Fahrverhalten in Autobahn-Baustellen

Fahrverhalten in Autobahn-Baustellen

— 26.11.2009

Die Angst fährt mit

Dauerbaustelle Deutschland: Es kracht immer öfters auf Deutschlands Autobahnen. Viele Fahrer sind in den Baustellen überfordert. Dichter Verkehr ist immer Stress, weil man nicht so fahren kann, wie man will.

Mit 120 Kilometern in der Stunde schießt der VW Bus in die Baustelle. Der Fahrer versucht, einen Lkw zu überholen. Und schafft es nicht. In Höhe des Fahrerhauses rammt er den 40-Tonner, kommt ins Schleudern und dreht sich in den Gegenverkehr. Schreckliche Bilanz dieses Unfalls am 2. Mai 2009 auf der A 1: zwei Tote und zwei Schwerverletzte. "Leider kein Einzelfall, es gibt immer mehr und immer schwerere Unfälle", sagt Detlef Kaldinski von der Polizeidirektion Rotenburg, die für die A1 zuständig ist. Dort hat es in diesem Jahr bereits über 1300-mal gekracht, fünf Menschen starben. Von Januar bis August 2008 waren es 455 Unfälle – danach begannen die Bauarbeiten. Wie auf vielen Autobahnen in der Republik.

Wenn es kracht, kommt kein Rettungswagen mehr durch

Ein Toter, zwei Schwerverletzte: Der Lkw war zu schnell und mit zu wenig Abstand unterwegs.

Das von der Bundesregierung beschlossene Konjunkturpaket stellt insgesamt 17,3 Milliarden Euro für öffentliche Investitionen bereit. Davon fließen 2,15 Milliarden Euro in den Straßenbau – Dauerbaustelle Deutschland. Ende Oktober galt das für 2018 Kilometer, das ist ein Sechstel des gesamten Autobahnnetzes. Auch auf der A 7 bei Göttingen prägen Bagger das tägliche Straßenbild. Auf insgesamt 17 Kilometer Länge zwängt sich der Verkehr zweispurig durch die Kasseler Berge. Bleibt dort ein Lastwagen mit Motorschaden an der Steigung liegen, geht nichts mehr. Wie Mitte November: Es staute sich auf über 20 Kilometer Länge. "Man kann nur hoffen, dass es im Stau nicht kracht. Das ist so eng, da kommt kein Rettungswagen mehr durch", sagt Heinz Kornrumpf von der Autobahnpolizei Göttingen. Die hohen Unfallzahlen in den Autobahnbaustellen haben viele Gründe. "Zahlreiche Autofahrer sind zu schnell unterwegs und unterschätzen die Gefahren", sagt Kornrumpf.

Eine E-Klasse ist zu breit für die linke Spur

SUV wie der Audi Q7 (2,18 Meter inklusive Außenspiegel) sind zu breit für die linke Spur.

In Göttingen kontrolliert die Polizei daher häufiger. An einem Mittwoch hat sie binnen fünf Stunden 340 Fahrzeuge geblitzt, die mehr als 20 km/h zu schnell waren. Zu schnell, mit zu breiten Autos auf der schmalen linken Spur, zu wenig Rücksicht auf unsichere Fahrer – eine gefährliche Mischung. "Viele Fahrer wissen gar nicht, wie breit ihr Auto tatsächlich ist", sagt Detlef Kaldinski. Bereits eine Mercedes E-Klasse sei knapp über zwei Meter breit. Die linke Spur in der Baustelle ist für sie tabu – nur hält sich kaum ein Mercedes-Fahrer daran. Doch nicht immer führt Leichtsinn zur tödlichen Gefahr. Auf der A 44 bei Kassel quälte sich der Verkehr zu Beginn des Jahres wochenlang durch zwei Meter schmale Schleusen mit einen Meter hohen Betonwänden.

