Wahre Schönheit kommt eben doch von innen! Beweis? Der Aston Martin V12 Vantage S Roadster, der auf der Grundfläche eines Elfer Cabrios fast das Doppelte an Motor versammelt und sich damit noch hinreißender fährt, als er aussieht!
Semislicks, Keramikbremsen, dazu eine herbtrockene Fahrwerksabstimmung und Achslasten, die fairer kaum verteilt sein könnten: Vorn sitzt ein prachtvoller V12, hinten ein mechanisches Sperrdifferenzial, während sich die Hüften nicht aus purer Eitelkeit, sondern auch zum Wohle der Spur weiten. Dass der Brite dennoch nicht ins Radikalsportliche entgleist, überrascht daher ebenso, wie es verzückt.
Der 6-Liter-V12 ist ein Saugmotor der alten Schule und hat mit 573 PS ordentlich Dampf.
Bild: Tobias Kempe
Und das liegt zu großen Teilen an seinem Sauger, der Kraft noch richtig entfaltet, anstatt gleich mit ihr zu erschlagen. Die 620 Newtonmeter und 573 PS klingen vielleicht furchteinflößend, doch sie strömen derart seidig und ausdauernd von der Kurbelwelle, dass sich der Schub trotz aller Vehemenz immer auch eine gewisse Eleganz bewahrt. Der Kurzhuber entfacht seine Dramatik eher subtil, sodass man sich – die knallharte Nascar-Akustik am Heck einmal ausgeblendet – zuweilen langsamer wähnt, als man tatsächlich ist. Nach 4,2 Sekunden geht's dreistellig voran, nach deren 13,2 steht die gläserne Tachonadel auf 200 km/h. Die Brembo-Keramik staucht Topwerte heraus, der Durchzug ringt so manchen Neuzeit-Turbo nieder, zur imposanten Vmax von 323 km/h ist es hingegen ein weiter Weg.Deutlich kurzweiliger gestaltet sich der Ritt durchs Querkraft-Geschlängel. Vor allem, weil der V12 Vantage S noch eine grundehrliche Haut ist, die sich ohne aktive Fahrwerkssysteme in die Kurven spannt und entsprechend handfest anfühlt. Für Bestzeiten fehlt ihm zwar etwas Entschlossenheit zum Einlenken und etwas mehr Schmackes im Fahrwerk, doch davon abgesehen zelebriert er Heckantriebs-Handling vom wirklich Allerfeinsten, das – Achtung! – sogar nochmals definierter wirkt als im 64 Kilogramm leichteren Coupé. Grund sind die Achslasten, die der Roadster spürbar ausgewogener verteilt.
Auch mit geschlossenem Verdeck weiß der Aston Martin V12 Vantage S Roadster zu gefallen.
Bild: Tobias Kempe
Ein Aston Martin ist seit jeher das ultimative Bekenntnis zu gutem Geschmack. Da bildet der Vantage Roadster keine Ausnahme; erst recht nicht als individualisierte Q-Edition, auch wenn die gleichnamige Abteilung keine Nebelwerfer, sondern eher eingefärbte Carbon-Akzente verbaut. Unerreicht: das gewaltige Abgasbrodeln, das auf Zug immer unheilvoller gewittert. Gewöhnungsbedürftig: das automatisierte Schaltgetriebe, das längst nicht so fokussiert schaltet wie heutige Doppelkuppler und im Alltag zuweilen etwas durchhängt. Überhaupt sollte man sich genau überlegen, ob man solch eine Perle fürs Alltägliche verbrennen will. Knackpunkte sind vor allem die wasserscheuen Semislicks und der hohe Wert, bei dem jeder Steinschlag doppelt schmerzt.Böse Zungen behaupten, eine Corvette bietet mehr Performance für ein Drittel des Geldes. Doch einen kompakten V12-Roadster der absoluten Extraklasse hat eben nur Aston Martin.
Fazit
von
Manuel Iglisch
Der Reiz des V12 Vantage S Roadster liegt nicht darin, was er zu Papier bringt, sondern eher darin, was er aus seiner Papierform macht. Der sämige V12 begeistert, das grundehrliche Handling bezaubert, während der Jahrhundertklang ebenso betört wie die ewig junge Optik.