Auto-Design im Wandel der Zeit — 02.08.2006
Wie alles in Form kam
Am Anfang war das Dreirad. Das ist 120 Jahre her. In den letzten 50 Jahren wurden die Formgeber immer wichtiger. Eine Übersicht.
Noch Anfang der 50er-Jahre setzten Mercedes, Ford und Opel auf die bewährte Vorkriegs-Optik, der Käfer baute ebenfalls auf die Ur-Form des in nur wenigen Exemplaren gebauten KdF-Wagens ("Kraft durch Freude", die Freizeit-Organisation der Nationalsozialisten). Lediglich Borgward wagte wirklich Neues. Sein Hansa 1500 war 1949 ein Design-Mittelpunkt des Genfer Autosalons. Die amerikanische Marke Kaiser hatte Borgward als ersten deutschen Hersteller zu der Pontonform inspiriert. Die kannte eigentlich nur die klare Aufteilung in Unterbau und Dachaufbau, der in Formgestalter-Kreisen heute neudeutsch Greenhouse (Gewächshaus, Glashaus) genannt wird. Alle Hersteller folgten mehr oder minder schnell der neuen Mode. Ford streckte 1952 den Buckel zur schnörkellosen Pontonform der 12M-Baureihe. Ein Jahr später folgten Opel Olympia Rekord und Mercedes 180. Ponton in Reinkultur zeigte Fiat mit dem 1400, der 1950 vorgestellt wurde. Auch die deutschen Kleinwagen-Bauer folgten dem Einfluss, vor allem die Borgward-Tochter Lloyd ("Leukoplastbomber", ab 1950) und Glas (Goggomobil, ab 1955) waren mit der Pontonform im Zwergenformat sehr erfolgreich.
Schon zu Anfang der 50er-Jahre, Düsenjäger malten bereits ihre Kondensstreifen an den Himmel, wurden von den Fahrzeugbauern Flugzeug-Elemente kopiert. Studebaker gönnte sich 1950 eine wahre Propellernase. Die Studie Buick Le Sabre zeigte 1951 erste Heckflossen. Die den Flugzeug-Seitenleitwerken nachempfundenen Blechgebirge erreichten ihren – im wahrsten Sinne des Wortes – Höhepunkt Ende der 50er-Jahre. Danach wurden sie von Jahr zu Jahr immer kleiner. Mercedes-Benz, damals noch erzkonservativ und formal zurückhaltend, versah erst 1959 den neuen 220 mit Ansätzen von Heckflossen, in Stuttgart natürlich vornehm "Peilkanten" genannt. Das Modell war sehr erfolgreich. Da ab 1961 auch die kleineren 190er-Modelle diese Karosse erhielten, ging diese Zeit als Heckflossen-Ära in die Mercedes-Benz-Geschichte ein.
Nach dem formalen Höhepunkt von Flossen und Chrom gab es zwei Modetrends. 1960 kam von GM ein Auto mit glattesten Linien. Der Corvair, Motor und Antrieb hinten, bestach durch die rundum laufende, absolut horizontale Gürtellinie. So was fand natürlich schnell seine Nachahmer. NSU Prinz 4 (1961) und Fiat 1300/1500 (1961) hießen die bekanntesten Kopierer. Die italienischen Star-Designer, allen voran Pininfarina mit seinen Lancia-Entwürfen, aber waren es, die Ende der 50er ganz scharfkantige Umrisse und Übergänge in Blech pressten. Typisches Beispiel ist auch die Modellreihe 1500/1600/1800, die BMW ab 1962 den Wiederaufstieg sicherte. Beim 2000 C von 1965 ist das Trapez klar zu erkennen, ebenfalls bei Fiat 1800/2300 und Peugeot 404 von 1960. Sogar bei den Glas 1004 von 1962 sind Anklänge glatter Blechflächen und Trapezlinien auszumachen. Dass eine klare Trapezlinie mit konsequenter Linienführung von Geraden und Kurven weichgespült werden kann, das zeigte der Ford Taunus von 1960. Das Design der berühmten "Badewanne" wurde als Linie der Vernunft vermarktet und kam bei den Käufern sehr gut an. Mit dieser Form hat sich Designer Uwe Bahnsen ein Denkmal gesetzt.
