern nach verschlafener Hybrid-Technikauchspäte Genugtuung.



Diesen Beitrag empfehlen

Artikel bewerten

Bewerte diesen Artikel

Fremde Bewertungen

Weitere interessante Artikel

Weitere interessante Videos

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige
Adventskalender 2014

Adventskalender 2014

Im autobild.de-Adventskalender 2014 gibt es Preise im Gesamtwert von über 250.000 Euro.

Jetzt mitmachen und gewinnen!

Neuwagen

NEUWAGEN zu Top-
Konditionen, mit voller
Herstellergarantie
und zu attraktiven
Zinsen finanziert.

Hier klicken zu den Top-Angeboten

Gebrauchtwagen

Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen.

Günstige Gebrauchtwagen-Angebote