Es ist eine Zeitlang her, dass mir ein Kleinwagen den Atem geraubt hat. Erst recht nicht mit einem Elektromotor, mit mageren 136 PS und lächerlichen 150 km/h Spitze. Doch in diesem Corsa-E bleibt mir die Puste weg. Und das liegt nicht nur an den Hosenträger-Gurten, mit denen mich die Opel-Mechaniker eben in den engen Sitz gezurrt haben. Sondern auch an der Strecke, auf die sie mich schicken. Denn vor mir liegen ein eng gesteckter Rundkurs und dahinter Pisten mit Schotter und Schlamm. Nicht umsonst sitze ich im ersten von 20 Corsa-E, mit denen Opel für einen Preis von 60 000 Euro plus Startgebühr in diesem Sommer den Rallye-Nachwuchs durch Feld, Wald und Wiese jagen lässt.
Der ADAC Opel E-Rally Cup startet an diesem Wochenende im Rahmen der zur Deutschen Rallyemeisterschaft zählenden „Rallye Stemweder Berg“ rund um Lübbecke.
Der ADAC Opel E-Rally Cup startet an diesem Wochenende.
Dafür haben sie in Rüsselsheim das Straßenauto bis auf die Knochen gestrippt, einen Käfig und Schalensitze eingebaut, den Unterboden verstärkt sowie eine neue Vorderachse samt Thorsen-Differential montiert. Und sie haben eine Fly-Off-Handbremse installiert, mit der man den Wagen in der Kurve herumreißen kann, dass die Reifen nur so qualmen.
Die ersten Sekunden sind verstörend vertraut und neu zugleich. Vertraut, weil in dem ausgemergelten Cockpit noch die digitalen Instrumente aus der Serie stecken und in den Türen sogar noch die elektrischen Fensterheber. Und neu, weil nach es nach dem Druck auf den Startknopf gespenstisch still ist. Wo Rennwagen sonst röhren wie Hirsche in der Brunft, surren hier nur ein paar Relais.
Doch kaum senkt sich der Fuß auch nur einen Millimeter aufs Fahrpedal, passt plötzlich alles zusammen. Ein Soundprozessor macht die Show für die Zuschauer, in den Radkästen prasseln Splitt und Schotter und mit quietschenden Reifen stürmt der Corsa über die Piste. Mit dem tiefen Schwerpunkt durch di 50 kWh-Batterie im Boden hält er perfekt die Balance, die Bremsen beißen wie ein wütender Rottweiler und spätestens beim Kickdown nach der ersten Kurve merkt man, wie explosiv auch magere 260 Nm sein können, wenn sie ab der ersten Millisekunde anliegen.
Von wegen Motorsport mit Elektroautos ist wie Playstation für große? Wer mit dem Corsa-E zwischen Pylonen tanzt und durch Pappel-Alleen rast, der fühlt sich nicht wie in einer Simulation, sondern ist ganz fest im Hier und Heute – und kommt dabei ganz schön aus der Puste. Ja, ein Kleinwagen kann einem sehr wohl den Atem rauben. Zumindest, wenn es so ein kleiner Dreckskerl ist. Fast schon dankbar schaue ich deshalb auf die Reichweitenanzeige: Wo die auf der Straße im besten Fall 330 Kilometer zeigt, sind im Rennen maximal 60 drin, bevor der Corsa in den Ladepark muss - und ich endlich eine Atempause bekomme.
 
Thomas Geiger

Von

ABMS