"Da fühlt man sich bedroht. Durch diese Enge und durch diese hohen Mauern", sagt Wolfgang Herda vom ADAC Hessen. Nachdem es in anderthalb Monaten zu acht schweren Unfällen kam und ein Autofahrer starb, hatte die Straßenverkehrsbehörde ein Einsehen und beseitigte schließlich das Nadelöhr. Ebenso gefährlich wie enge Fahrspuren sind zu kurze Auffahrten – wie auf der A 14 bei Halle. Autofahrer hatten hier kaum eine Chance, sich gefahrlos in den fließenden Verkehr einzufädeln. Der ADAC forderte eine Überprüfung der Baustelle. Mit Erfolg: Es wurden längere Spuren zum Ein- und Ausfädeln geschaffen. Wenigstens hier hat die alltägliche Angst auf der Autobahn ein Ende.

So verhalten Sie sich richtig

Links fahren bringt in Baustellen weder einen Zeit- noch Sicherheitsgewinn.

Gefahrenzeichen vor der Baustelle ernst nehmen, Tempolimits unbedingt beachten. Bei der Einfahrt in die Baustelle ist die linke Spur oft sehr eng, hier keine Lastwagen überholen. Die Breite der linken Fahrbahn wird in Baustellen grundsätzlich mit "2m" angegeben, auch wenn sie viel breiter ist. Folge: Ein Gewöhnungseffektüber ein, irgendwie durchzukommen – selbst wenn die Fahrbahn tatsächlich nur zwei Meter breit sein sollte. Links fahren bringt in Baustellen weder einen Zeit- noch Sicherheitsgewinn. Auf der linken Spur nicht vom Hintermann treiben lassen. Aus Gründen der Verkehrssicherheit ist es aber wichtig, zügig an Lkw vorbeizufahren. Bei Unsicherheit empfiehlt es sich, den Blinker zu setzen und sich hinter dem Lkw auf der rechten Spur einzufädeln. In der Baustelle jede Ablenkung vermeiden. Dazu zählen Telefonate, auch wenn die Freisprecheinrichtung genutzt wird. Auf längeren Reisen vor Baustellen eine Pause machen.

Fünf Fragen an Karl-Friedrich Voss (60), Verkehrspsychologe

Karl-Friedrich Voss, Verkehrspsychologe: "Dichter Verkehr ist immer Stress, weil man nicht so fahren kann, wie man will."

Warum verursachen Autobahnbaustellen Stress?
Dichter Verkehr ist immer Stress, weil man nicht so fahren kann, wie man will. Stattdessen muss man sich den anderen anpassen. Dazu kommt die Enge in der Baustelle. Autofahrer müssen sich so mit allen Sinnen auf das Fahren konzentrieren.
Mit welchen Folgen?
Die Fahrzeug-Umgebung wird nicht mehr wahrgenommen. Viele kennen das: Ein Autofahrer versucht, einen Lkw zu überholen, und traut sich nicht. Statt auf die rechte Spur zu wechseln, bleibt der Fahrer links hinter dem Lkw – er sieht nicht mehr in den Rückspiegel und ist überfordert.
Wie verhält man sich in so einer Situation richtig?

Rücksicht nehmen und bloß nicht über die Fehler anderer aufregen. In engen Baustellen fühlt sich fast jeder irgendwie unsicher. Schon kleine Fahrfehler können zur Katastrophe führen.
Was müssen die Planer von Baustellen beachten?
Sie sollten möglichst breite Fahrbahnen zur Verfügung stellen. Eine gute Idee sind Schilder mit Kilometerangaben. Sie zeigen, wie lang die Baustelle noch ist. Schutzwände helfen, Stress abzubauen. Als optische Barriere lassen sie den Gegenverkehr weniger bedrohlich erscheinen.
Sind Überholverbote in Baustellen sinnvoll?

Nein. Wenn sich alle Verkehrsteilnehmer dem Tempo der langsamen Lkw anpassen müssten, hätten sie dadurch sicherlich noch mehr Stress.

Autor: Stefan Voswinkel

Stichworte:

Baustelle

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