Diesel kaufen: Pro und Kontra

Diesel-Abgasskandal – Fragen zum Rückruf

Behörden legen weitere Diesel still

In Hamburg und München haben die Behörden weitere manipulierte Diesel stillgelegt. Und das dürfte nicht das Ende sein. Alle Infos für betroffene Besitzer!
(dpa/mas/brü/lhp/cj) In München und Hamburg haben die Behörden weitere Diesel mit manipulierter Abgassoftware zwangsweise stillgelegt. Die Besitzer hatten auf die mehrfache Aufforderung zum Update der Motorsteuerung nicht reagiert. In Hamburg wurden nach Behördenangaben zwei Wagen aus dem Verkehr gezogen, in München einer. In der bayerischen Landeshauptstadt läuft bei 41 weiteren Fahrzeugen eine Gnadenfrist des Kreisverwaltungsreferats. Betroffen sind VW- und Audi-Modelle der Baujahre 2009 bis 2014 mit EA-189-Dieselmotor und illegaler Abschaltvorrichtung – also mit dem Antrieb, der beim Abgasskandal im Mittelpunkt steht. In Nürnberg kommen etwa 30 weitere Autos hinzu. Die Zwangsmaßnahmen treffen Autobesitzer, die 18 Monate nach Freigabe der Nachrüstung durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) trotz mehrfacher Erinnerung vom Hersteller nicht an der Rückrufaktion teilgenommen haben.

Erster Amarok in Bochum stillgelegt

Die meisten Motoren bekommen bei der Nachrüstung lediglich ein Software-Update fürs Steuergerät.

Bereits am 13. November 2017 hatte die Zulassungsstelle Bochum einen VW Amarok stillgelegt. Dessen Besitzer hatte nach eigenen Angaben eine Umrüstung wegen eines befürchteten Mehr­verbrauchs oder eines Leistungsver­lustes abgelehnt, wie AUTO BILD in Ausgabe 47/2017 berichtete. Zudem hätten Bekann­te über trägeres Ansprechverhalten des Motors und Schäden an der Abgasrückführung nach dem Update geklagt, argumentierte er. VW gibt keine Garantie, dass sich das Update nicht negativ auf Haltbarkeit oder etwa Verbrauch auswirkt. Weil sich im Fall eines Streits vor Gericht die Fahrzeugeigenschaften vor dem Update nicht mehr belegen ließen, empfehlen auch Rechtsanwälte in aller Regel, das Update nicht aufspielen zu lassen. Aus diesem Grund – und wegen "verwaltungsrechtlicher Bedenken" hatte die Zulassungsstelle Euskirchen in einem anderen Fall eine zunächst angeordnete Stilllegung nach Widerspruch durch den Halter wieder zurückgenommen.

Friedhof der VW-Schummel-Diesel in den USA

KBA greift bei 60.000 Audi durch

Auch das KBA ist in der Abgasaffäre erneut eingeschritten: Nach von Audi gemeldeten "Auffälligkeiten" der Abgassoftware von 60.000 A6 und A7 hat die Flensburger Behörde jetzt verpflichtende Rückrufe angeordnet – in Deutschland sind 33.000 der betroffenen Autos zugelassen. Laut Bundesverkehrsministerium handelt es sich um verbotene Abschaltvorrichtungen für die Abgasreinigung.

Wichtige Fragen und Antworten

Was bedeutet der größte Skandal in der deutschen Automobilgeschichte für die Fahrer manipulierter Autos? Wie wird umgerüstet, und was für Auswirkungen hat das für Verbrauch oder Leistung? Werden Autobesitzer entschädigt? AUTO BILD beantwortet die wichtigsten Fragen. Dazu: Pro und Kontra für den Diesel-Kauf!

Fragen und Antworten zu Diesel-Stilllegungen

Warum macht das KBA Druck?

