Kompromissbereitschaft muss nicht zwangsläufig in Selbstkasteiung münden. Wirtschaftlichkeit, Alltagsnutzen und Fahrspaß lassen sich nämlich durchaus vereinen. Um das zu beweisen, haben wir sechs Vertreter der Kompaktklasse zum Schlagabtausch gebeten. Wobei unser Hauptaugenmerk diesmal auf einem südländischen Sprössling liegt, der selbst in bodenständigen Preisregionen das Herz anspricht. Die Giulietta räumt nämlich mit vielen alten Vorurteilen auf. Bekanntlich wohnte italienische Zuneigung zur Bella Macchina bislang eher im Herzen als in Verarbeitungsdetails. Doch die Alfa-147-Nachfolgerin hat diesbezüglich einiges zu bieten. Dennoch sollte an dieser Stelle kein falscher Eindruck entstehen: Die Italiener erfinden die Werkstofflehre keineswegs neu, sie drücken das Eigengewicht mit 1458 Kilogramm lediglich auf ein klassenübliches Niveau.
Alfa Romeo Giulietta 2.0 JTDM
Gute Verarbeitung: Die Giulietta räumt mit vielen alten Vorurteilen auf.
Bild: T. Müller
Fernab vom Klassendurchschnitt präsentiert sich das Interieur. Mit stilvoll gemixten und meist hochwertig wirkenden Materialien kombiniert es frech alle Variationen der Bedienfeldanordnung. Von wenigen Schwachpunkten abgesehen, hinterlässt die Verarbeitung aber einen soliden Eindruck. Als Spaßbremse erweist sich dabei weniger das seitenhaltlose Ledergestühl (1480 Euro) als vielmehr das beim Fiat-Konzern typische Taubheitsgefühl in Pedalen und Lenkung. Dafür zieht das D.N.A.-System (Dynamic, Normal, All Weather) per Schalter nicht nur die Lenkung stramm, es polt auch Gasannahme, elektronische Differenzialsperre und die Stabilitätskontrolle VDC auf schnelle Fortbewegung. Weiterer Pluspunkt des neuen Alfa ist der 170 PS starke Diesel. Er läuft vibrationsarm, nimmt spontan (im Sportmodus sogar zu überspitzt) Gas an und entfaltet sein Drehmoment sehr gleichförmig.
BMW 120d Edition Sport
Dass der 120d trotz seiner unscheinbaren Erscheinung für reichlich Glückshormone sorgt, liegt nicht zuletzt an seiner Fahrwerksgüte.
Bild: T. Müller
Nur herzhaft ausdrehen will der Vierzylinder nicht so recht. Eine Schwäche, die dem BMW 120d nicht in einhundert Jahren passieren könnte. Ab 1300/min baut das Triebwerk spontan Schub auf, schickt bei mittleren Drehzahlen den Begriff Turboloch endgültig ins Reich der Fabeln und dreht in lichten Höhen munter dem Begrenzer entgegen. Überhaupt gibt der BMW den Musterschüler im Kompaktsegment. Sein Interieur ist so übersichtlich wie emotionsfrei, die Ergonomie perfekt. Und über Verarbeitungqualität und Haptik verlieren selbst kritische Zungen kein Wort des Tadels. Dass der 120d trotz seiner unscheinbaren Erscheinung für reichlich Glückshormone sorgt, liegt nicht zuletzt an seiner Fahrwerksgüte. Der als "Edition Sport" angetretene Testwagen (3700 Euro Aufpreis) bietet nicht nur passabel abstützende Sportsitze, er rollt auch mit dezenten Anbauteilen, 17-Zoll-Mischbereifung und dem segensreichen M-Sportfahrwerk vor.
