Audi Sport quattro: Test
Wintersport mit einem Kurzen: Sport quattro auf Schnee

Vorn Audi 80, hinten Coupé, in der Mitte zersägt: Wir wagen uns mit einem Exemplar des legendären Audi Sport quattro aufs Glatteis.
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Es ist ja nicht so, dass hier ein Monte-Carlo-Sieger Platz nähme oder ein deutscher Meister. Es ist ja nicht so, dass hier Walter Röhrl Vollgas gibt oder Harald Demuth, zwei Typen, die selbst zum Bäcker quer im Drift fahren könnten. Es ist ja nun mal so, dass sie ausgerechnet mir ihren Goldschatz gegeben haben. Andreas May, 52, Volksschule Hessen, Führerschein 1989 auf Golf 2 mit 54 Diesel-PS, fährt Audi Sport quattro, Meisterschule Ingolstadt, 306-PS-Fünfzylinder, einer von 220 jemals gebauten, über 500.000 Euro wert. Mensch Audi, habt Ihr eigentlich 'nen Knall?
Offenbar ja, und das ist gut so. Ich habe mich eingeladen zum 40. Geburtstag des Sport quattro, ich bin der einzige Gast auf einer Party, für die weder Bier noch andere berauschende Stoffe nötig sind – berauschend ist hier nur das Geburtstagskind. Auch wenn sein Outfit heute etwas albern wirkt. Eigentlich ist unser Goldstück eins von 48 alpinweißen; die meisten haben sie tornadorot lackiert, 128, um genau zu sein. Seltener als Weiß sind nur die in Kopenhagenblau (21) und Malachitgrün (15), die beiden Schwarzen waren für "Cheffe" Ferdinand Piëch.

Liebe auf den zweiten Blick: Ein ganz normaler Audi der 80er-Jahre? Scheint fast so, die Teile stammen aus der Großserie.
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Also, eigentlich ist er weiß. Und hätten wir einen Heißluftföhn griffbereit gehabt, wäre er es auch auf den Bildern. Sie haben ihn foliert und irgendwas mit "E" und "Future" draufgeklebt, damit der elektrische kurze Audi, den sie als "S1 e-tron quattro Hoonitron" losstromern lassen, etwas vom Glanz des Fünfzylinders abkriegt. Was wir an dieser Stelle nicht vertiefen, denn zu Glanz und Gloria gehören immer auch Krach und Krawall. So lasset uns also losknallen und einer automobilen Göttlichkeit huldigen, der sie in Ingolstadt ein Denkmal bauen müssten, so sehr hat dieser Kerl den Lebensweg von Audi beeinflusst.
Haben wir gerade "Krach und Krawall" geschrieben? Ist natürlich nicht ganz richtig. Mit seinen fünf Zylindern klingt unser quattro hier in den verschneiten Alpen Österreichs, als bliese gerade ein Trompeterquintett ins goldene Blech, und sämtliche Nackenhaare und die auf beiden Armen betteln um einen Stehplatz. Also Fünfzylinder schnell wieder aus, Audi-Mann Rolf Albrecht kniet nieder und schlagschraubt die Spikes drauf, wir gucken in den Rückspiegel der Geschichte.
Blick in die Historie
Es ist 1984, Deutschland verhängt Verwarngeld, wenn hinten jemand nicht angeschnallt ist, Joschka Fischer fliegt wegen unflätigen Verhaltens zwei Tage aus dem Bundestag („Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch!“), und Audi stellt ein Auto vor, in dem sich bitte alle anschnallen, denn es hat auch den Job, sich unflätig zu verhalten. Willkommen, Sport quattro!
Bei diesem Auto liegt die Würze in der Kürze. Es misst 4,16 Meter, weil sie in der Mitte was weggelassen haben. Wie kommt man bloß auf so eine Idee? Dafür betreiben wir kurze Konkurrenzanalyse.
Die "Audi NSU Auto Union AG" ist Anfang der 80er-Jahre stark im Rallyesport engagiert, geht mit dem Ur-quattro an den Start. Aber der ist mit 4,40 Metern arg lang geraten; merkst du ja, wenn du mit 200 Sachen durch den Wald bretterst, und auf einmal springt dir ’ne krasse Kurve in den Weg. Typen wie Lancia Rally 037 (3,89 Meter) und später der Delta S4 (3,99 Meter) und Peugeot 205 T16 (3,72 Meter) sind da schon etwas wendiger und wuseliger.