1966 überraschte der Fiat 124 mit einer unerwartet schmucklosen Form. Keine Sicken im Blech, nur ein paar Falze ließen den Nachfolger der 1300/1500-Reihe einem Kastenbrot ähneln. Fiat kultivierte diese uneitle Schlichtheit im 125 (1967), 130 (1969) und ganz besonders im 130 Coupé von 1971, bei dem die vorn abgeflachte Motorhaube aber noch die Keilform anklingen ließ. 1970 stellte VW den von NSU übernommenen K70 vor, der in seiner simplen Kastenform aber auch noch ein wenig dem Keil huldigt. 1977 übernahm auch Ford beim Granada die gestalterische Kasten-Klarheit.
Wenn ein Auto schneller wird, ist ab etwa Tempo 60 der Luftwiderstand das stärkste Hindernis. Gewicht und Rollwiderstand spielen beim Vorwärtsdrang dann eine untergeordnete Rolle. Nichts eignet sich zum Durchbrechen dieser Wind-Wand besser als die Keilform. Gespitzter Bug und hohes Heck signalisieren: Jetzt geht’s ab. Hatte früher eine kräftige Motorhaube sinnbildlich das Auto gezogen wie einst das Pferd den Karren, so spaltet der Keil die Luft und schiebt das Auto zu neuen Rekorden. Der Keil in Reinkultur ist beim Lancia Stratos von 1974 zu sehen. Beim berühmten NSU Ro 80 (ab 1967) ist die Linie ebenfalls deutlich zu erkennen. Viele Studien haben seinerzeit eine extreme Keilform bekommen. Einige aus der Hand von Giorgetto Giugiaro, dem zweiten italienischen Design-Genie nach Pininfarina. Giugiaro, auch Vater des Golf- I-Kleids von 1974, hatte dem Käfer-Nachfolger nur noch eine leicht "angekeilte" Front gegönnt. Die bekam vom damaligen VW-Designchef Herbert Schäfer Rundscheinwerfer verpasst – als Referenz an den Weltseller Käfer. Weil viele Keilformen die Augen der Autos hinter Klappen versteckten, wurden die Autos gesichtslos, da oft auch Kühlerattrappen fehlten. Nur wenige behielten ein Gesicht, wie etwa der BMW M1 (1978) mit verkleinerter Doppelniere. Ein anderer Schlafaugen-Keil war bei den Puristen nicht beliebt. Der Triumph TR7 von 1975. An Bug und Heck reichlich mit Kunststoff beplankt, gönnte er sich eine blechgeprägte Keilverstärkung in den Flanken. Sie sollte etwas betonen, was dem Entwurf fehlte. So was wird heute Charakterlinie genannt.
Die Ölkrise von 1973 machte uns Autofahrern die Abhängigkeit vom kostbaren Rohstoff erstmals richtig klar. Die Hersteller begriffen auch recht schnell und versuchten sich in windschlüpfigen Karossen, die Citroën bereits 1955 mit seiner "Göttin" DS 19 vorweggenommen hatte. Was Designer aber auch schnell kapierten: Gute Aerodynamik kann die Seitenwind-Empfindlichkeit vergrößern, bei einem Toyota Prius ist das heute noch zu spüren. Audi fand 1982 mit seinem Typ 100 (Baureihe C3) den richtigen Kompromiss.
Unterhalb von VW Bus und Ford Transit sah Anfang der 80er-Jahre die Welt der kleinen Nutzfahrzeuge traurig aus.
Zurück zu den Wurzeln? Nein, ein Dreirad mit Einzylindermotor will wirklich keiner mehr fahren. Aber optisch an die Erfolge der 50er-Jahre anknüpfen? Den Käfer in Ei-Form? Warum nicht. Es gibt böse Zungen, die behaupten: Retro ist die Bankrott-Erklärung der Formgestalter, denen nicht Neues mehr einfällt. New Beetle, Mini oder PT-Cruiser sind dennoch emotionale Lichtblicke in einer einheitlich gewordenen Autowelt. Und zumindest der neue Mini beweist: Retro läuft! Vergangenheit und Zukunft zu vereinen: das ist die Aufgabe der "Neuen Klassik". Heißt: Klassische Elemente wie zum Beispiel ausgestellte Kotflügel werden neu interpretiert, unter Umständen auch nur anders proportioniert. Ergebnis: Das Design wirkt traditionell, gleichzeitig aber auch dank akzentuierter Details hoch aktuell. Typische Vertreter dieser Art: Bentley Continental GT, Rolls-Royce Phantom, Mercedes S-Klasse W 221 (Foto links). Seit Jahrzehnten schon neoklassisch: der Porsche 911.
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