Vettels Funk-Frust: Von 2009 bis heute

Formel 1: Kolumne über Vettel

— 26.06.2017

Das Foul aus Vettels Sicht

Wie ist Sebastian Vettels Verhalten nach dem Rempler gegen Lewis Hamilton einzustufen? Das sagt unser Formel-1-Reporter Ralf Bach zum Manöver.

Sebastian Vettel macht gerade eine harte Zeit durch. Nach seiner absichtlich oder nicht absichtlich herbeigeführten Kollision mit Lewis Hamilton hinter dem Safety-Car in Baku ergießt sich gerade ein Shitstorm von Kritik über ihn. Besonders Hamilton spielt nahezu perfekt die Opferrolle, wirft Vettel Charakterschwäche vor. Ein Hauptpunkt der Anklage, den man nicht so stehenlassen kann: Dass Vettel ein schlechtes Vorbild für die Jugend ist. Denn das Gegenteil ist der Fall, trotz des Vorfalls in Baku. Bei der fairen Beurteilung des Casus Knaxus ist es deshalb erst mal notwendig, auch die Sichtweise von Vettel zu verstehen. Also sind wir jetzt alle mal Vettel und sitzen im Auto hinter Hamilton kurz vor der Berührung.

Vettels Funk-Frust: Von 2009 bis heute



Wir sind hochkonzentriert und darauf vorbereitet, dass wir beim Restart nicht zu viel Abstand hinter Hamilton haben, um auf der 2,2 langen Startgeraden nicht von den hinteren Autos überholt zu werden. Das wäre uns nämlich bei der ersten Safety-Car fast passiert. Denn schon da hat Hamilton mit kleinen taktischen Manövern versucht, uns aus dem Rhythmus zu bringen. Und nicht nur in Baku. 2007 in Fuji führte Hamiltons plötzliches Abbremsen hinter dem Safety Car zu einer Kettenreaktion, bei der wir das letzte Glied in der Kette waren.

Vettel rauschte Hamilton in der Safetycar-Phase ins Heck

Der vor uns fahrende Webber musste voll in die Eisen steigen, um Hamilton nicht verbotenerweise zu überholen. Wir hatten aber keine Chance mehr und knallten Webber ins Heck. Und das auf dem Weg zu unserem allerersten Podium in In China vor paar Jahren wäre das fast nochmal geschehen. Auch dort trieb Lewis merkwürdige Spielchen, die uns auf die Palme brachten.

Dies alles zusammen führte jetzt zum kleinen Unfall. Wir fühlten uns extrem ungerecht behandelt, wollten das nicht so durchgehen lassen, wollten deshalb sofort Lewis und der ganzen Welt zeigen: nicht mit uns! Dass da unser italienischer Gaul mit uns durchging, ist nicht gut, aber emotional im Eifer des Gefechts durchaus erklärbar. Das Auto war in diesem Moment nur der verlängerte Arm, um den anderen mal kurz zu rütteln. Mitnichten wollten wir den anderen gefährden oder gar verletzen. Das war bei diesem Bummeltempo auch gar nicht möglich.
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Wechseln wir jetzt wieder die Sichtweisen. Im Fußball passiert so eine Art Revanchefoul jeden Samstag. Vettels Gruß an Hamilton fand bei extrem geringer Geschwindigkeit statt und ist mit einem Rempler eines Bundesligaprofis zu vergleichen, der vorher vom Gegner provoziert wurde und noch voller Adrenalin ist. Für den Schubser gibt es dann die gelbe Karte und Ruhe ist.

Dazu kommt: Ja, es stimmt, die FIA konnte Hamilton nach dem Datenstudium kein Verzögern nachweisen, das reglementswidrig war. Aber es gibt unter den Piloten eigene Regeln, die ziemlich genau festhalten, wie man gegeneinander fährt. Und dieses „Gentlemen's Agreement" hat Hamilton nach Ansicht Vettels offenbar gebrochen. Und zwar nicht das erste Mal. Fragen Sie mal Weltmeister Nico Rosberg! Der kann ein Lied davon singen, wenn es um einen unter Teamkollegen vorher genau abgesprochenen Verhaltenskodex geht. Besonders darüber, wer sich immer daran gehalten hat und wer nicht!

Kommen wir zum Punkt am Anfang: Vettel sei kein Vorbild für die Jugend. Dem muss ich heftig widersprechen. Vettel lebt konsequent seine Werte vor: Familie, Treue, Fairness. Noch eines steht ganz oben auf der Liste: Wenn man Fehler macht, dann steht man auch zu ihnen. Ich vermute deshalb, dass Vettel sein Foulspiel mit etwas Abstand zugeben wird.
Kommen wir zum Punkt am Anfang: Vettel sei kein Vorbild für die Jugend. Dem muss ich heftig widersprechen. Vettel lebt konsequent seine Werte vor. Und eines steht ganz oben auf der Liste: Wenn man Fehler macht, dann steht man auch zu ihnen und sucht nicht nach Ausreden. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass er sich entschuldigen wird. 
Lewis Hamilton sollte deshalb lieber vorsichtig mit seinen Aussagen sein: Wer im Glashaus sitz, darf nicht mit Steinen werfen! Der Social Media-Junkie mit mehreren Millionen Followern – hauptsächlich Jugendlichen – zeigt allzu offen, was für ihn ein cooles Leben ausmacht und riskiert dabei fahrlässigerweise Nachahmer, wenn er sich selbst quietschvergnügt auf dem Motorrad filmt oder todesmutig in Tigerkäfige marschiert...

Autor: Ralf Bach

Fotos: Picture Alliance

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