Massenrückruf wegen Abgastechnik

Diesel kaufen: Pro und Kontra

Diesel-Manipulation bei Daimler: News und Hintergründe

Was Sie zur Daimler-Affäre wissen sollten

Daimler bekommt bei seinem Diesel-Rückruf einem Zeitungsbericht zufolge seine Software nicht rechtzeitig fertig. Zudem werden Hunderte A-, B-, und C-Klassen nicht ausgeliefert. Alle Infos zum Mercedes-Rückruf!
(dpa/Reuters/jr/brü) Daimler droht bei dem staatlich angeordneten Rückruf von rund 774.000 Mercedes-Diesel einem Zeitungsbericht zufolge in Zeitverzug zu geraten. Der Rückruf werde wohl nicht vor 2019 anlaufen können, weil das notwendige Software-Update erst Ende dieses Jahres fertig sein dürfte, schreibt das "Handelsblatt" am 6. Juli 2018. Ein Konzernsprecher habe erklärt, dass sich Daimler bemühe, die Updates so schnell wie möglich bereitzustellen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer stellte der Zeitung zufolge allerdings ein Ultimatum: "Bis Ende 2018 müssen die Updates für die 5,3 Millionen Dieselfahrzeuge in Deutschland abgeschlossen sein. Dabei bleibt es", sagte der CSU-Politiker dem Blatt.

Scheuer will Unternehmen beim Wort nehmen

In Berlin teilte Verkehrsminister Scheuer Daimler-Chef Zetsche (Foto) die Infos zum Rückruf mit.

Die deutschen Hersteller hatten sich im vergangenen Jahr zu freiwilligen Software-Nachrüstungen verpflichtet, um die Abgaswerte von Millionen Diesel-Pkw zu verbessern. Scheuer will die Hersteller nun "beim Wort nehmen". Er habe "die Unternehmen dazu aufgefordert, bis zum 1. September die Software-Entwicklung für die Updates abzuschließen. Dann kann das Kraftfahrt-Bundesamt alle Updates prüfen und freigeben. Dafür sind die Hersteller verantwortlich. Auch Daimler", sagte er. Von den europaweit 774.000 Fahrzeugen fahren 238.000 in Deutschland. Konzernchef Dieter Zetsche hatte Verkehrsminister Scheuer zugesagt, man werde sich "unverzüglich" um die Software der betroffenen Fahrzeuge kümmern.

Auslieferungsstopp wegen angekündigten Rückrufs

Zwei Wochen zuvor hatte Daimler die Auslieferung mehrerer Modelle mit Vierzylinder-Dieselmotoren gestoppt, die bis Ende Mai 2018 produziert wurden. Zum Umfang sagte ein Daimler-Sprecher am 23. Juni 2018: "Nach einer ersten Einschätzung beträgt die Anzahl der betroffenen Fahrzeuge in Deutschland einige Hundert Fahrzeuge." Einem Bericht der Funke Mediengruppe zufolge verschickte Daimler am 22. Juni 2018 eine Mitteilung an alle Mercedes-Benz-Händler, in der der Stopp angeordnet wurde. Grund ist nach Angaben von Daimler der angekündigte Rückruf für Fahrzeuge, die einen Dieselmotor nach der Norm 6b enthalten. Der Autobauer möchte erst die Software aktualisieren, bevor die Fahrzeuge an die Kunden gehen.

Vito, GLC, A-, B-, und C-Klasse betroffen

Vom jüngsten Auslieferungsstopp betroffen: die CLA-Klasse.

Der aktuelle Auslieferungsstopp betrifft konkret ein Modell der C-Klasse mit dem Vier-Zylinder-Diesel mit 1,6 Liter Hubraum. Ebenfalls betroffen ist der Vierzylindermotor OM651, der in den Modellen CLA, GLA, GLE sowie der A- und B-Klasse verbaut ist. Außerdem geht es um einen Sechs-Zylinder-Diesel, der in den Geländewagen der G-Klasse steckt. Daimler sicherte zu, die Kunden umgehend zu informieren. Bei den rund 774.000 Fahrzeugen des Rückrufs handelt es sich vor allem um Vito-Transporter, Geländewagen GLC und Limousinen der C-Klasse. Daimler hatte sich 2017 bereiterklärt, freiwillig rund drei Millionen Diesel-Autos nachzubessern.

Neben VW wird auch Daimler Abgasmanipulation bescheinigt

Nach dem Volkswagen-Konzern ist Daimler damit der zweite deutsche Autobauer, dem amtlich Abgasmanipulation bescheinigt wird. Die Wolfsburger hatten erst nach massivem Druck der US-Umweltbehörden 2015 zugegeben, Dieselabgaswerte durch eine Abschalteinrichtung manipuliert zu haben. Das "Defeat Device" erkennt, ob sich ein Auto auf einem Prüfstand befindet, und reduziert nur dann den Stickoxidausstoß. Auf der Straße sind die Abgaswerte sehr viel höher. Die Wiedergutmachung des Abgasskandals bei mehr als elf Millionen Pkw kostete Volkswagen bislang über 25 Milliarden Euro.

