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Formel 1: Helmut Marko im Interview

„Es gibt kein böses Blut“

Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko spricht im Exklusivinterview mit ABMS über den Baku-Crash, Ricciardos Zukunft und einen möglichen Honda-Deal.
Herr Dr. Marko, nach dem Crash zwischen Ihren Fahrern Max Verstappen und Daniel Ricciardo in Baku: Sind die Fronten jetzt geklärt?
Marko: Ja. Die beiden haben sich ausgesprochen. Es gibt kein böses Blut. Ich habe auch mit beiden gesprochen. Jetzt muss man nicht mehr darüber reden. Das Buch ist geschlossen.
Aber es darf nicht mehr vorkommen...

Punkte weggeworfen: Crash der Red Bulls in Baku

...das ist klar. Das wissen beide auch. Wir lassen sie weiter frei fahren. Allerdings werden wir den Renningenieuren in Zukunft sagen, dass sie eingreifen müssen, wenn wir sehen, dass es wieder ausufern könnte.
Erinnert Sie die Situation zwischen Verstappen und Ricciardo nicht an 2010, als es einen harten Zweikampf inklusive Kollision zwischen ihren damaligen Fahrern Sebastian Vettel und Mark Webber gab?
Nein, das war eine andere Situation. Ricciardo und Verstappen verstehen sich eigentlich sehr gut. Das war weder bei Vettel und Webber damals so, noch bei Senna und Prost oder bei Hamilton und Rosberg. In Baku schaukelte sich die Situation einfach hoch. Wir bekamen die Reifen zu spät auf Betriebstemperatur, der Undercut hat nicht funktioniert, deshalb kochten besonders bei Ricciardo die Emotionen hoch. Er war zu spät auf der Bremse. Aber Verstappen hätte den Unfall durch ausweichen verhindern können.
Wie sehr sind Sie im Moment als Mentor von Verstappen gefragt. Jeder liebt ihn eigentlich für sein Talent und seine Wildheit. Trotzdem hatte er in den letzten drei Rennen drei Kollisionen...
...er will im Moment zu viel, setzt sich zu sehr unter Druck. Er muss lernen, auch mal nachgeben zu können. Besonders jetzt, wegen der Häufigkeit der Vorfälle.
Sieht er das ein?

Verstappen steht 2018 bisher im Kreuzfeuer der Kritik

Es fällt ihm schwer, aber er sieht es ein. Das war bei Sebastian früher manchmal genauso übrigens. Max weiß jetzt: Beim nächsten Vorfall wird ihm automatisch die Schuld in die Schuhe geschoben. Ob er was dafür kann oder nicht. Weil er in letzter Zeit eben so oft in Kollisionen verwickelt war. Zudem brauchen wir die Punkte. Das nächste Mal muss er deshalb vorher noch mehr nachdenken, was zu tun ist. Im Notfall also lieber mal nachgeben.
Aber Sie haben ihn auch geholt, weil er so aggressiv fährt...
...ja, aber er braucht ja nicht deshalb gleich seinen Speed drosseln oder grundsätzlich seine Herangehensweise ändern. Einfach das Auto mal ins Ziel bringen ist im Moment die Hauptaufgabe. Max ist selbstbewusst genug, damit umzugehen. Es wird an den zukünftigen Erfolgen, die wir erwarten, nichts ändern.
Ricciardo hat noch keinen Vertrag für nächstes Jahr. Fällt es Red Bull nach der Kollision jetzt leichter, ihn gehen zu lassen? Besonders Mercedes scheint ja Interesse an ihm zu haben.
Für uns ändert sich gar nichts. Wir wollen ihn behalten und Daniel weiß das auch. Was soll er bei Mercedes oder Ferrari? Die Nummer-Zwei-Rolle spielen? Denn Räikkönen neben Vettel und Bottas bei Mercedes neben Hamilton sind klare Nummer-Zwei-Piloten. Das sieht man ja. Bei uns hätte Daniel Chancengleichheit. Mit gleichem Material. Keine Teamorder. Ich denke, das sieht er auch so.
Gibt es eine Deadline für Red Bull? Immerhin müssen Sie ja auch irgendwann die kommende Saison planen.
Sagen wir mal so: Ohne ein genaues Datum zu nennen. So bald wie möglich.
Wie sehen Sie ihre Saison nach vier Rennen?
Von der Leistungsfähigkeit, also vom Tempo, das wir fahren, sind wir sehr zufrieden. Da stimmt die Richtung. Von den Punkten her bei weitem nicht. Aber die Gründe dafür kennen wir ja.
Sind Sie überrascht, dass die Mercedes-Dominanz vorbei ist und Ferrari im Moment am stärksten ist.
Nein, bin ich nicht. Denn der Ferrari-Motor ist im Moment das Maß aller Dinge. Das liegt daran, dass Mercedes zurück rüsten musste, nachdem die FIA für diese Saison die Regeln für die so genannte Ölverbrennung verschärft hat. Das hat Mercedes am meisten getroffen.
Es gibt Gerüchte, der Ferrari sei illegal.

