Zeitarbeit in der Autoindustrie

Billigarbeiter bei BMW Billigarbeiter bei BMW

Zeitarbeit in der Autoindustrie

— 30.05.2007

Ich bin Billigarbeiter bei BMW

... und baue den 3er in Leipzig für 8,15 Euro die Stunde. Flexibilität oder Lohndumping – die Bedeutung der Zeitarbeit in der Autoindustrie wächst. Im Leipziger BMW-Werk ist jeder dritte Arbeiter nur geliehen. Hier werden Menschen wie Material behandelt. Ein Leiharbeiter packt aus.

Es gibt da einen Platz, an dem ist Frank Winkler (Name geändert) kein Mensch. Dort steht ein Gebäude, das aus Winkler ein Stück Werkzeug macht, sobald der junge Mann es betritt. Dieser Ort ist das BMW-Werk vor den Toren Leipzigs, und Winkler fühlt sich erst dann wieder lebendig, wenn er nach Schichtende in seinen VW Polo steigt.

Dann spürt er jeden Knochen, jeden schmerzenden Muskel – und er spürt die Wut. Die Wut über das bisschen Geld. Die Wut darüber, dass sein Nebenmann am Band doppelt so viel bekommt. Die Wut eines Mannes, der in der Fabrik nicht als Personal, sondern als Material verbucht wird. Die Wut eines Zeitarbeiters. Es tröstet Frank Winkler nicht, dass er einer von vielen ist. Die Bedeutung der Zeitarbeit wächst, besonders in der Autoindustrie. Es geht darum, Auftragsspitzen kurzfristig abdecken zu können.

Kein Grund zur Freude: die Gehaltsabrechnung von Frank Winkler.

Kompetent, motiviert und ausgenutzt

Mercedes leiht sich für diese Fälle maximal vier Prozent der Belegschaft von Zeitarbeitsfirmen. Bei BMW in Leipzig wird jeder dritte Mitarbeiter bei Zeitarbeitsfirmen bestellt. Menschen wie Frank Winkler, 21 Jahre, gelernter Industriemechaniker. Kompetent, motiviert, ausgenutzt. Winkler bekommt von seinem Arbeitgeber, der Zeitarbeitsfirma Randstad, einen Tariflohn von 6,42 die Stunde. Sechs Euro und zweiundvierzig Cent! Dazu kommen 1,73 Euro BMW-Zulagen. Macht 8,15 Euro. Er arbeitet in der Frühschicht von sechs bis 13.45 Uhr, in der Spätschicht von 13.45 bis 23.30 Uhr. Winkler erhält für das Montieren eines 3er, eines Premiumprodukts made in Germany, 1263,41 Euro brutto im Monat – das ist in etwa so viel, wie ein polnischer Spargelstecher auf ostdeutschen Feldern verdient.

Eigentlich arbeitet Frank Winkler gern am 3er im BMW-Werk-Leipzig.

"Unsere Werke können durch Zeitarbeiter atmen", argumentiert BMW-Sprecher Marc Hassinger. Leute wie Winkler werden nicht eingestellt und entlassen, sie werden angefordert und abgemeldet. Für sie ist bei BMW nicht die Personalabteilung zuständig, sondern der Materialeinkauf. "Eigentlich mache ich den Job gern", sagt Frank Winkler und blickt, Hände in den Hüften, hinüber zum BMW-Werk, das 2005 eingeweiht wurde – von der Politik (und auch von AUTO BILD) bejubelt und mit 360 Millionen Euro Subventionen unterstützt. Es ist harte, taktgebundene Arbeit, "aber man gewöhnt sich dran". 82 Sekunden haben die Männer, um Batterien anzuschließen, Sitzlehnen zu verschrauben. Dann wartet das nächste Auto.

1263,41 Euro brutto: Netto bleiben am Ende 938,84 Euro zum Leben.

Gleiche Arbeit bei ungleichem Lohn

Winkler berichtet von einem Krankenstand "jenseits von Gut und Böse", von Überstunden im dreistelligen Bereich und von Qualitätsproblemen. "Wir drehen schnell irgendwelche Schrauben rein, ohne prüfen zu können, ob die in Ordnung sind." Die Nachbesserungen nehmen zu. "Und wenn sich die Arbeitsleistung der Bezahlung anpasst, bekommt BMW ein echtes Problem." Frank Winkler würde gern mit seiner Freundin zusammenziehen. Er lebt von 938,84 Euro netto. Davon gehen 200 Euro Spritkosten ab und etwas Haushaltsgeld. Winkler wohnt bei seinen Eltern. Sonst wäre er wohl ein Fall für ein aufstockendes Arbeitslosengeld II. Er kennt Zeitarbeiter, die mit dem Lohn eine Familie durchbringen müssen. Nicht selten arbeiten BMW-Zeitarbeiter nach der Schicht schwarz, um über die Runden zu kommen. "Und dann schraubt neben mir einer, der sich laut fragt, ob sein neues Auto 200 oder 220 PS haben soll." Das sind die Festangestellten, die das Doppelte bekommen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Winkler blickt in den blauen Himmel und schaut einem Flugzeug nach.


"Die Stimmung im Werk brodelt", sagt Leiharbeiter Frank Winkler.

