Fahrbericht Lotec Sirius

Lotec Sirius Lotec Sirius

Lotec Sirius

— 14.05.2004

... und er bewegt sich doch!

Die Idee stammt aus 1992. Dann wurde entwickelt, gebaut – und die Jahre zogen ins Land. Jetzt ist es so weit: Der Lotec Sirius fährt. Und wer saß am Steuer? AUTO BILD TEST & TUNING natürlich.

13 Jahre bis zur Vollendung

Gut Ding will Weile haben. Der Bau des Kölner Doms zog sich fast 650 Jahre hin. Richard Wagner benötigte mehr als 30 Jahre zur Vollendung des Musikdramas "Der Ring des Nibelungen". Da nehmen sich die 13 Jahre, die Kurt Lotterschmid für seinen Sirius brauchte, recht bescheiden aus. Wir stehen vor dem Fahrzeug, dessen Realisierung länger dauerte, als ein durchschnittliches Autoleben währt. Und wundern uns: Dem Lotec Sirius – benannt nach dem hellsten Fixstern am Firmament – sieht man sein Alter nicht an. Die flach kauernde, kraftstrotzende Silhouette wirkt taufrisch.

Kaum zu glauben, wie das Auto entstand. "Ich hatte keinen Computer. Aus Spanplatten habe ich mir 1992 ein 1:4-Modell zurechtgeschnitzt", verrät Lotterschmid, seines Zeichens sowohl Lotec-Chef als auch -Gründer. "Designer? Brauche ich nicht. Ich hatte die exakte Form des Wagens vor Augen." Im Jahr 2002 präsentierte Lotterschmid einen ersten Prototyp – der jetzt endlich fährt.

Nur ein Detail verrät, dass das Auto seinen Ursprung im letzten Jahrhundert hat: der Tachometer. Mit seiner schlichten weißen Skalierung wirkt er merkwürdig vertraut – Lotterschmid bediente sich beim Porsche 944. Er hat das Bauteil allerdings leicht modifiziert: Am rechten Rand steht jetzt die Zahl 400.

Satte 850 PS und 1100 Nm Drehmoment

400 Stundenkilometer – damit würde der Lotec aktuellen Supersportwagen vom Schlage eines Mercedes-Benz SLR und Porsche Carrera GT glatt davonfahren. Die waren damals nicht mehr als vage Fantasien visionärer Entwickler. Kurt Lotterschmid hatte einen anderen Konkurrenten vor Augen, den es in die Schranken zu weisen galt – den McLaren F1. Der protzte mit dem Superlativ des schnellsten straßenzugelassenen Sportwagens – mit 368 km/h laut Fahrzeugschein.

Als Mercedes-Benz-Tuner hatte sich Lotec in den 80ern international Meriten erworben. Jetzt strebte der Tuner aus dem bayrischen Kolbermoor nach höheren Weihen. Sein erster Versuch eines bayrischen Supersportwagens trug einen V8-Motor und hieß C1000. "In den Sirius wollte ich ursprünglich einen Porsche-Sechszylinder einbauen. Der McLaren hatte aber zwölf Zylinder. So viel brauchten wir auch – schon aus Prestigegründen."

Die Maschine aus dem Mercedes-Benz W140, der alten S-Klasse, scheint passend. Dieses Aggregat, mit sechs Liter Hubraum und 408 PS nicht gerade schwächlich, unterzieht Lotec einer umfangreichen Überarbeitung. Mit zwei KKK-Turboladern aufgepäppelt, verraten die ersten Prüfstandläufe Unglaubliches: Die monströse Maschine gibt 850 PS und ein maximales Drehmoment von 1100 Newtonmetern preis. Eine Erhöhung des Ladedrucks von 0,85 auf 1,2 Bar bringt sogar 1200 PS. Dank umfangreicher Kohlefaser-Komponenten wiegt der Sirius nur 1480 Kilo. Damit kommt Lotec dem idealen Leistungsgewicht von einem Kilogramm pro PS ziemlich nahe. Der italienische Hersteller Cima liefert ein Sechsganggetriebe, das den irrsinnigen Kräften standhält. Dank Trockensumpfschmierung macht auch die Ölversorgung keinen Kummer.