Hintergrund ist, dass die Halter nach dem vom Kraftfahrt-Bundesamt angeordneten Rückruf 18 Monate Zeit haben, ihren Wagen in die Werkstatt zu bringen. Die Frist begann jeweils an dem Tag, an dem das Update für das Fahrzeugmodell zur Verfügung stand. Die ersten Benachrichtigungen waren für den VW Amarok rausgegangen, die Frist endete im August 2017.

Müssen Umrüst-Muffel mit Stilllegung rechnen?

Ja. Denn die örtlich zuständigen Zulassungsstellen können den Betrieb von nicht nachgerüsteten Autos verbieten und sie de facto stilllegen. Das kostet den Halter zudem rund 50 Euro Gebühren.

Wie läuft das Verfahren?

"Nimmt ein Halter nicht an der Rückrufaktion teil, wird er durch das KBA direkt angeschrieben und zur umgehenden Nachrüstung aufgefordert", erklärt ADAC-Jurist Markus Schäpe. Weigert er sich immer noch, werden diese Fälle an die örtlichen Zulassungsstellen weitergeleitet, die den Fahrzeughalter mit einer sehr knappen Frist schriftlich anhören. Lässt der Halter dann immer noch nicht umrüsten, werde die Behörde eine sogenannte Betriebsuntersagung erlassen. Gegen die Stilllegung kann der Betroffene allerdings mit einem Widerspruchsverfahren bzw. einer Anfechtungsklage vorgehen. Das Verwaltungsgericht klärt dann, ob die Maßnahmen rechtmäßig gewesen sind.

Gibt es Widerstand gegen das KBA-Vorgehen?

Ja. Die baden-württembergische Kanzlei Stoll & Sauer hat am 25. Juli 2017 per Eilverfahren beim Verwaltungsgericht Freiburg eine einstweilige Anordnung gegen die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das KBA, beantragt. Wichtigstes Ziel des Antrags: Dem KBA soll vorläufig untersagt werden, die Daten der Halter an die örtliche Zulassungsbehörde weiterzugeben.

Warum wollen sich einige Halter nicht am Rückruf beteiligen?

Grund ist die Angst vor technischen Problemen, einem erheblichen Mehrverbrauch oder dem Verlust von Schadenersatzansprüchen. Nach Ansicht des ADAC-Anwalts Schäpe ist letztere Angst unbegründet. Beim Anspruch gegen den Hersteller zähle der Neukaufzeitpunkt, gerade wenn argumentiert werde, damals zu viel für ein manipuliertes Auto gezahlt zu haben. Schäpe: "Wenn auf Rückgabe des Kfz an den Hersteller geklagt wird, ist eine nun erfolgende Nachrüstung unbeachtlich."

Welche Autos werden umgerüstet?

Nach Auskunft von VW können mittlerweile alle manipulierten Dieselmotoren vom Typ EA189 in der EU umgerüstet werden. In Deutschland liegen alle Freigaben des KBA seit Ende 2016 vor, betroffen sind vor allem die Verkaufsschlager VW Golf und Passat. Es handelt sich insgesamt um 32.000 Wagen mit 1,2 Litern Hubraum, 700.000 mit 1,6 Litern Hubraum und 1,88 Millionen mit 2,0 Litern Hubraum. Hinzugekommen sind zum Halbjahreswechsel 2017 mindestens 24.000 Audi mit V6 TDI als Dreiliter (davon 14.000 in Deutschland zugelassen) und 22.000 Porsche Cayenne 3.0 V6 TDI.

Wie lange wird der Rückruf andauern?

