Alfa Stelvio vs Audi Q5

Alfa Stelvio/Audi Q5: Test

Vernunft gegen Liebe

Der Alfa Stelvio tritt zum Vergleich mit dem Klassenprimus Audi Q5 an. Hier geht es nicht um Leidenschaft, hier geht es um Alltag und harte Arbeit.
Es gibt Alfa-Fans, die legen den Scudetto ihres Lieblings als Schmuckstück ins Regal. Für den neuen Stelvio bräuchten sie größere Möbel, denn so riesig war die dreieckige Nase noch nie an modernen Alfa. Im vollen DIN-A3-Format, satte 42 Zentimeter hoch, steht das markante Wappen im Gesicht des SUV. Latent protzig, doch zweifellos ist der Maxi-Schlund ein Hingucker, ein Statussymbol und vor allem die optische Kampfansage an die noblen deutschen Hochsitze. Hier kommt Alfa, Forza! "Unsere Messlatte", so Projektleiter Fabio di Muro, "war der Q5." Okay, den nehmen wir auch, zumal der Audi den letzten SUV-Vergleich mit seinem Mix aus teutonischer Präzision und kühler Moderne gewonnen hat. Nach dem Check mit dem Klassenbesten wissen wir, wo der Stelvio steht.

Das Design wirkt wie ein Zugeständnis an den Massengeschmack

Man wünscht ihn sich extrovertierter: Bis auf den Scudetto gibt sich der Alfa optisch zurückhaltend.

Zunächst mal passt er von seinen Abmessungen bestens in die Klasse, beim Design dürfte der Alfa gern extravaganter ausfallen. Zwar wagt der Scudetto wieder die große Geste, doch dahinter wirken Schultern und Schlussleuchten auf den ersten Blick arg beliebig – wie bei der Giulia ein Zugeständnis an den Käufergeschmack in den USA und China, wo der Stelvio unbedingt ankommen muss. Schade, denn Vorsicht statt Wagemut zeichnete ja schon bei Audis Q5 die Linien. Umso erfreulicher, dass der Stelvio im Umgang nicht länger die rosarote Italo-Brille verlangt. Der SUV ist hinten sogar etwas geräumiger als der Audi und im Kofferraum dank der niedrigeren Ladekante praktischer. Wie bitte? Ein Alfa als Alltagsheld? Zugegeben, mit leichten Abstrichen, weil die schmalen Sportsitze nicht jeder Figur passen und die coupéhaften Dachsäulen beim Rückwärtseinparken den Blick schnell aufs Bild der Heckkamera lenken.
Alle News und Tests zum Alfa Stelvio

In Sachen Bedienung und Assistenten liegt der Alfa hinten

Licht und Schatten: An sich ist das Cockpit hübsch gemacht, das Infotainment aber wirkt von gestern.

Sobald die Finger am Rotary Pad spielen (so nennt der Italiener den breiten Zentralregler), fällt der Rückstand zum Audi ins Auge: kleines Display, keine Festtasten, kein "Zurück"-Knopf – "wir brauchen dringend moderneres Infotainment", gesteht Fabrio di Muro schon jetzt. Bei der Gelegenheit könnte der Projektleiter auch gleich Verkehrsschilderkennung oder Echtzeit-Navi nachrüsten, alles Dinge, die Audi in bester Manier vorführt. Alfas Ausrede, eine "reine Fahrmaschine" zu bauen, zieht bei der Giulia, nicht im entspannteren Stelvio. Wollen die Chinesen nicht auch online gehen? Dann kommt der Alfa-Moment: Wir drücken den Startknopf im Lenkrad! Der 2,0-Liter-Benziner erwacht mit leichtem Knurren, lässt aber ansonsten die Stimme vermissen. Schnell am DNA-Regler auf D wie "Dinamica" stellen und nachwürzen – doch ein Alfa-Röhren, -Brüllen oder -Spotzen, wie manche Nostalgiker es erwarten, will dem gezähmten Vierzylinder partout nicht entweichen.
Es muss ja nicht gleich das halbweltliche Gebrüll eines Maserati oder Jaguar F-Type sein, aber darf das selbsternannte Sport-SUV unbedingt einem braven Sängerknaben wie dem Q5 nacheifern? Dessen TFSI säuselt und summt selbst dann noch leise, wenn er auf dem Drehzahlmesser Richtung 6700er-Marke brennt, wo der rote Bereich beginnt. Ein schöner Komfortmotor, der mit vorbildlicher Laufruhe die Stille in diesem supersoliden Hochsitz unterstreicht. Im Q5 hörst du sogar dann noch das Klicken des MMI-Knopfes, wenn er mit Tempo 200 über die Autobahn wischt.

