Der größte Laster der Welt

— 23.03.2002

Ach du dickes Ding!

In den Ölsandgebieten Kanadas sind die größten Lastwagen der Welt im Einsatz. Fahreindrücke aus dem "Big Baby" mit 117 Liter Hubraum.



Klima und CD-Spieler serienmäßig

Der Aufstieg für Autotester ist bisweilen mühsam. Besonders heute, denn bis zum Führerhaus sind es 18 hohe Stufen. Mechaniker Jim Walsh nimmt neben mir Platz, erklärt die zig Schalter und Hebel. Motor starten, Gang rein, Gas geben. Und los geht es. "Nein, wie ein üblicher Truck fährt ,Big Baby' nicht", hatte Jim mir vorhin verraten. Natürlich nicht, wie ich bereits auf den ersten Metern merke - nur andersherum, als ich dachte. Denn Big Baby lässt sich praktisch wie ein moderner Personenwagen dirigieren: direkte Servolenkung, sanft schaltende Automatik, spontan ansprechende Bremsen, ein fast sportliches Handling.

Für kuscheligen Komfort sorgen Klimaanlage, Sitzheizung, E-Fensterheber, CD-Spieler - alles Serie. Nur das heftige Geschaukel nervt. Wie ein Dampfer in rauer See stampft der gelbe Koloss über die Schotterpiste. "Voll beladen lässt es sich lässig gleiten", versichert Jim. Dann kommt mein Vollgas-Kommando. Big Baby faucht vehement los und erreicht nach wenigen Sekunden sein Höchsttempo: respektable 64 km/h.

Holzkisten, Findlinge und ein Erdwall liegen im Weg. Kein Grund auszuweichen. Beinahe unmerklich bügelt der Stahl- Koloss über die Hindernisse, zieht unbeirrt seine Bahn. "Fünf Autos und Pick-ups wurden hier in den letzten Jahren bereits versehentlich überrollt. Am Lenkrad spürst du davon nicht mehr als im Pkw, wenn du eine Cola-Dose platt machst", erzählt Jim ohne sichtliche Regung.

Einparken. Ich schaue in den Rückspiegel, der auch in einem Ankleidezimmer gut aufgehoben wäre. Und sehe nichts. Zum Glück sind die beiden Fernsehkameras perfekt justiert. Zentimetergenau in die Lücke zirkeln, Feststellbremse ziehen, Luft holen. Mann, was für ein Trumm! Ein Vierfamilienhaus mit über 3000 PS? Passt, der Vergleich. Wie mache ich den Leuten zu Hause bloß diese unglaublichen Dimensionen klar?

50 Scheiben bremsen das Baby ab

Überhaupt: Big Baby - was für ein komischer Kosename. Die offizielle Bezeichnung lautet Caterpillar 797. Der größte Lastwagen der Welt. Sein Job: maximale Massen in kürzester Zeit bewegen. Und dadurch Energieprobleme lösen - mit einem Spritdurst, der etwa dem von 350 Kleinwagen entspricht. Wie passt das zusammen? Eine Frage, die sich hier oben - bei Fort McMurray, im Norden der kanadischen Provinz Alberta - von selbst beantwortet. Auf einem Gebiet von der Fläche Hollands lagern einige Meter unter der Grasnarbe riesige Ölvorkommen. Gebunden in Sand und Grundwasser. Ausreichend, um den weltweiten Ölbedarf für über 100 Jahre zu sichern.

Rund 18 Dollar nehmen die OPEC-Staaten für ein Barrel (159 Liter) des schwarzen Goldes. So viel, dass das aufwendige Heraustrennen des Öls aus den kanadischen Erdmassen lohnt - eine effektive Abbautechnologie vorausgesetzt. Dank der Big Babys und der deutschen "Orenstein & Koppel"-Hydraulikbagger, die mit einem Griff 100 Tonnen fördern, passt die Rechnung: Die Produktionskosten liegen derzeit bei elf Dollar pro Barrel. Kein Wunder, dass Kanada mittlerweile der größte Öllieferant der USA ist.

Laut Werksangabe kann der Caterpillar-Kipper 326 Tonnen laden - mehr als das zulässige Abfluggewicht eines Jumbo-Jets. "Im Test hatten wir schon 500 drauf", erwähnt Jim beiläufig. Dimensionen, die den Ex-Diesellok-Schrauber kalt lassen. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er beim Caterpillar-Vertreter Finning bereits 36 Big Babys zusammengebaut. Allein für die 63 Tonnen schwere Ladefläche brauchen acht Schweißer volle drei Wochen.

Wie die äußeren Hinterräder wird sie erst im Abbaugebiet montiert. Denn der Tieflader mit 122 Reifen, der unseren Testwagen heute dorthin liefern wird, ist für den kompletten "797" zu schwach. Weitere 62 dieser Monstren haben die Ölsand-Unternehmen Syncrude und Suncor geordert. Für stolze 7,5 Millionen Mark pro Stück.

326 t Zuladung - so viel wie 13 Sattelzüge

Sowieso herrscht in Fort McMurray echte Goldgräberstimmung: Fast 50 Milliarden Mark sollen bis 2010 investiert werden. Als dritter Ölriese hat Shell gerade sein Claim abgesteckt: Die Pipeline ist fertig, die Tundra wird bereits abgetragen. Im Februar 2002 soll hier der erste Saft im Zeichen der Muschel fließen. Soll, denn neun Monate Bodenfrost und winterliche Durchschnittstemperaturen von minus 30 Grad sorgen für zähen Fluss.

Bedingungen, unter denen die Big Babys rund um die Uhr im Einsatz sind. Mit filigraner Technik ist so was nicht zu schaffen. Hier zählt schiere Größe. Was auch für die Fahrergehälter gilt: 140.000 Mark pro Jahr verdienen die Caterpillar-Piloten. Ein Drittel der harten Kerle sind Frauen. Tendenz steigend.

Mit einem Maßband bewaffnet steige ich aus, um die Hardware in Zahlen zu fassen. Gehe am Kühler (15 qm Fläche, Propeller-Durchmesser 2,69 Meter) vorbei die Treppe hinab. Und stehe vor einem der 40.000 Mark teuren Michelin-Reifen (55/80 R 63): 1,40 Meter breit, 4,05 Meter hoch. Ich krieche in die Felge. Schade, die gekapselten Bremsscheiben sind nicht zu sehen. Laut Datenblatt messen sie 107 Zentimeter. Und treten nicht im Quartett auf, sondern gleich im 50er-Pack: 20 vorn, 30 hinten. Hinauf zum Antriebsstrang, das Rückgrat des Lasten-Brontos. Kurze Verschnaufpause auf dem Getriebe (629 Liter Ölinhalt), dann hangele ich mich am Auspuffrohr (45 cm Durchmesser) nach oben und lande auf dem Luftfilterkasten, der im Schrankwand-Format neben dem Führerhaus thront.

Drin sitzt Jim und grinst mich an. "Soll ich dir etwas verraten?", fragt er schnippisch. Und raunt etwas vom künftigen 797-Nachfolger, an dem die Caterpillar-Leute angeblich arbeiten: 550 Tonnen Nutzlast, über 5000 PS stark. Nur die Traglast der Reifen mache noch Probleme. Und die Einfahrt der Montage-Werkstatt: Sie ist nur neun Meter hoch und elf Meter breit.

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