Nach Angaben vom Nachrüstungsbeauftragten des Markenvorstandes, Manfred Bort, sei man bei Volkswagen zuversichtlich, dass der Rückruf bis Herbst 2017 abgehakt ist. Stand Juli 2017 war nach Angaben eines VW-Sprechers bei 1,82 von gut 2,5 Millionen betroffenen Autos in Deutschland das Software-Update aufgespielt. Für den Rückruf autorisiert sind bundesweit 2173 Volkswagen-Partner, dazu eine kleinere Zahl von autorisierten Servicebetrieben. Die sind jedoch nur für die vom Rückruf betroffenen VW-Schwesternmarken Audi, Seat, Skoda und VW-Nutzfahrzeuge zuständig.

Was genau wird bei der Umrüstung gemacht?

Die meisten Motoren werden lediglich an einen Computer angeschlossen. Sie bekommen dann eine Software, die die Abläufe im Motor besser steuern und für eine effizientere Verbrennung des Diesels sorgen soll. Ein kurzes Video hat VW hier veröffentlicht, auch eine Service-App gibt es. Bei Autos mit 1,6-Liter-Motoren wird zusätzlich noch ein sogenannter Strömungsgleichrichter eingebaut. Das kleine Gitterrohr aus Kunststoff soll verwirbelte Luft ordnen, die durch den Luftfilter Richtung Motor strömt. Über genauere Messungen könne die Motorsteuerung das laufende Aggregat dann besser abstimmen und damit auch den Stickoxidausstoß senken (siehe Bildergalerie).

Was tun bei Problemen nach der Umrüstung?

"Grundsätzlich ist einem Betroffenen zu empfehlen, sich bei Problemen mit dem Hersteller beziehungsweise einer Vertragswerkstatt in Verbindung zu setzen", sagt ADAC-Anwalt Schäpe. VW habe seine Händler verpflichtet, solchen Beschwerden nachzugehen und diese weiter zu melden. "Teilweise kann softwareseitig nachjustiert werden", so der Experte weiter. Bei technischen Defekten zeige sich VW in den meisten Fällen kulant.

Stoßen umgerüstete Autos weniger Schadstoffe aus?

Die Umbaumaßnahmen von VW sind vor allem darauf ausgerichtet, dass die Autos den Test auf dem relevanten Prüfstand schaffen – und zwar ohne Betrugssoftware. Der ADAC hat zwar bei Messungen von einigen wenigen Fahrzeugen einen Rückgang von Emissionen schädlicher Stickoxide in realitätsnäheren Testzyklen gemessen. Einen Rückschluss auf alle umgerüsteten Fahrzeuge lässt das aber nicht zu.

Bringt die Umrüstung Nachteile für Kunden?

VW beteuert, dass die Autos nach dem Rückruf nicht mehr verbrauchen, die Leistung nicht sinkt und sie auch nicht lauter sind. Nach VW-Angaben bestätigt das auch das KBA. Es gibt jedoch vereinzelte Kundenklagen sowie Hinweise, dass die Haltbarkeite einzelner Bauteile leiden könnte. Der größte Nachteil ist aber juristischer Natur: So sinkt die Chance auf einen Gewährleistungsanspruch. VW-Kunden berichteten AUTO BILD, in puncto Software-Update von VW unter Druck gesetzt worden zu sein.

Werden Kunden in Deutschland entschädigt?

Während Kunden in den USA und Kanada eine "erhebliche" Entschädigung bekommen, gingen Kunden in Deutschland und Europa bislang leer aus. Der Konzern begründete das unter anderem mit einer anderen Rechtslage. Inzwischen gibt es drei wichtige Gerichtsurteile zugunsten von Klägern, bei denen VW auf eine Berufung verzichtete. Darin werden nicht nur VW-Händler zur Rücknahme der manipulierten Fahrzeuge verpflichtet. Das Landgericht Arnsberg stellte beispielsweise fest (Az. I-2 O 264/16), dass Volks­wagen wegen vorsätzlicher sittenwid­riger Schädigung verpflichtet ist, dem Besitzer des betroffenen Fahrzeugs etwaige weitere Schäden zu ersetzen. Während VW laut "ZDF Heute Journa" ankündigte, sich auch "in Zukunft gegen Klagen verteidigen" zu wollen, sehen die Anwälte des Klägers eine "Signalwirkung" in dem Urteil. Kunden dürften sich "berechtigte Hoffnungen" machen, ihre Ansprüche in erster Instanz durchsetzen zu können.

