Es gab eine Zeit, da waren Cabrios nicht sonderlich beliebt; nicht wenigen merkte man die konstruktionsbedingte Verwindungsanfälligkeit an, in jedem Fall waren sie schwerer und teurer als die jeweiligen Coupés, dazu meist auch noch etwas langsamer.
Lange her, denn heute werden die offenen Versionen gemeinsam mit den Coupés entwickelt und stehen ganz oben in der Hackordnung. Wie etwa der Aston Martin Vanquish Volante, das "Kronjuwel einer seit 60 Jahren bestehenden Modellreihe", wie der Pressetext zur Cabrio-Version des "Bezwingers" ("Vanquish") betont. "Stilprägend für elegante, sportliche Coupés", ergänzt Aston Martins CEO Adrian Hallmark.
Aston Martin Vanquish Volante
Der Vanquish kommt ohne ausladenden Heckspoiler aus. Das sogenannte Kamm-Heck erzeugt genügend Abtrieb auch bei der Vmax von 345 km/h. Der außergewöhnliche Schild verfeinert die Optik und besteht auch aus Kohlefaser.
Bild: Aston Martin
Als dachloser Zwilling des Coupés kann auch die bei Aston Martin traditionsreiche Cabrio-Variante mit zahlreichen Superlativen aufwarten. Da ist zum einen der V12, eine Extravaganz, von der sich viele andere Hersteller mittlerweile gänzlich verabschiedet haben. Aston Martin pflegt diese Tradition zwar erst seit dem V12-Sauger im DB7 Vantage von 1999, seither jedoch durchgehend. Und: Sie setzen mit dem aktuellen V12 auch ein paar Superlative. Der 5,2-Liter-Biturbo generiert 835 PS und 1000 Nm, was den Volante nicht nur zum stärksten Frontmotor-Cabrio, sondern auch zum bislang schnellsten offenen Serien-Aston macht – mit 345 km/h übrigens keinen Deut langsamer als das Coupé.
Motorbauart/Aufladung 
V12, Biturbo 
Einbaulage 
vorn Mitte längs 
Hubraum 
5204 ccm
kW (PS) bei 1/min 
614 (835)/6500 
Nm bei 1/min 
1000/2500-5000 
Getriebe 
Achtstufenautomatik 
Antriebsart 
Hinterrad 
Maße L/B/H 
4850/2120/1296 mm 
Radstand 
2885 mm 
Leergewicht
1880 kg
Tank-/Kofferraumvolumen 
82/187-219 l 
0-100 km/h
3,4 s
Höchstgeschwindigkeit 
345 km/h 
WLTP-Verbrauch/100 km 
14,1 l Super Plus 
Grundpreis
ab 417.000 Euro
Die optische Umsetzung des Cabrio-Konzepts ist wie bei Aston fast immer perfekt gelungen. Das K-Verdeck faltet sich zu einem nur 26 cm hohen Stapel unter der Persenning und stört die atemberaubenden Linien überhaupt nicht. Zwischen beiden Seinszuständen kann man bis zu einem Tempo von 50 km/h wählen und die Stoppuhr bemühen: Es braucht tatsächlich nicht mehr als 14 Sekunden, um den Vanquish zum Cabrio zu machen, in 16 Sekunden ist das Dach wieder geschlossen und dämpft recht effektiv die Außengeräusche – zu denen dann leider auch der V12 gehört, der die mühelos bis ins Dramatische steigerbare Performance mit seiner rauchig-brachialen Stimme untermalt, die gerade im Cabrio ihre ganze orchestrale Macht entfaltet.
Aston Martin Vanquish Volante
Großzügiges Platzangebot, lichtempfindliches Mitteldisplay: Das Cockpit des Vanquish ist hübsch, aber nicht perfekt.
Bild: Aston Martin
Das ist auch schon einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Bauformen, denn weder ist auch nur im Ansatz eine Verwindungsneigung des Vantage zu spüren, noch ist der Gewichtsunterschied von rund 100 Kilogramm abseits einer Rennstrecke nachhaltig spürbar. Weder quer- noch längsdynamisch. Eine Zehntelsekunde beträgt die Differenz zwischen Coupé und Cabrio im Sprint auf 100 km/h – eine Winzigkeit, die fernab des Stammtischs nun wirklich niemanden interessieren dürfte.

Exklusivität hat ihren Preis

Anders könnte das schon beim Grundpreis des Vanquish Volante aussehen. Selbiger beläuft sich nämlich auf mindestens 417.000 Euro – mit den entsprechenden Kalkulationsspielräumen nach noch weiter oben. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, kann einem schon leicht schwindelig werden …
Schwindelig werden könnte es einem auch auf dieser endlos mäandernden, eng verkurvten Landstraße im spanischen Hinterland von Barcelona, die nicht gerade das ideale Geläuf für einen großen, breiten und fast gewalttätig potenten V12-Boliden ist. Angesichts dieser Umstände meistert das mondäne Cabrio die Kurvendiskussion jedoch mit Bravour. Fahrwerk und Lenkung sind gut aufeinander abgestimmt, die Gewichtsverteilung des mit 1880 kg Trockengewicht nicht eben leichten Vanquish Volante ausgewogen. Und die Bilstein-DTX-Dämpfer spannen wirklich einen beeindruckend weiten Bogen von sanft abrollend bis hin zu sportlich trocken. Wie der große Aston beim Einlenken fast ohne Karosseriebewegungen erstaunlich agil auch die engsten Wechselkurven mit Eleganz und Stil durchschneidet, beeindruckt, ist aber nicht die Kernkompetenz des edlen Briten.
Aston Martin Vanquish Volante
Carbon überall: Die schnittigen, rahmenlosen Außenspiegel sind Serie, Kohlefaser kommt optional im "Satin Carbon Pack".
Bild: Aston Martin
Die hängt ganz eng mit dem hier unbedacht aufspielenden V12 zusammen, der unter der wunderbaren langen Motorhaube nur darauf zu lauern scheint, jenseits von 2000 Touren ein Beschleunigungsinferno zu zelebrieren, das die Sinne aus verschiedenen Richtungen betört. Da ist zum einen der gewaltige Antritt, den man im Nacken spürt, da ist die ultrakurze Zeitspanne, in der der 5,2-Liter die 1,8 Tonnen Edelcarbon in Richtung Drehzahlgrenze prügelt, während die schnellen Schaltvorgänge der hinten sitzenden Achtstufenautomatik von ZF einen ununterbrochenen Schub entfesseln. Das Ganze wird untermalt von einem Klang, der rau, wild und gleichzeitig harmonisch klingt – typisch Aston Martin.
Kurz vor Ende der Fahrt schließen wir fast widerwillig das Dach, es wird schlagartig ruhiger. Nach dem heftigen Kurvengerödel meldet sich der edle Gran Turismo im Vanquish zurück, entspannt, überlegen und stets sprungbereit.

Fazit

Schon wegen des ungetrübten Sounds kickt der offene Vanquish mehr als das Coupé. Der Gewichtsunterschied dürfte fernab der Stoppuhr niemanden ernsthaft stören; dafür wiegt der Zugewinn an sinnlichem Vergnügen einfach zu schwer. Der Preis? Besonders – so wie das Auto!