Welch ein automobil-politischer Fiebertraum.
Da steht der Chef eines deutschen Premium-Autobauers neben Donald Trump auf einer Wahlkampfbühne im US-Bundesstaat Georgia. Hinter ihm jubeln die Anhänger des Präsidenten. Vor ihm steht ein goldenes Audi-SUV, während Gernot Döllner eine Milliardeninvestition in Amerika verkündet.
Rund vier Milliarden US-Dollar will Audi in ein neues Werk stecken. Bis zu 200.000 große SUV sollen dort jährlich vom Band rollen, rund 4500 Arbeitsplätze entstehen. Döllner bedankt sich beim Präsidenten für dessen Unterstützung.
Im Ernst?
Trump muss sein Glück kaum fassen können. Wenige Tage vor den amerikanischen Zwischenwahlen bekommt er von einem deutschen Premium-Autobauer frei Haus den vermeintlichen Beweis geliefert, dass seine Zollpolitik funktioniert. Audi als willfähriges Wahlkampf-Vehikel.
Natürlich gibt es wirtschaftliche Gründe für ein US-Werk. Audi will näher an seine amerikanischen Kunden und unabhängiger von Handelskonflikten werden. Trumps Zölle erhöhen den Druck, vor Ort zu produzieren, und Audi knickt ein. Wirtschaft geht vor Moral. Soweit, so normal mittlerweile.
Aber muss man dafür ausgerechnet auf einer Wahlkampfveranstaltung auftreten?

Verstößt Audi-Chef gegen die eigenen Regeln?

Zumal Audi für solche Fälle eigentlich klare Regeln hat. In seiner Grundsatzerklärung zur politischen Interessenvertretung verpflichtet sich der Autobauer zu Neutralität im Umgang mit Parteien und Politikern. In den drei Monaten vor Wahlen sollen keine öffentlich wirksamen Termine mit kandidierenden Parteien oder Politikern stattfinden. Unterschrieben hat die Erklärung auch der Vorstand – einschließlich Döllner.
Während Audi in Deutschland Stellen abbaut, kündigt Vorstandschef Gernot Döllner in den USA ein neues Werk an.
Bild: Audi
Und nun steht ausgerechnet der Audi-Chef zehn Tage vor den US-Zwischenwahlen auf Trumps Wahlkampfbühne. Gelten die eigenen Regeln nur für die Mitarbeiter oder auch für den Mann an der Spitze?
Auch die Arbeitnehmervertreter sind empört. IG-Metall-Chefin Christiane Benner nennt Döllners Auftritt "höchst peinlich, politisch inakzeptabel und dem Unternehmen, vor allem aber den Audianerinnen und Audianern, nicht würdig".

In Deutschland wird gespart, in Amerika investiert

Dabei treffen die Bilder aus Georgia in Deutschland auch noch auf eine Belegschaft, die gerade ganz andere Nachrichten verkraften muss. Bis 2029 will Audi hierzulande bis zu 7500 Stellen sozialverträglich abbauen. Besonders in Neckarsulm ist die Verunsicherung groß.
Weil gespart werden muss, fallen inzwischen sogar Weihnachtskonzerte, die Unterstützung von Firmenläufen und die Förderung einer Jugendchorakademie dem Rotstift zum Opfer.
Die Botschaft des US-Auftritts: Für Ingolstadt und Neckarsulm gibt's die Sparprogramme, für Georgia die Milliarden und die große Bühne. Das muss man den eigenen Mitarbeitern erst einmal erklären.
Donald Trump betreibt seine Zollpolitik schließlich nicht aus Liebe zur deutschen Automobilindustrie. Er will Investitionen, Produktion und Arbeitsplätze in die USA holen. Dass Audi jetzt ein Werk in Amerika plant, passt perfekt in seine Erzählung. Und dass der deutsche Konzernchef persönlich neben ihm steht, macht die Sache für Trump noch wertvoller. Denn er bekommt so genau die Bilder, die er braucht.

Respekt vor dem Amt oder Wahlkampfhilfe?

Ja, Döllner argumentiert, man müsse die Einladung eines amerikanischen Präsidenten aus Respekt vor dessen Amt annehmen. Falsch! Respekt vor einem Amt und die Teilnahme an einer Wahlkampfveranstaltung sind zwei verschiedene Dinge.
Ein Auftritt vor jubelnden Trump-Anhängern unmittelbar vor einer Wahl ist Wahlkampfhilfe für einen Präsidenten, der demokratische Spielregeln zunehmend nach seinen eigenen Vorstellungen auslegt.
Besonders bitter: Das amerikanische Werk ist noch nicht einmal endgültig beschlossen. Der VW-Aufsichtsrat muss der Investition erst zustimmen. Der voreilige Schulterschluss mit Trump ist also so unnötig wie ein Motorschaden auf der Zielgeraden.
Natürlich: Audi darf in Amerika investieren. Aber dafür muss sich der Vorstandschef nicht vor Trumps Wahlkampfkarren spannen lassen. Gerade von einem deutschen Premiumhersteller darf man mehr politisches Fingerspitzengefühl erwarten. Audi wirbt mit "Vorsprung durch Technik". Dieser Auftritt aber ist ein Rückschritt durch mangelnde Haltung.