Kann ich die Werkstatt frei wählen?

Für die Nachbesserungen sind nur Vertragswerkstätten autorisiert. Unter denen kann der Betroffene laut VW aber frei wählen.

Muss ich für den Rückruf zahlen?

VW hat zugesichert, dass den Haltern keine Kosten entstehen.

Welche Modelle haben den Motor EA 189 an Bord?

Bei VW in den USA sind es: Golf, Jetta, Beetle, Passat. In Deutschland sind unter anderem Golf VI, Passat VII und Tiguan I betroffen, Halter können sich auf den Serviceseiten im Internet informieren. Bei Audi: A1, A3, A4, A6, TT, Q3, Q5, jeweils 1.6 und 2.0 TDI mit Euro-5-Norm. Bei Skoda: Fabia II (Baujahre 2009 bis 2014), Roomster (Baujahre 2009 bis 2015), Rapid (Baujahre 2011 bis 2015), Yeti (Baujahre 2009 bis 2015), Octavia II (Baujahre 2009 bis 2013) und Superb II (Baujahre 2009 bis 2015). Bei Seat: Halter können sich auf einer Service-Seite informieren, ob ihr Fahrzeug betroffen ist.

Was passiert, wenn mein Auto nicht sofort bearbeitet wird?

Betroffene VW-Kunden können nach Angaben des Konzerns bis mindestens Ende 2017 Ansprüche auf Gewährleistung geltend machen. Volkswagen verzichte "ausdrücklich bis zum 31.12.2017 auf die Erhebung der Verjährungseinrede im Hinblick auf etwaige Ansprüche, die im Zusammenhang mit der in Fahrzeugen mit Motortyp EA 189 eingebauten Software bestehen", teilte das Unternehmen am 16. Dezember 2016 in Wolfsburg mit. Damit verlängerte Volkswagen die Frist um ein Jahr – bislang war sie bis Ende 2016 gesetzt. Darüber hinaus gilt der sogenannte Verjährungsverzicht ab sofort auch für bereits verjährte Ansprüche.

Kann ich bis zur Umrüstung unbesorgt weiterfahren?

VW, Audi, Seat und Skoda teilen unisono mit: "Alle betroffenen Fahrzeuge sind technisch sicher und fahrbereit." Die manipulierten Autos dürften aber mehr NOx ausstoßen als angenommen.

Könnte bei betroffenen Autos die Kfz-Steuer steigen?

Nein, nach AUTO BILD-Einschätzung nicht. Die Kfz-Steuer hängt vom Hubraum und dem CO2-Ausstoß ab, Stickoxide sind hier unerheblich. Ob sich die Abgasaffäre auf die Feinstaubplaketten auswirkt, ist noch nicht klar. Laut NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) könnte es hier durchaus ein Problem geben, weil den Umweltplaketten nicht nur der Feinstaub-Ausstoß zugrunde läge, sondern auch die Einhaltung bestimmter Stickstoff-Dioxid-Emissionen. Möglicherweise müssten deswegen Haftungsansprüche geltend gemacht werden – gegenüber VW, nicht gegenüber den Haltern.

Wie erkennen Gebrauchtwagenkäufer die Nachbesserung?

An drei Punkten. Erstens bekommen die nachgebesserten Autos im Bereich der Reserveradmulde einen Aufkleber, der auf die Durchführung der Aktion hinweist. Zweitens werden die Änderungen in der elektronischen Historie des Autos gespeichert. Und die können VW-Werkstätten auslesen. Drittens wird die Aktion im Serviceplan des Fahrzeugs eingetragen.

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Diesel Abgasskandal

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