Motorradunfälle
Viele Biker sind selbst schuld

–
Die Mär vom unschuldigen Opfer auf dem Zweirad haben Unfallforscher aus Berlin jetzt widerlegt: Zwei Drittel der Motorradfahrer sind mitschuldig, wenn es kracht. Ein Viertel fliegt sogar ganz von allein aus der Kurve.
"Motorradfahrer töten nicht – Motorradfahrer werden getötet." Mit diesem anklagenden Spruch auf Shirt oder Tank macht heute noch so mancher Biker Autofahrern ein schlechtes Gewissen. Das klingt nach arglosem Opfer und scheint die verbreitete Ansicht, dass die Zweiräder zu schnell und häufig rücksichtslos durch den Verkehr knattern, zu widerlegen. Tatsache ist: Bei einem Drittel aller Zweiradunfälle haben die Biker mindestens eine Teilschuld. 25 Prozent aller Motorradfahrer fahren sich sogar ganz allein um Kopf und Kragen, ohne dass ein anderer Verkehrsteilnehmer im Spiel ist. Wissenschaftler der Organisation Unfallforscher der Versicherer (UdV) in Berlin haben Unfälle in Deutschland analysiert und kamen auf die überraschende Schlussfolgerung: "Motorradfahrer sollten aufhören, sich als unschuldige Opfer zu sehen", fordert Siegfried Brockmann, Leiter des Verbands. Nur diese Einsicht helfe, das eigene Verhalten zu überdenken.
Hochgerüstete Sportmaschinen werden schnell zu regelrechten Waffen

Bild: AUTO BILD / Uli Sonntag
Besonders häufige Biker-Gräber sind Kurven, aus denen die leichtsinnigen Easy Rider wegen zu hoher Geschwindigkeit glatt hinausfliegen. Doch Motorradfahrer verursachen auch oft schwere Kreuzungsunfälle. Auch mangelnder Sicherheitsabstand und eigene Fehler beim Überholen haben für die Zweiradfahrern oft fatale Folgen. Insbesondere die hochgerüsteten Sportmaschinen werden hier zu regelrechten Waffen. Viele aktuelle Modell erreichen bereits die 200-PS-Marke - in Kombination mit einem sehr geringen Gewicht ergibt das einen Dynamik, die für einen Menschen kaum mehr beherrschbar ist. Brockmann empfiehlt den Herstellern, wieder zur einstigen freiwilligen Selbstbeschränkung von 100 PS zurückzukehren. Zugleich fordert der UdV, dass Versicherungsprämien für Motorräder sich zukünftig am Leistungsgewicht, also am Verhältnis von Leistung zu Gewicht, orientieren. Damit würden besonders agile Maschinen entsprechend ihres großen Gefährdungspotenzials hoch tarifiert.
17 Prozent aller Todesopfer auf deutschen Straßen sind Zweiradfahrer

Das Risiko, auf einem Motorrad im Straßenverkehr getötet zu werden, ist 14-mal höher als im Auto. Motorradunfälle haben nach einer Statistik des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) einen Anteil von zehn Prozent am Gesamtaufkommen von Unfällen mit Personenschaden. 17 Prozent aller Todesopfer auf deutschen Straßen sind Zweiradfahrer. Die meisten von ihnen sterben in der Freizeit: Laut UdV-Chef Brockmann ist das Motorrad in Deutschland kaum noch ein Fortbewegungsmittel, sondern wird von den meisten Fahrern als Sportgerät angesehen. Dr. Hartmut Kerwien, Diplom-Psychologe und Moderatorenausbilder beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat, sieht bei Motorradfahrern durchaus Motive, wie man sie auch von anderen Risiko-Sportarten wie Bergsteigen, Wildwasser-Kanu oder Drachenfliegen kennt: "Für diese Fahrer gehören das Meistern schwieriger Situationen sowie das Austesten der fahrphysikalischen und persönlichen Leistungsgrenzen unbedingt zum Erlebnis Motorrad."
Schlecht nur, wenn das Erlebnis empfindlich weh tut: Zwar wurden positive Ergebnisse mit der Gestaltung optimierter Motorradverkleidungen und Airbags gemacht. Dennoch ist passive Sicherheit noch immer ein Fremdwort auf zwei Rädern, sind in erster Linie Helm und Schutzbekleidung die Knautschzone des Motorradfahrers, der folglich beim Crash immer Blutgeld zahlt. Auch Antiblockiersystem (ABS), selbst in den meisten Kleinwagen serienmäßig, ist bei den rund vier Millionen Motorrädern und zwei Millionen Kleinkrafträdern auf deutschen Straßen immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Experten fordern daher, dass die serienmäßige Ausrüstung mit ABS für Zweiräder zur Pflicht wird.
APC Systems aus Spanien bietet Motorradhelm mit integriertem Airbag

Bild: Werk
Wichtig sei zudem, dass ein Fahrertraining Pflicht werde, bei dem Mitverantwortung unterrichtet würde, schlägt die Organisation UdV vor. Informieren können Motorradfahrer sich bei diversen Seminaren und einer vom DVR eigens entwickelten Internetplattform für Zweiradsicherheit. Der spanische Hersteller APC Systems hat jetzt einen Motorradhelm mit integriertem Airbag entwickelt. Innerhalb von 0,15 Sekunden bläst sich ein Luftsack auf, der bei einem Crash den Hals stabilisiert und den Nackenbereich schützt. Ein elektronisches Modul kann zudem selbstständig zwischen Unfällen und gefährlichen Situationen unterscheiden. Der in zahlreichen Crash-Tests geprüfte Airbag-Motorradhelm soll rund 850 Euro kosten.
Service-Links