Das Fahrwerk des Q5 gefällt mit seiner Spreizung

Tendenziell ein Gleiter: In Stellung "Comfort" macht die Luftfederung den Q5 zur Sänfte.

Da rauscht im Stelvio längst der Fahrtwind um die Außenspiegel – und auch der Sängerknabe da vorn hat einen Sturm entfacht! Denn der Turbo macht dem Alfa so gehörig Beine, dass niemand klagen wird, der rote Bereich beginne schon bei 5700 Touren. 5700! Das soll ein Alfa sein? Ist er! Denn bis 160 km/h nimmt der (zugegeben um 28 PS stärkere) Italiener dem Audi fast zwei Sekunden ab. Noch mehr begeistert, wie der Antrieb aus jeder Lage hellwach loslegt, mit einer stets sprungbereiten Achtstufenautomatik, die bei jedem Gaspedalzucken den Rücken in die Lehne presst. Wer möchte, tobt mit riesigen Schaltpaddeln hinterm Lenkrad seine sportlichen Minuten aus. Der Q5 ist nicht nur gelassener, sondern auch 115 Kilo schwerer und steifer als der Alfa, dessen leichte Aluhaut (Türen, Haube, Kotflügel) spürbar stärker lebt. Audis vielfach verstellbare Sportsitze pflanzen ausnahmslos jede Figur passend hinters Lenkrad, die Luftfederung bringt in "Comfort" ein weiches, wolkiges Schwingen ins Auto, das der Alfa mit dem soliden Stahlfahrwerk nicht hinbekommt.

Der Stelvio bemüht sich zu sehr um Sportlichkeit

Zu spitz: Die seht direkt ausgelegte Lenkung macht den Alfa nervös – sie passt nicht zum hohen SUV.

Größter Vorteil: In Sport fährt der Q5 mit seinem breiten Verstellbereich die Krallen aus – was man der Lenkung auch wünschen möchte. Doch die bleibt immer im Schluffi-Modus hängen, viel zu leichtgängig und nichtssagend für echte Sportmomente. Dabei könnte der vielseitige Audi durchaus ein paar rassige Züge vertragen. Warum sollen wir darauf bis zum Sportmodell RS Q5 warten? Es muss ja nicht gleich die spitze Lenkung des Alfa sein, der mit seiner Übersetzung von 12:1 unbedingt das direkteste SUV dieser Klasse markieren will. Ein Augenzwinkern – und er biegt schon ab! Für ein SUV mit hohem Schwerpunkt und zwangsläufig behäbigeren Aufbaubewegungen lenkt der Stelvio zu aufgeregt. Nur gut, dass sein Fahrwerk und die breiten 20-Zoll-Räder die Fuhre im Zaum halten, doch völlig bedenkenlos scheinen nicht mal die Entwickler um Fabio di Muro der Sache zu trauen: Das ESP greift sehr früh und mit groben Regelschritten ein, lässt sich zudem nicht stufenweise abschalten wie beim Audi.
Weitere Details zu den beiden SUVs finden Sie in der Bildergalerie.