Schnörkelloses Cockpit mit reichlich Platz

Die 400 km/h Spitze sind theoretischer Natur, wurden noch nie gefahren. Wen wundert's? "Bis jetzt habe ich noch nicht einmal 100 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt", erzählt Kurt Lotterschmid.

Der Sirius ist ein Unikat, einmalig und unbezahlbar. Wir sind die ersten Außenstehenden, die ihn in Aktion erleben, die Ersten, die ihn fahren dürfen. Ehrfürchtig drehen wir am Zündschlüssel. Die Maschine zögert einen winzigen Moment und erwacht dann heiser hechelnd zum Leben. Bereits im Stand teilt der Mittelmotor unmissverständlich mit, was in ihm steckt. Direkt hinter den Passagieren angesiedelt, faucht das Aggregat dermaßen bedrohlich, dass man befürchten muss, es werde sich jeden Moment losreißen und durch die dünne Trennscheibe springen.

Die Besatzung fühlt sich an Bord des Sirius trotzdem geborgen wie in Abrahams Schoß. Der Platz reicht aus, lediglich der Dachholm kommt dem Kopf ziemlich nah. Die Sportsitze sind weder zu eng noch zu hart. Auf Schnickschnack verzichtet der Lotec – nur ABS, Servolenkung und Klimaanlage dürfen an Bord. Letztere ist unverzichtbar – schließlich hat das Auto großzügige Glasflächen, aber keine versenkbaren Scheiben. Die Ergonomie stimmt, nur der Kupplungsfuß wünscht sich eine Ablage. Obwohl dem Sirius jegliche Feinabstimmung fehlt, geht es schon gewaltig vorwärts. Die Sintermetall-Kupplung rupft zwar, und das Getriebe hakt. Diese Probleme sind laut Lotterschmid aber durch Entlüften der Kupplung zu lösen.

Der Lotec Sirius – ein Auto für Profis

Trotz seiner unbändigen Kraft glänzt der Motor mit vorzüglichen Manieren. Niedertouriges Dahinbummeln verursacht ihm keinerlei Probleme. Das andere Extrem liegt dem Sirius aber natürlich viel mehr: Null auf 200 km/h sollen rein theoretisch 7,8 Sekunden dauern. Vom Gefühl her würden wir sagen: Das kann er schaffen. Das Beschleunigungsvermögen raubt nicht nur den Atem – sondern gefährdet auch den Kreislauf. Alles, was über ein Streicheln des Gaspedals hinausgeht, erfordert volle Konzentration. Noch im dritten Gang äußert das Hinterteil des Hecktrieblers selbst auf schnurgerader Strecke das Bedürfnis auszubrechen. Wer den Mut aufbringt und voll durchtritt, entfesselt Mächte, die jenseits jeglicher Vorstellungskraft liegen.

Ein Auto für Profis also – aber selbst die werden niemals in den Genuss kommen, den Sirius über deutsche Straßen zu jagen. Der Supersportler wandert nämlich aus. Zumindest, wenn es nach Kurt Lotterschmid geht: "Von der Idee einer Kleinserie habe ich mich vorläufig verabschiedet. Ich will das komplette Projekt an die Chinesen verkaufen." Aber keine Panik: Bis dieser Plan Realität wird, zieht sicher noch das eine oder andere Jahr ins Land. Schätzen wir einfach mal.

Technische Daten • V12-Mittelmotor • zwei KKK-Turbolader mit zwei Ladeluftkühlern • 4 Ventile je Zylinder • Hubraum 5987 cm3 • Leistung 625 kW (850 PS) bei 6300/min • maximales Drehmoment 1100 Nm bei 3400/min • Heckantrieb • 6-Gang manuell • rundum Einzelradaufhängung mit Doppeldreiecklenkern • rundum gelochte und innenbelüftete Scheibenbremsen • Reifen 255/35 ZR 19 vorn, 345/30 ZR 19 hinten • Räder 9,5 x19 vorn, 12,5 x 19 hinten • Länge/Breite/Höhe 4120/2080/1120 mm • Leergewicht 1280 kg • 0–100 km/h in 3,8 s • Höchstgeschwindigkeit 400 km/h

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