Gewerkschafter sind zahnlose Tiger

Bodo Grzonka, Experte für Zeitarbeit bei der IG Metall, spricht von einer Zweiklassengesellschaft. Der Leipziger Betriebsrat Jens Köhler sagt, es gebe nun mal zwei Tarifverträge. Ist das alles? "Hören Sie, ich bin IG Metaller durch und durch, aber man muss sehen, was möglich ist." Und er sagt: "Wir sehen die Missstimmung zwischen Festangestellten und Zeitarbeitern, aber wir können nichts machen." Er nennt sich und seine Kollegen "zahnlose Tiger". "Die Stimmung im Werk brodelt", sagt Winkler. Drüben bei Porsche kommen sie doch auch fast ohne Zeitarbeiter aus. Er will sich dort bewerben, wenn der Panamera gebaut wird. Ende Juni wird sein Zeitarbeitsvertrag zum zweiten Mal verlängert. Wieder sechs Monate, wieder neue Probezeit.

Warten und hoffen: Frank Winkler vor dem BMW-Werk in Leipzig.

Die Zeitarbeitsfirmen boomen. Bei Randstad, Deutschlands größter Verleihfirma, ist die Nachfrage so hoch wie noch nie. Bis 2010 wird eine Verdoppelung der Zahl der Zeitarbeitnehmer erwartet. Derzeit sind es 850.000. Allein in den vergangenen zwölf Monaten kamen 273.000 hinzu. Das CAR (Center Automotive Research) von Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer in Gelsenkirchen hat in einer Studie ermittelt, dass die deutsche Autoindustrie mehr als 60.000 Zeitarbeiter beschäftigt. Dudenhöffer sagt, ohne Zeitarbeit würden Autos nur noch in Osteuropa gebaut werden. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Zeitarbeit kein Vehikel für Lohndumping sei. Die Studie wurde von Randstad in Auftrag gegeben und bezahlt...

Kaum noch Hoffnung auf Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis

BMW wurde gerade wieder zum beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland gekürt. Nicht von Leuten wie Frank Winkler – von Hochschulabsolventen. Hoffnung, von BMW übernommen zu werden, hat Frank Winkler kaum. Es gab einmal die Regel, dass Betriebe Leiharbeiter nach zwei Jahren übernehmen müssen. Winkler kennt einen Kollegen, der von seinem Arbeitgeber seit sechs Jahren an BMW verliehen wird. Winklers Zukunft kostet 8,15 Euro pro Stunde. Der gesetzliche Mindestlohn für Gebäudereiniger liegt ab 1. Juli bei 7,87 Euro. Auch die Zeitarbeitsverbände streben einen Mindestlohn an: 7,15 Euro in Westdeutschland, 6,22 in Ostdeutschland.

BMW in Leipzig möchte zum Thema Zeitarbeit nichts sagen.

BMW in Leipzig scheint das nicht zu interessieren. Sprecher Michael Janßen möchte zum Thema Zeitarbeit nichts sagen. Und spricht dann doch einen entlarvenden Satz: "Wir wollen zu akzeptablen Arbeitsbedingungen kommen, die in der Einzelwahrnehmung derzeit möglicherweise noch nicht vorhanden sind." Die Einzelwahrnehmung. Winklers Wahrnehmung. Wolfgang Clement, ehemaliger SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister und heute Berater der Zeitarbeitsfirma Adecco, hält zehn Prozent Zeitarbeiter für angemessen, damit eine Fabrik "Atmungsmöglichkeiten" hat. Wenn das so ist, dann hyperventiliert das Leipziger BMW-Werk. Und davon kann man bewusstlos werden.

Kurzinterview – Drei Fragen an Bodo Grzonka, IG-Metall

AUTO BILD: Ist ein Zeitarbeiter, der im Schichtdienst deutsche Spitzenprodukte wie den BMW 3er baut, mit 8,15 Euro Stundenlohn angemessen bezahlt? Grzonka: Nein. Hier wird dem Arbeitnehmer eine Lebensperspektive entzogen. Wer wie BMW so intensiv Zeitarbeitsfirmen nutzt, entzieht sich seiner sozialen Verantwortung für unser Land. Der Arbeitsmarkt wird so zu einer Zweiklassengesellschaft. Die einen werden an der positiven Wirtschaftsentwicklung beteiligt, die anderen eben nicht. Über 30 Prozent Zeitarbeiter ist ein ungesundes Verhältnis, das durch nichts zu rechtfertigen ist.
Die Firmen argumentieren mit einer höheren Flexibilität, etwa zum Abdecken von Auftragsspitzen. In keinem anderen Land in Europa können Unternehmen im Personalbereich derart flexibel agieren, auch ohne Zeitarbeiter. Und das BMW-Werk in Leipzig hat von der Auftragslage her eine Planungssicherheit für die nächsten ein, zwei Jahre.
Betriebsräte können den Zeitarbeitern auch nicht helfen? Die können sich um so viele Leiharbeiter doch gar nicht mehr kümmern. Wir brauchen vielmehr gesetzliche Korrekturen. Der Grundsatz "equal pay", also gleiches Geld für gleiche Arbeit, muss wieder gelten.

Autor: Hauke Schrieber

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