BamS: "Fünf Abschaltfunktionen"

Nach einem Bericht der BILD am SONNTAG vom 10. Juni 2018, die wie AUTO BILD im Axel Springer Verlag erscheint, fand das KBA bei Daimler-Fahrzeugen fünf Abschaltfunktionen. Danach schaltet die Abgasreinigung zum Beispiel nach einer Zeitspanne von 20 Minuten herunter. Offiziell bestätigt ist dies nicht, Daimler wollte den Bericht nicht kommentieren. Nach EU-Recht kann die Abgasreinigung gedrosselt werden, um den Motor zu schützen. Nach einer ersten Untersuchung hatte das KBA im Frühjahr 2016 dem Stuttgarter Autobauer und anderen Herstellern vorgeworfen, diese Regel über Gebühr ausgenutzt zu haben.

Welche Konsequenzen drohen? 

Die Konsequenzen sind noch nicht abzusehen, sie können vielfältig ausfallen. In Deutschland kommen auf Daimler zumindest die Kosten der Nachrüstung zu, die in die Millionen gehen dürften. Es muss eine Software entwickelt und sie muss auf die betroffenen Fahrzeuge aufgespielt werden. Hinzu kommt der Imageschaden: Daimler genießt auf wichtigen Absatzmärkten bislang einen tadellosen Ruf. Wenn der angekratzt wird, könnte sich das auf die Absatzzahlen niederschlagen, die bislang auf Rekordniveau liegen. Zudem wächst das Klagerisiko – in Europa, vor allem aber in den USA. Bei Nachweis einer illegalen Abschalteinrichtung besteht gerade dort die Gefahr einer Klage der Behörden wie auch von Privatleuten. Nicht zuletzt könnte sich US-Präsident Donald Trump in seinem scharfen Anti-Daimler-Kurs bestätigt sehen. Er wirft Mercedes und den anderen europäischen Autobauern unfaire Praktiken beim Verkauf von Autos in den USA vor. Nicht zuletzt drohen Strafen für die Missachtung von US-Umweltgesetzen. Von all diesen Dingen kann zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch keine Rede sein. Doch hatte Daimler schon im jüngsten Geschäftsbericht Vorsorge getroffen und eine Rücklage gebildet. Zudem gab der Konzern wegen der Rechtsrisiken sowie der drohenden Strafzölle aus den USA zuletzt eine Gewinnwarnung heraus.

Was sagt Daimler zu den Vorwürfen? 

Kurz nach Bekanntwerden der Manipulation bei VW im September 2015 hatte Daimler-Chef Zetsche betont, bei Daimler sei keine Software zur Abgasmanipulation zum Einsatz gekommen. Allerdings ermitteln die Staatsanwaltschaft in Deutschland und Behörden in den USA schon seit längerer Zeit, ob auch bei Mercedes-Pkw höhere Dieselwerte die Folge gezielter Manipulation sind. Nach bisheriger Ansicht von Daimler sind die beanstandeten Abschalteinrichtungen der Abgasreinigung wie im Vito nicht rechtlich unzulässig. Nach Darstellung des Autobauers sind die Funktionen dazu da, "eine robuste Abgasreinigung bei unterschiedlichen Fahrbedingungen und über die Nutzungsdauer eines Fahrzeugs" sicherzustellen. Notfalls würde man den KBA-Bescheid rechtlich anfechten. In Bezug auf die Vorwürfe in den USA sagte ein Daimler-Sprecher zuletzt, der Autobauer kooperiere seit über zwei Jahren vollumfänglich mit den US-Behörden. "Den Behörden sind die Dokumente bekannt, und es ist zu keiner Anklage gekommen." Zu weiteren Details der laufenden Untersuchung werde sich der Konzern nicht äußern, da mit dem US-Justizministerium absolute Vertraulichkeit vereinbart worden sei.

Gibt es Parallelen zum VW-Abgasskandal? 

Die Parallele deutet sich an, doch der Umfang erscheint zum jetzigen Zeitpunkt deutlich geringer. Das bezieht sich zum einen auf die Anzahl der betroffenen Autos, bei VW waren es weltweit elf Millionen, bei Mercedes sind es bislang 774.000. Anfangs hatte auch VW, wie nun Daimler, bestritten Abgasmanipulationen vorgenommen zu haben. Nun hat es den Anschein, als würde auch Daimler nur zugeben, was eindeutig erwiesen ist. Immerhin gibt es Interpretationsspielraum beim Thema Motorschutz, einige Abschaltvorrichtungen könnten tatsächlich legal sein, wenn sie der Lebensdauer des Motors dienen. Welches Ausmaß die Vorwürfe annehmen, ist derzeit noch nicht abzusehen. Von einem Dieselskandal von VW-Ausmaß ist Daimler noch meilenweit entfernt.

Stichworte:

Diesel Abgasskandal

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