Red Bulls Motorsportboss Dr. Helmut Marko

Die kamen vom Rauch her, den der Ferrari beim Anlassen herausbläst. Aber die FIA schaut genau hin und sie sagen, mit dem Öl sei alles korrekt. Davon gehe ich auch aus. Jetzt gibt es Spekulationen über die Ferrari-Batterien. Auch denen wird die FIA nachgehen. Aber der Hinweis kam nicht von uns. Für uns ist der Ferrari legal, weil wir da der FIA vertrauen. Die schaut extrem genau hin.
Ist Vettel unter diesen Umständen der Favorit?
Ja, er ist mein WM-Favorit. Er ist noch reifer und ausbalancierter als im vergangenen Jahr. Aber auch weil Ferrari das bessere Auto als Mercedes hat. Nur: Ferrari darf sich keine Fehler leisten.
Als ehemaliger Mentor von Vettel: Würden Sie ihm den fünften Titel gönnen?
Wenn keiner unserer Fahrer den Titel gewinnt ist es doch nur natürlich, dass ich dann Sebastian die Daumen drücke.
Wie sehen Sie bisher die Entwicklung zwischen Ihrem Juniorteam Toro Rosso und Honda?
Bisher sehr gut. Honda hat extrem zugelegt, was die Zuverlässigkeit betrifft. Bei der Power auf langen Geraden fehlt es noch ein wenig, aber da gibt es ein intensives Entwicklungsprogramm. In Montreal zündet Honda die nächste Stufe. Wir sind froh, dass wir den Schritt mit Honda gemacht haben.
Könnte Red Bull 2019 auch mit Honda fahren?
Wir reden darüber, aber konkret ist noch nichts.
Wann müssen Sie entscheiden, welchen Motor Red Bull 2019 im Heck hat?
Idealerweise bis Anfang Juli.
2021 gibt es ein neues Motorreglement. Was wünscht sich Red Bull?

Helmut Marko wünscht sich einfachere Motoren

Wir wollen ein Reglement, bei dem der Motor nicht mehr alleine Rennen entscheiden kann. Einen Motor, der einfacher ist, kostengünstiger, mehr Power hat und einen kräftigeren Sound. Und dass die Kosten insgesamt gesenkt werden. Und die Kosten auch kontrolliert werden können. Das geht unserer Meinung nach nur über ein neues technisches Reglement. Es muss mehr Standardteile geben für alle und Windkanaltests sollten grundsätzlich abgeschafft werden. Beim Motor muss die MGU-H-Einheit wegfallen. Die ist zu kompliziert. Wichtig ist: Der Fahrer muss am Ende entscheidend für den Sieg sein.
Liberty will neue Premiumhersteller wie Porsche in der Formel 1 haben. Wäre das auch im Sinne von Red Bull?
Ja, wenn die Bedingungen passen. Erstmal muss es ein konkretes Reglement für 2021 geben. Erst dann kann man die nächsten Schritte einleiten. Wenn wir alles schwarz auf weiß haben, können wir bei Red Bull entscheiden, ob wir weiterhin dabeibleiben. Aber ich habe ein gutes Gefühl, dass wir ein gutes Reglement bekommen werden.
Liberty will mehr in die Metropolen gehen. Wie Miami, sogar von Berlin ist die Rede. Sehen sie das genauso so?
Grundsätzlich ja. Aber es darf nicht auf Kosten der Traditionsstrecken gehen wie Monza oder Spa etwa. Die richtige Mischung wäre das Optimum. Es gibt genügend Strecken im Moment, zu denen keine Zuschauer kommen. Die braucht man nicht.
Shanghai zum Beispiel?
China ist ein zu wichtiger Markt. Ich denke, da passiert jetzt auch was, dass dort die Tribünen voll sein werden. 2019 beispielsweise berichtet das das öffentliche Fernsehen in China über die Formel 1. Kein Pay TV mehr. Das ist ein wichtiger Schritt.
Red Bull ist das Nonplusultra in Sachen Nachwuchsförderung. Haben Sie schon den nächsten Vettel oder Verstappen in der Pipeline?
Es gibt da ein paar junge Piloten. Aber es ist zu früh zu sagen, wie gut die wirklich sind. Es gibt ein grundsätzliches Nachwuchsproblem, dass man lösen muss. Die Kosten schon in unterklassigen Klassen sind viel zu hoch. Wenn sich das nicht ändert, werden wir in Zukunft nur noch Millionärssöhne wie Lance Stroll in der Formel 1 haben.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Picture Alliance

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