Fahrbericht Hymer ML-T

Mercedes Sprinter 4x4 Hymer ML-T 580: Fahrbericht

— 19.02.2015

Wintercampen auf hohem Niveau

Hymer bietet das teilintegrierte Wohnmobil ML-T auch auf Basis des Mercedes Sprinter 4x4 an. Das Resultat ist fast zu Ende gedacht.

Allrad im Reisemobil: Das ergibt durchaus Sinn. Denn wenngleich viele Wohnmobilisten ihr fahrbares Feriendomizil als eine Art transportables Sommerhaus sehen und daher an Schlechtwege- oder Ganzjahres-Mobilität nur geringe Ansprüche stellen, gibt es doch die anderen: die, die nicht schon an einer aufgeweichten Wiese scheitern wollen; die nicht nur zwei Wochen, sondern vielleicht zwei Monate oder zwei Jahre verreisen und in entlegene Gebiete vordringen möchten.

Der Allrad-Mercedes ist gut und ziemlich teuer

Der 4x4-Sprinter kommt mit Schnee und leichtem Gelände gut zurecht – für satte 10.135 Euro Aufpreis.

Dass es nicht mehr Allrad-Camper gibt, liegt aber auch an fehlenden Basisfahrzeugen. Ducato & Co. sind nur per nachträglichen Umbau mit Allradantrieb verfügbar. Dem misstraut der konservative Reisemobilist vielleicht. Und zweitens sind diese Autos mangels Bodenfreiheit nur eingeschränkt schlechtwege- oder gar geländetauglich. Einen Lichtblick stellt seit gut einem Jahr der neue Mercedes Sprinter 4x4 dar, der nun offiziell übers Mercedes-Handelsnetz zu beziehen ist – obwohl er eigentlich auch aus den Werkstätten eines Umbauers kommt, und zwar denen des österreichischen Allradspezialisten Oberaigner. Der Allradantrieb funktioniert via Zentraldifferenzial; Sperren gibt's keine, weder manuell noch automatisch; Traktionsverlust einzelner oder mehrerer Räder bekämpft allein die elektronische Schlupfregelung . Man kann den auf jedem Untergrund permanent einsetzbaren Allradantrieb abschalten; dann fährt der Sprinter nur mit Hinterradantrieb. Faktisch ist das sogar der Normalmodus; deshalb verkauft Mercedes das System etwas missverständlich und unter Wert als "Allrad, zuschaltbar"; und zwar für mäßig bescheidene 10.135 Euro und 23 Cent inklusive Mehrwertsteuer.

Hymer macht aus dem Sprinter ein Haus für zwei

Reichlich Platz: Für zwei Reisende ist der teilintegrierte Hymer ML-T ein perfekter Begleiter.

Inklusive Fahrwerks-Höherlegung um vorn 110, hinten 90 mm. Die erfolgt primär zwar aus technischen Gründen – weil sonst das zusätzliche Vorderachsdifferezial nicht so recht in die Vorderachse passt –, aber sie hat auch erhebliche Vorteile, weil damit nicht nur die Bodenfreiheit wächst, sondern auch die Böschungs- und Rampenwinkel. Auf dieser Basis baut Wohnmobilpionier Hymer den teilintegrierten ML-T auf. Anders als bei vollintegrierten Wohnmobilen bleibt die Fahrerkabine einschließlich Türen erhalten; aber sie wird ihres Daches und ihrer Rückwand beraubt und direkt mit dem Wohnaufbau verbunden. Der besteht aus nahtlos verklebten Kunststoff-Alu-Verbundplatten; Hymer betont die volle Wintertauglichkeit – auch dank leistungsfähiger Warmluft-Gasheizung und schlauer Details wie der hinterlüfteten Schränke. Im langen Heck, unter dem Doppelbett, gibt es einen riesigen, als Garage bezeichneten Gepäckraum – etwa für Fahrräder oder Wintersportgerät. Was neben den zahllosen einfallsreichen und praxisgerechten Details gefällt, sind vor allem die sehr großzügigen Stauräume. Dieses Wohnmobil ist konzipiert für zwei Reisende, die lange, weite Touren unternehmen und sich dabei wenig einschränken wollen.

Ein Artikel aus AUTO BILD ALLRAD

Am Lenkrad muss man sich zunächst an die Abmessungen gewöhnen; sieben Meter Länge, drei Meter Höhe und gut 2,20 Meter Breite flößen Respekt ein. Doch rasch gewöhnt man sich an das zunächst träge wirkende Fahrverhalten und kann sogar halbwegs zügig über die Landstraßen segeln. Der 2,2-Liter-Vierzylinder – im Testwagen mit 163 PS – zieht verblüffend tapfer; unterstützt vom weit gespreizten Sechsganggetriebe schlafft er auch am Berg nicht ab. Und auf der Autobahn cruist man recht entspannt mit 120 bis 130 km/h dahin.

Der Camping-Aufbau tut dem 4x4-Sprinter gut

Erstaunliches Phänomen: Mit dem dicken Camping-Aufbau fährt sich der Sprinter deutlich harmonischer.

Zu verblüffender Top-Form läuft der Allrad ML-T in Winter auf. Das Erstaunlichste: Mit dem dicken Wohnmobilaufbau fährt sich der Allrad-Sprinter eigentlich harmonischer als ohne – denn so passt die hecklastige 35:65-Kraftverteilung offenbar einfach besser. Die empfundene Instabilität eines leeren Sprinter-Busses, wo erst die Hinterräder spürbar Schlupf aufbauen müssen, ehe die ETS-4-Elektronik vermehrt Kraft nach vorn leitet, ist verschwunden. Schlauerweise bleibt der Allradantrieb auch nach dem Abstellen des Wagens aktiv; der Sprinter startet immer so, wie man ihn zuletzt abgestellt hat. Für Extremfälle kann man die Schlupfregelfunktion per Tastendruck teilabschalten; das System unterlässt dann die Reduzierung der Motorkraft und greift erst bei hohem Schlupf ein. Allerdings nur kurz – zehn Sekunden nach dem Druck auf die "ASR off"-Taste wird das System wieder voll aktiv; ebenso, wenn man etwa 50 km/h erreicht hat. Das reichte im Test allerdings stets aus, um auch fiesen, tiefen Neu- und verharschten Altschnee zu überwinden; und auch im leichten bis mittleren Gelände gelangte das Allrad-Wohnmobil nicht ans Ende seiner Möglichkeiten. Für wirklich harte Offroad-Einsätze oder Expeditionen eignet es sich dennoch nicht.

Hier fehlt zumindest eine Zentralsperre, und auch der hintere Böschungswinkel reicht dafür nicht – dazu müsste der lange Hecküberhang angeschrägt sein. Deshalb bietet Hymer auch das von Mercedes eigentlich lieferbare Untersetzungsgetriebe (1,42:1) nicht an. Denn wo man ohne die Untersetzung nicht hinkommt, wäre solch ein großer Camper ohnehin fehl am Platz.
Autor:

Thomas Rönnberg

Fazit

Nicht für jeden geeignet – und doch schlüssig: Der Hymer ML-T 4x4 ist ein überzeugendes Wohnmobil für den Winter oder lange Touren. Hoher Wohnkomfort verbindet sich mit erstaunlicher Schlechtwegemobilität; für Expeditionen ist solch ein 4x4-Womo dennoch nichts.

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