Massenrückruf wegen Abgastechnik

Diesel-Manipulation bei Daimler? News und Hintergründe

— 19.07.2017

Was Sie zur Daimler-Affäre wissen sollten

Bis zu eine Million Diesel-Mercedes stehen im Verdacht, zu hohe Abgaswerte auszustoßen. Nun will Daimler europaweit freiwillig drei Millionen Diesel zurückrufen.

Was genau sind die Vorwürfe?
➤ Um wieviele und welche Autos geht es?
Welche Konsequenzen drohen?

Was sagt Daimler?
Gibt es Parallelen zum VW-Abgasskandal?

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'Verbrenner-Verbot ab 2030?'

(dpa/reuters/brü) Unter dem Druck der Diskussion über Fahrverbote für Dieselautos und Abgas-Betrugsermittlungen kündigt Daimler eine massive Rückrufaktion für Diesel-Mercedes an. Insgesamt drei Millionen Mercedes-Benz Pkw mit Dieselmotoren in Europa sollen nachgerüstet werden, um danach weniger schädliches Stickoxid auszustoßen. Das teilte der Autobauer am 18. Juli 2017 mit. Die "freiwillige Servicemaßnahme", wie Daimler den Rückruf nennt, werde rund 220 Millionen Euro kosten. Die Kunden sollen dafür nichts bezahlen. Damit will Daimler das angeschlagene Vertrauen der Käufer in Dieselautos wieder aufbauen. "Die öffentliche Debatte um den Diesel sorgt für Verunsicherung", sagte Vorstandschef Dieter Zetsche. "Wir haben uns deshalb für weitere Maßnahmen entschieden, um den Dieselfahrern wieder Sicherheit zu geben und um das Vertrauen in die Antriebstechnologie zu stärken."

Nachrüstung von 250.000 Wagen läuft

Der Stuttgarter Autobauer hat bereits mit der im vergangenen Jahr, von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt verlangten Nachrüstung von knapp 250.000 Kompaktwagen und Vans begonnen. Das Kraftfahrt-Bundesamt war bei Messungen auf Stickoxid-Werte gestoßen, die mit technischen Gründen des Motorschutzes nicht zu erklären waren. Eine Manipulation, wie sie Volkswagen unter Druck von US-Umweltbehörden zugab, hatte die deutsche Aufsicht Daimler nicht vorgeworfen. Diesem Vorwurf geht mittlerweile aber die Staatsanwaltschaft Stuttgart nach. Sie sicherte mit einer Großrazzia Beweise. In dem dafür ausgestellten Durchsuchungsbeschluss äußert sie nach Medienberichten den Verdacht, bei mehr als einer Million Diesel-Pkw von Mercedes-Benz sei eine illegale Abschalteinrichtung verbaut. Diese würde die Abgasreinigung im Prüfstand an- und auf der Straße teilweise wieder ausschalten. Dobrindt hatte Daimler-Manager nach dem Bericht vergangene Woche zum Rapport bestellt. Dabei wies der Autobauer Betrugsvorwürfe zurück.

Daimler rüstet auch Euro-6-Fahrzeuge nach

Mit dem freiwilligen Rückruf reagieren die Schwaben auch auf drohende Fahrverbote, die Daimlers Heimatstadt Stuttgart und auch München androhten, um jahrelange Verstöße gegen EU-Luftreinhaltevorschriften zu stoppen. Daimler geht jetzt noch einen Schritt weiter als die Konkurrenten BMW und Audi, die sich gegenüber der bayerischen Landesregierung zur Nachrüstung etwa der Hälfte ihrer Dieselautos mit der älteren Norm Euro 5 bereit erklärten. Mercedes werde nahezu alle Fahrzeuge mit Euro 5 und der neuesten Norm Euro 6 per Softwareupdate sauberer machen, kündigte das Unternehmen an. "Daimler leistet damit einen wesentlichen Beitrag, um die Stickoxidbelastung durch Diesel-Fahrzeuge in europäischen Innenstädten zu reduzieren", hieß es weiter.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Nach VW nun auch Daimler? Ein weiterer großer Autohersteller aus Deutschland gerätin Bedrängnis. Hier einige Antworten auf de wichtigsten Fragen zur Dieselaffäre bei Daimler:

Was genau sind die Vorwürfe?

An insgesamt elf Standorten der Marke waren die Ermittler laut Angaben der Staatsanwaltschaft tätig.

Daimler soll rund ein Jahrzehnt lang Fahrzeuge verkauft haben, die zu viele Schadstoffe ausstoßen. Zwei Motorenklassen hätten eine unzulässige Abschalteinrichtung enthalten, mit der die Abgasreinigung nur auf dem Prüfstand ein- und auf der Straße weitgehend ausgeschaltet worden sei, heißt es. Dabei geht es vor allem um das für Menschen giftige Stickoxid (NOx). Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen der Verdachts des "Betrugs und der strafbaren Werbung im Zusammenhang mit der Manipulation der Abgasnachbehandlung an Diesel-Pkw". Im Mai 2017 gab es eine Großrazzia in insgesamt elf Daimler-Firmenobjekten. Im Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichs Stuttgart waren Vorwürfe formuliert, die nun Mitte Juli 2017 von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR publik gemacht wurden. Bislang wird demnach gegen zwei namentlich bekannte Mitarbeiter wegen des Vorwurfs des Betrug und der strafbaren Werbung ermittelt. Sie stammen nicht aus Vorstandskreisen. Weitere Beschuldigte könnten hinzukommen.

