Stoffverdeck und mehr als 300 PS – trotz gleichen Konzepts bauen Audi und BMW so herrlich unterschiedliche Cabrios. S3 und M235i im Vergleich.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Stefan Voswinkel
Video: Audi S3 vs BMW M235i
Der Cabrio-Zweikampf
Leistung, sagen die Fachbücher, ist die in einer Zeitspanne umgesetzte Energie in Bezug auf diese Zeitspanne. Nichts verstanden? Macht nix, ist eh graue Theorie. Viel wichtiger: Egal wie Leistung definiert wird, wir können nie genug davon bekommen! Wobei auch hier alles relativ ist. Dem ersten BMW M3 Cabrio reichten im Mai 1988 gerade mal 195 PS aus, um den offenen Bayern zur Legende zu machen. Und heute? Hat so mancher Vertreter-Kombi mehr Dampf unter der Haube – und selbst bei den kompakten Cabrios müssen es schon 300 und mehr PS sein, um in der ersten Liga mitzuspielen.
Mit ihrer Größe haben die Cabrios fast Mittelklasse-Format
Von wegen kompakt: Das BMW 2er Cabrio streckt sich auf 4,45 Meter, der Audi ist nur zwei Zentimeter kürzer.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Als Urenkel des M3 beglückt uns jetzt das M235i Cabrio – und will dem bekannten Audi S3 Cabrio gewaltig ans Blech fahren. Während es der Ingolstädter bei 300 PS aus einem aufgeladenen Vierzylinder bewenden lässt, fahren die BMW-Ingenieure all das auf, was sie über Jahrzehnte berühmt gemacht hat: Hinterradantrieb und den leckeren Reihensechszylinder, der es in dem kompakten Cabrio auf aufgeladene 326 Pferde bringt. Spannende Frage: Wer fährt hier auf die Poleposition? Also: Verdeck auf (geht in rund 20 Sekunden vollelektrisch) – und die Nase hart an den Wind. Schon vor dem ersten gefahrenen Meter fällt auf, wie hoch das Niveau in dieser Klasse mittlerweile ist. Von kompakt keine Spur, mit einer Außenlänge von gut 4,40 Metern drängen beide Richtung Mittelklasse. Passt aber auch zum gehobenen Ambiente im Innenraum. Feine Kunststoffe, edler Klavierlack und weiches Leder hätten noch vor ein paar Jahren einer Mercedes S-Klasse gut zu Gesicht gestanden.
Ohne Ecken und Kanten wirkt der Audi am Ende etwas steril
Bis zur Perfektion geschliffen: Der Vierzylinder schiebt gewaltig, der Allradantrieb sorgt für Traktion.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Nur eines sollte man nicht ernsthaft erwarten: Viel Platz. Während sich vorne große Menschen räkeln können, sind die Rücksitze höchstens für Kinder geeignet – und auch die maulen nach ein paar Kilometern. Wenn schon nicht wegen des geringen Platzes, dann weil es zieht wie Hechtsuppe. Aber mal ganz ehrlich: Wer kauft schon ein Cabrio, um die Familie zu kutschieren? Genug also über die praktischen Talente dieser beiden Windsurfer und ab auf die Rennstrecke. So ähnlich ihre Konzepte sind, so unterschiedlich fahren die beiden Sonnenanbeter. Auf der einen Seite der nahezu zur Perfektion geschliffene Audi. Schon ab Leerlaufdrehzahl schiebt der aufgeladene Vierzylinder gewaltig, dank serienmäßigem Allradantrieb geht es ohne Schlupf auf die erste Kurve zu. Die Sechsgang-Doppelkupplung flippert ohne Zugkraftunterbrechung den nächsten Gang rein, der Motor knurrt sich das Drehzahlband hinauf. Und obwohl der Audi sauschnell ist, Faszination will nicht aufkommen. Dem Motor fehlt das letzte Quäntchen Gänsehaut-Sound – in einem Golf bestimmt ganz toll, hier eher Gähn.
Aus ganz anderem Holz ist der BMW geschnitzt. Schon beim Start fällt der Sechszylinder nach einem kurzen, heiseren Schrei in einen zufriedenen Leerlauf. Beim Beschleunigen beherrscht der BMW die ganze Klaviatur von sämigem Brummen bis zu heiserem Kreischen kurz vor dem roten Bereich. Liebe Audianer, so geht das – zumindest wenn man möchte, dass sich die feinen Härchen auf dem Arm des Fahrers nicht nur vom Fahrtwind aufstellen!
Auch mit Heckantrieb mangelt es dem BMW nicht an Traktion
Klare Sache auf der Piste: Der offene BMW M235i nimmt dem Audi S3 Cabrio ganze zwei Sekunden ab.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Zu dem famosen Motor passt die nahezu perfekte Achtstufenautomatik, die zwischen den acht Gängen nahezu so schnell wechselt wie eine Doppelkupplung. Am Ende ist der BMW auf dem Trockenhandlingkurs des Contidroms im niedersächsischen Wietze mit einer Rundenzeit von 1:38,74 Minuten dann auch knapp zwei Sekunden schneller als der Audi. Ein Abstand, der viel größer ist, als er es angesichts des Leistungsunterschiedes von gerade mal 26 PS sein müsste. Das liegt vor allem am stabilen, ausgewogenen und nahezu neutralen Fahrverhalten des M235i. Anbremsen, Kurve anpeilen – und einfach durch. Schon früh kann der Fahrer wieder aufs Gas gehen, trotz des Hinterradantriebs ist immer ausreichend Traktion vorhanden. Wie auch im Audi, nur dass der in engen Kurven mit warmen Reifen spürbar ins Untersteuern gerät. Ist zwar sicher, aber eben unsportlicher – und langsamer. Aber wer fährt schon jeden Tag auf die Rennstrecke? Eben. Und im Alltag spielen beide Konkurrenten auf einem ähnlich hohen Niveau. Allerdings hat der BMW bei der Federung Vorteile, kann im Gegensatz zum recht straffen Audi auch Komfort.
Und wie geht's aus? Am Ende huscht der perfektionierte Audi ganz knapp vor dem faszinierenden BMW über die Punkte-Ziellinie. Was beide trotz unterschiedlichen Charakters eint, ist der hohe Preis. Rund 49.000 Euro rufen Audi und BMW auf. Und so reift die Erkenntnis: Leistung steht im proportionalen Verhältnis zum Sich-leisten-Können.
Fazit
von
Stefan Voswinkel
Audi baut den Streber unter den kompakten Cabrios. Der S3 ist schnell, ausreichend komfortabel und geschliffen. Aber wer liebt schon den Streber? Eben. So landet der BMW zwar knapp hinterm Audi, erobert aber die Herzen im Sturm. Kein Dach überm Kopf, dazu Hinterradantrieb und Reihensechszylinder – eine Traumkombination auf der nach oben offenen Faszinations-Skala. Mit Preisen ab knapp 50.000 Euro sind beide Autos was für Fans, die unbedingt ein kompaktes Cabrio wollen. Schließlich gibt es dafür fast schon einen Porsche Boxster.