Vorn, auf den gut ausgeformten Recaros mit rausziehbarer Schenkelauflage, ist die Welt in Ordnung.
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Was tun? Flex rausholen! Wenn wir sagen, Audi hätte an der B-Säule den Winkelschleifer mit Trennscheibe angesetzt, die Funken schlagen lassen und dem Coupé 24 Zentimeter Leben. rausgeschnitten, dann ist das nicht ganz wahr. Denn erstens hat es bei den 214 gebauten Exemplaren (plus sechs Prototypen) nicht Audi gemacht, sondern die Karosseriefirma Baur in Stuttgart, die Kunststoffteile kamen von der Schweizer Firma Seger und Hoffmann. Und zweitens sollten Sie mal auf die Frontscheibe gucken. Die steht im Sport quattro viel steiler als im Ur-quattro, und so muss man der Fuhre attestieren, dass sie vorn Audi 80 ist und ab der B-Säule zum kurzen Coupé wird.
Schreiben übrigens auch viele Umbau-Künstler in Deutschland und Polen, die viele, viele, sagen wir: "Baby-quattros" auf die Welt gebracht haben: Bausatz 10.000, Karosserie ab 45.000 mit Scheiben und Licht, komplett fahrbereit mit TÜV ab 75.000 Euro.

Achtung, Suchtgefahr: Leistung und Fahrspaß sind in allen Lebenslagen vorhanden, reichlich!
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Bleiben wir lieber bei den 214 originalen Exemplaren. Eigentlich wären nur 200 nötig, um die Homologation des Automobil-Dachverbands FIA zu schaffen und im Sport quattro um die Rallye-WM gegen die kurze Konkurrenz anzufahren. Werden ja dann doch ein paar mehr, letztens haben die Audis sogar noch eine Rohkarosserie irgendwo im Werk erschnüffelt, als wären sie kleine Trüffelschweinchen.
Am 26. April 1984 jedenfalls sind alle Sport quattro fertig und die FIA-Auflagen erfüllt, Walter Röhrl siegt kurz vorher am 27. Januar wie üblich bei der "Monte" in einem langen quattro und landet ein Jahr später im neuen Sport quattro S1 auf dem zweiten Platz; muss sich halt erst mal rantasten.
RANTASTEN. Und bloß nix kaputt machen. Das Motto des Tages.
Ausflug mit der Legende
Die Audi-Spaßvögel sagen noch so: Tank ist voll, Spikes sind drauf, gib alles. Und dass ich "da vorn" lieber aufpassen solle, da sei neulich einer fast in den Bach reingepest. Das Auto soll so weit überm Abhang gestanden haben, dass sie Ölwechsel ohne Grube und Bühne hätten machen können.
Ich fahre auf der abgesperrten Piste von www.winterfahrtraining.at, die Temperaturen sind leicht im Plus, der Schnee wird teilweise zu Wasser, an einigen Stellen schlittern wir aber auch auf purem Eis, welch eine Gaudi. Regelmäßig zeigt hier der echte und einzige Walter den Mutigen, wie schön Autofahren ist, wenn du es beherrschst wie er.
"In einen quattro kannst Du einen dressierten Affen setzen, der gewinnt auch!", sagte der Meister mal. Er kennt meinen alten Affen Angst nicht. Der sitzt oben auf der Schulter und tippt mir an die Stirn: Ruhig, Brauner! Und bloß nicht an den Preis denken.
Ende Januar versteigerte das Auktionshaus RM Sotheby's einen alpinweißen Sport quattro mit 8806 Kilometern für 613.710 Euro. Mein heutiges Auto hat nur wenig mehr runter, genauer: 17 346. Und fühlt sich nach Neuwagen an. Also wie 1984, als er mit 195.000 Mark (1985: 203.500 Mark) das teuerste Auto Deutschlands war.

