VW Golf R: Tuning
Getunte Golf R im Test auf dem Sachsenring

Der schmutzig-bärige Klangteppich des R32 ist Vergangenheit. Dass der Verzicht auf zwei Zylinder im neuen Top-Golf gar nicht so schwerfällt, demonstrieren vier engagierte Tuningschmieden.
- Frank Wiesmann
Im oberen Drehzahlbereich etwas zäh, dazu nicht gerade sparsam – der Golf R32 hatte seine Schwächen. Aber einen Sound, der das alles vergessen machte. Kernig hell sägte sich der Sechszylinder ins Herz seiner Fahrer. Ein Talent, das der neue, vierzylindrige VW Golf R nicht vorweisen kann. Ein Rückschritt also? Mitnichten. Durchzugsstark und ungemein drehfreudig geht der auch aus dem Audi TT S und S3 bekannte 2,0-Liter ans Werk – eine optimale Basis für weiteren Feinschliff seitens der Tuningzunft. Vier Veredler stellen sich dem Vergleich. Sowohl Hohenester Sport als auch Rothe Motorsport sind in der Audi- und VW-Szene bestens für ihre wahnwitzig kräftigen Turbo-Umbauten bekannt. Motoreninstandsetzer und Chiptuner MTB tritt hingegen zum ersten Mal in AUTO BILD SPORTSCARS an. Das in Essen ansässige Team um Geschäftsführer Danny Bradtke zielt vor allem auf bezahlbare Tuningmaßnahmen bei gleichbleibend hoher Alltagstauglichkeit.
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Bild: Lena Barthelmeß
H&R-Clubsport-Fahrwerk überrascht

Bild: Lena Barthelmeß
Porsche als Konkurrent?
Obwohl er dem Hohenester nominell nur 15 PS voraushat, tritt der MTB Golf R spürbar bissiger zu. Beim Ausdrehen fühlt sich der im Ruhrgebiet bearbeitete Turbo-Vierzylinder merklich kräftiger an als der des Hohenester – was die Messwerte belegen. Bereits auf 100 km/h unterbietet der MTB die Fünf-Sekunden- Marke locker und knallt nach 18 Sekunden mit 200 km/h über die Piste. Fahrer eines Porsche Cayman S müssen sich warm anziehen – selbst in Sachen Vmax. Erst bei gemessenen 271 km/h ist beim MTB Golf R das Ende der Fahnenstange erreicht. Der druckvolle Antritt wird vom langstreckentauglichsten Komfort begleitet. Anders als die drei Mitbewerber setzt MTB auf das einstellbare DCC-Fahrwerk der Serie, reicht lediglich H&R-Fe dern mit 20 Millimeter Tieferlegung dazu. Ergebnis: tadelloser Geradeauslauf und satte Kurvenlage selbst bei höchstem Tempo sowie hoher Federungskomfort. Lediglich schnell durchfahrene Autobahnkurven im Comfort-Modus bringen eine minimale Unruhe in den MTB Golf.
Kraft und Drehfreude in jeder Lebenslage

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BTS und Hoheneste setzen auf die gleichen Pneus

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Klappensteuerung funktioniert hervorragend
Ein Gewindefahrwerk Marke Bilstein zieht den schwarzen Breitbau-Golf 40 Millimeter Richtung Apshaltdecke, dazu kommen 15-mm-Distanzscheiben von H&R. 19-Zoll-OZ-Ultraleggera-Räder schaffen Platz für 390 Millimeter große Vorderachsscheiben samt Sätteln vom aktuellen Audi RS6, ergänzt durch Stahlflex-Bremsleitungen. Schon auf den ersten Metern wird klar: Die 338 versprochenen PS scheinen eher noch untertrieben zu sein. Da Rothe als Einziger auch die Mechatronik des DSG bearbeitet brennt der Golf R20 mit Launch Control nicht mit werkseitig programmierten 3200, sondern mit 4500 Touren von der Stelle. Geschaltet wird nicht bei knapp 7000, sondern bei 7200 Touren. Bestwerte sind da nur noch Formsache, der Sieg im Längsdynamikkapitel ist dem Golf R20 nicht mehr zu nehmen. Wie bei BTS funktioniert die Klappensteuerung des Rothe Golf hervorragend, weiß Bolzerei und Bummelei akustisch treffsicher zu trennen.
Geänderten DSG-Mechatronik macht Freude

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Hohenester Golf macht am meisten Spaß
Hier trumpft der Hohenester Golf auf. Schieben über die Vorderachse kennt er nicht, lenkt stattdessen bei Lastwechseln kess mit dem Heck mit – mehr Spaß bereitet keiner. Gefahr droht dabei nicht: Das zwangsaktive ESP wacht stets sorgsam. Wen das stört, der kann es bei Hohenester für 72 Euro auch abschalten lassen – allerdings nur dauerhaft. Die Dunlop-Semislicks kleben wie Kaugummi, bauen nicht ab und lassen den spitz einlenkenden, besonders agil wirkenden Hohenester über eine Sekunde vor Rothe die Ziellinie überqueren. Wo er verliert? An Steigungen und im Highspeed-Abschnitt, gut abzulesen an der deutlich geringeren Vmax. Auch die Serienbremse lässt nach mehreren Runden rubbelnd nach. Dennoch: Noch besser kann das nur der BTS. An seiner Vorderachse arbeiten ebenfalls Audi-RS-Stopper, allerdings die vom 340 PS starken Top-TT.
Tuningvorhaben voll geglückt
Neben der standfesten Bremse und den intensiv klebenden Dunlop-Reifen macht der Golf RS 20 vor allem durch seine extrem neutrale Abstimmung Zeit gut. Das Kurventempo scheint keine Rolle zu spielen: Untersteuern fehlt völlig, wie auf Schienen eilt er zur den Porsche Carrera S übertrumpfenden Bestzeit. MTB zahlt hingegen den Preis für das milde, aber bezahlbare Fahrwerkstuning. Anders als die Konkurrenz ohne die für Semislicks optimalen 2,5 Grad Sturz an der Vorderachse unterwegs, untersteuert der MTB Golf am stärksten und zeigt selbst im Sportmodus die größte Seitenneigung. Zwei bis vier Sekunden liegt er am Ende zurück – eine Welt. Ist er deshalb weniger empfehlenswert? Nein. Das Vorhaben, günstiges und alltagstaugliches Tuning anzubieten, ist voll geglückt.
Fazit
Mit überzeugenden Fahrleistungen, einer Top-Rundenzeit, standfesten Bremsen und allzeit narrensicher- neutralem Fahrverhalten holt sich BTS die Goldmedaille. Auch der böse anmutende und brachial beschleunigende Rothe hätte das Zeug zum Sieger gehabt, krankt aber an seinen schmierenden Reifen. Zudem ist er mit Abstand am teuersten. Hohenester verliert im Längsdynamikkapitel, rettet sich aber mit der quicklebendigen und Spaß bereitenden Übersteuertendenz punktgleich mit Rothe auf Platz zwei. MTB wird Preis-Leistungs-Sieger. Auf der Rennstrecke kostet die seriennahe Abstimmung viel Zeit – zu viel, um in einem sportlich orientierten Vergleich weiter vorn zu landen. Doch das unaufgeregt-souveräne Alltagsauftreten hat auch seinen Reiz.
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