Fahrzeugdaten Alfa Romeo Audi
Modell Stelvio 2.0 Turbo Q4 Q5 2.0 TFSI quattro
Motor Vierzylinder, Turbo, Vierzylinder, Turbo,
Einbaulage vorn längs vorn längs
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/1 (plus MultiAir-System) 4 pro Zylinder/2
Nockenwellenantrieb Kette Kette
Hubraum 1995 cm³ 1984 cm³
kW (PS) bei 1/min 206 (280)/5250 185 (252)/5000
Nm bei 1/min 400/2250 370/1600
Vmax 230 km/h 237 km/h
Getriebe Achtstufenautomatik Siebengang-Doppelkupplung
Antrieb Allradantrieb Allradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung 255/45 R 20 V 255/45 R 20 W
Reifentyp Michelin Latitude Sport 3 Michelin Latitude Sport 3
Radgröße 8,5 x 20" 8 x 20"
Abgas CO2 161 g/km 162 g/km
Verbrauch* 8,9/5,9/7,0 l 8,6/6,3/7,1 l
Testverbrauch
Sportverbrauch** 13,1 l/100 km 12,2 l/100 km
Testrunde*** 10,2 l/100 km 9,2 l/100 km
Sparverbrauch**** 8,4 l/100 km 7,6 l/100 km
Tankinhalt 64 l/Super 70 l/Super
Kältemittel R1234yf R1234yf
Vorbeifahrgeräusch 72 dB(A) 72 dB(A)
Anhängelast gebr./ungebr. 2300/750 kg 2400/750 kg
Kofferraumvolumen 525-1600 l 550-1550 l
Länge/Breite/Höhe 4687/1903–2163/1671 mm 4663/1893–2140/1659 mm
Testwagenpreis 58.450 Euro 59.550 Euro
* innerorts/außerorts/gesamt auf 100 km (Herstellerangabe); ** 54 km Autobahn, davon 20 km Vollgas; *** Durchschnitt der 155-km-Testrunde von AUTO BILD; **** 101 km Stadt und Land mit wenig Gas

Messwerte Alfa Romeo Audi
Beschleunigung
0–50 km/h 2,0 s 2,3 s
0–100 km/h 5,8 s 6,4 s
0–130 km/h 9,4 s 10,4 s
0–160 km/h 14,7 s 16,5 s
0–200 km/h 27,0 s 32,6 s
Zwischenspurt
60–100 km/h 3,2 s 3,4 s
80–120 km/h 4,0 s 4,3 s
Leergewicht/Zuladung 1779/521 kg 1894/506 kg
Gewichtsverteilung v./h. 51/49 % 52/48 %
Wendekreis links/rechts 12,4/12,3 m 11,7/11,9 m
Bremsweg
aus 100 km/h kalt 38,3 m 36,0 m
aus 100 km/h warm 36,7 m 35,4 m
Innengeräusch
bei 50 km/h 58 dB(A) 55 dB(A)
bei 100 km/h 64 dB(A) 63 dB(A)
bei 130 km/h 69 dB(A) 67 dB(A)
Testverbrauch – CO2 10,2 l – 242 g/km 9,2 l – 217 g/km
Reichweite 620 km 760 km
Joachim Staat

Joachim Staat

Fazit

Nein, auch dieser Alfa ist nicht rundum gut und geschliffen – und liegt damit voll in der Marken-Tradition. Aber der erste SUV überrascht mit praktischen Talenten, erfolgreichem Leichtbau und seinem tollen Antrieb. Genug, um die Flamme der Faszination zu nähren, die im Alfa noch immer zündelt. Der Stelvio ist kein Trittbrettfahrer der SUV-Mode, sondern Italiens Alternative. Was er nicht hat, besitzt der Audi: das ausgewogene Spiel aller Komponenten, die Rundum-Reife.

Autoren: Joachim Staat, Mirko Menke

Stichworte:

SUV

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.