Herzstück des Sport quattro ist der 2,133-Liter-Fünfzylinder mit Turbo und 306 PS. Der ist so heißblütig, dass sie ihm zur Abkühlung Löcher in die Haube gefräst haben.
Bild: Fred Roschki / AUTO BILD
Nur Qualitäts-Weltmeister, das war Audi da noch nicht, das kam erst später. Ja, Cockpit mit genarbtem Kunststoff, feiner Teppich sogar seitlich an der Mittelkonsole, überm Scheitel Alcantara. Aber vor dir eben auch die Plastiktaster aus der Großserie, spröde Blinker vom Audi 80, Lüftungseinstellung wie im Golf 1. Gucken wir da nicht hin, denn wesentlicher sind die Sport- Zutaten. Recaros (Seitenwangen jagdgrün, Waidmannsheil!) mit elektrischer Verstellung, Tacho bis 300 km/h, Drehzahlmesser bis 8000 Touren, Extra-Instrumente für Wasser- und Öltemperatur sowie Öldruck.
Maschine läuft, Puls steigt, Gasfuß juckt. Wie am Stahlseil gezogen bahnt sich der quattro seinen Weg durch den Schnee, die ersten Kurven nimmst du aus Respekt mit wenig Gas, im Scheitel
punkt der fünften Kehre ist das Vertrauen da, Gas geben, die Fuhre läuft immer noch wie auf Schienen. Sie haben ihren Sport quattro schwach untersteuernd ausgelegt, also gutmütig. Oder um es mit Walter zu sagen: "Wenn du den Baum siehst, in den du reinfährst, hast Untersteuern. Wenn du ihn nur hörst, hast Übersteuern." Wir wollen übersteuern, also das Heck kommen lassen. Und dafür müssen wir den quattro überreden, also Lenkrad einschlagen und Vollgas, Heck kommt, Schnee fliegt, Lenkrad zurück und leicht aufs Gas, Audi fährt gerade. Ach herrje! Wintersport mit einem Kurzen, welch ein Spaß.
Power aus fünf Töpfen
Und welch eine neue Zeitrechnung für die vier Ringe. Meisterschaften zu gewinnen, ist das eine. Die Technik allen zugänglich zu machen, das andere. Und somit weißt du stets, wenn du dich auf den Beifahrersitz eines Audi fläzt und vor dir den "quattro"-Schriftzug erkennst: Dieses Auto kann mehr als sein Fahrer. Unserer könnte sogar ganz fix ankern, wenn nur der Untergrund nicht Schnee und Eis wäre: Vierkolben-Festbremssättel aus dem Rennsport, 28 Millimeter starke, belüftete Bremsscheiben. Kannst du hier nicht testen, weil es so glatt ist, als hätten sie zusätzlich Penatencreme aufs Eis geschmiert. Auch die Kraft des Motors kannst du nur erahnen. 2,133-Liter-Turbo, Kopf mit vier Ventilen pro Zylinder, macht unterm Strich 20, weil fünf Trompeten.
Motorenpapst Dr. Fritz Indra schrieb mal über das Aggregat: "Um das Mehrgewicht des Kopfes, des üppig dimensionierten Ladeluftkühlers und des etwas größeren Turboladers aufzufangen, wird ein Motorblock aus Aluminium eingesetzt." Und er schwärmte: "Alle Maßnahmen an diesem Auto ergeben Leistungswerte, die man vor kurzer Zeit für Straßenmotoren nicht für möglich gehalten hätte." Zum Beispiel eine Literleistung von fast 150 PS, das gab's bis dato nur im Motorsport.
Wintersport mit einem Kurzen. Am Ende weißt du gar nicht, was dich mehr begeistert. Sein Allrad mit dieser irren Traktion, die Gutmütigkeit des Fahrwerks, die dir das Gefühl gibt, es zu können, obwohl du allenfalls auf dem Niveau eines dressierten Affen fährst. Oder ist es der Sound des Fünfzylinders? Ganz egal eigentlich. Am Ende hast du Kirmes im Kopf.
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