Nasse Straßen bieten zudem viel Spielraum für ambitionierte Quertreiber. Solches Potenzial kann der Mazda antriebsbedingt nicht freisetzen. Doch der Japaner, der auf den ersten Blick trocken wie Knäckebrot ohne Aufstrich wirkt, weckt schon durch sein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis Begehrlichkeiten. Auch das Sprintkapitel bewältigt er auf Augenhöhe mit dem BMW. Weniger talentierte Technik wurde dem Mazda leider ins Radhaus, oder besser gesagt auf seine 17-Zoll-Räder gepackt. Mit schmächtiger 205er-Bereifung und relativ taumeliger Fahrwerksabstimmung reagiert er im Grenzbereich sehr indifferent. Kritisch wird sein Fahrverhalten allerdings nie. Waschechte Opelaner runzeln hingegen aus einem anderen Grund die Stirn. Wie konnten es die Rüsselsheimer nur schaffen, ihrem neuen Astra einen derart massigen Hüftspeck ins Chassis pflanzen? Der Opel ist mit 1564 Kilogramm der mit Abstand schwerste Teilnehmer und hat in nahezu allen Disziplinen schwer daran zu schleppen.
Der Opel ist der schwerste Teilnehmer und hat schwer daran zu schleppen.
Bild: T. Müller
Im Grunde ist das Triebwerk aber kräftig, läuft vibrationsarm und schiebt die Tachonadel bei entsprechendem Anlauf auf 240 km/h. Dennoch fühlt sich der Opel immer eine Spur zu träge an. Souverän und gelassen arbeitet dafür das optionale FlexRide-Fahrwerk (930 Euro). Der Sport-Modus strafft die Kennlinien merklich, der Rüsselsheimer lässt sich dann mit weichen Lenkimpulsen verblüffend sicher am Limit bewegen. Aus sportlicher Sicht kann es dann nur wenig trösten, dass die komfortablen Sitze im Fall der Fälle auch angemessen abstützen und der Innenraum höchst solide wirkt. Das Interieur ist wiederum die Achillesferse des Seat Leon FR TDI. Durchschnittliche Materialien und verstreute Schalterchen verraten hier den qualitativen Respektabstand zum VW Golf. Mit knalliger Lackierung, griffigen 225/45 R 17-Reifen und einem betont knackigen Fahrwerk markiert er den "unvernünftigen" Dieselvertreter.
Seat Leon FR TDI
Der Seat Leon begeistert auf ganzer Linie und bleibt trotzdem ein echtes Vernunftauto.
Bild: T. Müller
So gesehen ist die schnellste Rundenzeit am Sachensring nur Formsache. Einzig in mittelschnellen Kurven kann der fein abgestimmte BMW den Spanier düpieren. Adäquaten Vortrieb sichert der 2,0-Liter-Diesel aus dem VW-Konzern. Er läuft kultiviert, dreht linear aus und spricht ab mittleren Drehzahlen flott an. Gleiches gilt für die Golf-GTD-Maschine. Dennoch wirkt der 350 Nm und 170 PS starke Selbstzünder im VW eine Spur verhaltener. Doch dieser Umstand trübt die höchst ausgewogene Performance des GTD nur minimal. Er liefert auch den besten Kompromiss zwischen Agilität und Komfort. Im Vergleich zum Seat fährt er sich trotz guter Lenkung und leichtgängiger Schaltung aber eine Spur zu brav. Somit schlüpft der Wolfsburger einmal mehr in seine bevorzugte Rolle des edel angehauchten Alleskönners. Überzeugend ja, aber eben auch etwas blutleer.  

Fazit

von Manuel Iglisch
Sie suchen einen spaßigen Kurvenwetzer mit knackiger Optik zum fairen Preis? Dann auf zum Seat- Händler! Der Spanier begeistert auf ganzer Linie und bleibt trotzdem ein echtes Vernunftauto. Deutlich abgeklärter, im Bereich Fahrdynamik aber mindestens ebenbürtig, landet der BMW auf Platz zwei. Der beste Allrounder kommt aus Wolfsburg. Im Alltag bietet der Golf den besten Kompromiss aus Sport und Komfort. Der Mazda 3 besitzt hingegen eine kleine Dampfwalze von Motor – könnte aber breitere Räder vertragen. Sein Preis ist jedoch eine Kampfansage. Die Giulietta ist letztlich doch keine echte Sportlerin. Dennoch liegt sie emotional ganz vorn. Auch der Opel ist ein entspanntes Wesen. Dazu glänzt er mit bestem Komfort und guter Langstreckentauglichkeit.