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Um wieviele und welche Autos geht es?

Um weitaus mehr als zunächst gedacht. Betroffen sein sollen mehr als eine Million Fahrzeuge, die zwischen 2008 und 2016 in den USA und Europa verkauft wurden. Der freiwillige Rückruf Daimler umfasst drei Millionen Autos europaweit.

Welche Motoren und Baureihen sind betroffen? Es geht um zwei Turbodiesel-Modellfamilien: den OM 642, ein V6-Turbodiesel mit drei Litern Hubraum und den Vierzylinder OM 651 mit 1,8 oder 2,1 Litern Hubraum (OM steht für (Oel-Motor).

Auch die Mercedes C-Klasse als C 180 CDI BlueEfficiency ist vom Verdacht betroffen.

Beide kamen oder kommen in fast allen Mercedes-Modellen zum Einsatz, aber auch in Autos des ehemaligen Kooperationspartners Chrysler. Bei Mercedes sind es unter anderem die Baureihen W 204, W 211, W 212, W 246, C 218, W 221, W 251, W 164, X 204 und W 166 sowie bei den Nutzfahrzeugen die Baureihen 639 und 906. Der kräftigere OM 642 wurde 2005 in der C- und E-Klasse eingeführt. Er steckt oder steckte vor allem oberhalb des Kompaktsegments in der M-, R-, G-, GL- und S-Klasse, außerdem im GLK, CLK und CLS sowie den Vans Vito und Viano und im Sprinter. Er gilt als Auslaufmodell (Nachfolger: der Reihensechszylinder OM 656). Beim OM 651 sind A-, B-, CLA- und GLA-Klasse sind hier ebenso betroffen wie der SLK-Roadster, die S-Klasse oder Vito, V-Klasse und Sprinter. Auch für Hybridmodelle wird der OM 651 bei Mercedes verwendet.

Welche Konsequenzen drohen? 

Den Medienberichten zufolge besteht die Gefahr eines Entzugs der Zulassung für die betroffenen Fahrzeuge. Das KBA sehe aber bislang keinen Anlass dafür. Daimler hält die Gefahr einer Stilllegungsverfügung nach eigenen Angaben für unbegründet. Das Unternehmen hatte im Geschäftsbericht zudem gewarnt, die bereits länger ermittelnden US-Behörden könnten die Abgaskontrollfunktionen so wie die von anderen Autobauern als illegal bewerten. Das könne erhebliche Folgen für Ertragslage und Ansehen haben. Mercedes-Kunden droht ein verpflichtender Rückruf zur Umrüstung. Die Details sind jedoch noch völlig unklar.

Was sagt Daimler? 

Verkehrsminister Dobrindt ist auch oberster Dienstherr des Kraftfahrt-Bundesamts.

Mit der Rückrufaktion von drei Millionen Fahrzeugen geht Daimler in die Offensive. Der Hersteller will den Vorwurf illegaler Machenschaften von Seiten des KBA nicht hinnehmen und droht mit Rechtsmitteln. Die Regulierung der Abgasreinigung sei eine technisch und rechtlich hochkomplexe Frage. Wie andere Hersteller auch beruft sich das Unternehmen auf die gültige Rechtslage, wonach sogenannte Thermofenster zum Schutz der Motoren bis zu einem gewissen Grad zulässig sind. Ein Sprecher wies auch die Darstellung des "Spiegel" zurück, dem Unternehmen sei mit einer Rückrufaktion gedroht worden. Zu den Ermittlungen erklärte eine Konzernsprecherin: "Wir kooperieren vollumfänglich mit den Behörden. Spekulationen kommentieren wir nicht." Konzernchef Dieter Zetsche hatte Anfang 2016, gut ein Vierteljahr nach Aufdeckung des VW-Skandals, behauptet: "Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert."

Gibt es Parallelen zum VW-Abgasskandal? 

Das wird sich erst im weiteren Verlauf der Ermittlungen und Nachprüfungen herausstellen. Die Dieselaffäre bei VW war im September 2015 von der US-Umweltbehörde EPA aufgedeckt worden. Es entwickelte sich ein Industrieskandal bislang unbekannten Ausmaßes, der Volkswagen bereits weit mehr als 20 Milliarden Euro kostete. Nach Ansicht der "Süddeutschen Zeitung" könnte es für Daimler gleichfalls gefährlich werden, die Behörden in Deutschland und den USA ermittelten "mit großer Wucht". Immerhin ist Daimler nun von sich aus nach vorne gegangen, VW agierte erst nach nachgewiesenem Betrug.

Stichworte:

Abgasskandal Diesel

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