Auch im Learjet fließen Tränen. Eine Aussage, die nachdenklich stimmt. Oder auch nicht, denn sie stammt von Deichkind/Clueso und ist ähnlich ernst zu nehmen wie die im Song folgenden Übertreibungen von Gucci-Toilettenpapier und Delfin-Sushi.
Doch fließen bei echten Bentley-Fahrern vielleicht wirklich Tränen, weil der Continental GT Speed neuerdings seiner Zwölfzylindrigkeit enthoben wurde und sich stattdessen nicht nur mit einem V8-Biturbo, sondern auch mit einem zugehörigen Hochvoltspeicher nebst Stecker herumplagen muss?

Bentley Continental GT Speed: Preis als DNA – und als Test-Malus

Nach eineinhalb Wochen Selbstversuch lässt sich zumindest als Niemals-Bentley-Besitzer sagen: Traurig ist am überaus luxuriösen Continental GT Speed allenfalls der Preis von etwas über 340.000 Euro. Der ist bei Bentley zwar kein Malus, sondern wichtiger Bestandteil der Marken-DNA als ehemals sportliche Rolls-Royce-Schwester. Nur leider geht er mit null von 50 möglichen Punkten im Preiskapitel gravierend in die Testbewertung mit ein.
Bentley Continental GT Speed
Der W12 ist Geschichte, jetzt macht ein E-Motor den GT zum Speed – und zum bislang stärksten Straßen-Bentley.
Bild: Ronald Sassen
In seiner vierten Generation (seit der Übernahme von Bentley durch VW) präsentiert sich der Continental GT (Speed) nicht nur optisch mit einem "gewagteren Designkonzept" (O-Ton Bentley), das etwa mit Einzel- statt der klassischen Doppelscheinwerfer eine kleine Design-Revolution einläutet, die sich historisch am Bentley S2 von 1959 orientiert. Mehr Dynamik soll der GT ausstrahlen, auch das Heck wurde mit den markanten Rückleuchten und dem neu gestalteten Stoßfänger hübsch dramatisiert. Interessant auch, was es nicht gibt: Trotz der gewaltigen Vmax von 335 km/h kommt der Continental GT Speed ohne größeren oder ausfahrbaren Heckspoiler aus.
Motorbauart 
V8 + E-Motor (PSM) 
Batterie-Energieinhalt brutto/netto 
25,9/21,8 kWh 
Leistung/Drehmoment (Verbrenner) 
441 kW (600 PS)/800 Nm 
Leistung/Drehmoment (E-Motor) 
140 kW (190 PS)/450 Nm 
Leistung/Drehmoment (System) 
575 kW (782 PS)/1000 Nm 
Getriebe 
8-Gang-Doppelkupplung 
Antriebsart 
Allrad 
Maße L/B/H 
4895/2187/1397 mm 
Radstand 
2851 mm 
Tank-/Kofferraumvolumen 
80/260 l 
Normverbrauch (WLTP) 
1,3 l + 27,7 kWh/100 
Testwagenpreis (wird gewertet) 
284.125 Euro
Wuchtig wirkt der Continental GT, wenn er vor einem steht, die ausladenden Kotflügel und vielleicht auch der Umstand, dass die GT-Karosserie überall weichere Übergänge bekommen hat, lassen ihn sehr muskulös und massig wirken. Bei der Größe täuscht man sich leicht, denn er ist "nur" gut 4,90 Meter lang und 1,96 Meter breit (ohne Spiegel). Schwer war er schon immer, der edle Brocken, allerdings beschert ihm die Hybridtechnik auch dahingehend einen neuen Rekord – unterm Strich bringt der Bentley 2510 Kilogramm auf die Waage.
Bentley Continental GT Speed
Der Vierliter-V8 ist für Bentley-Verhältnisse winzig, was aber nicht für die Fahrleistungen gilt – die sind ganz groß.
Bild: Ronald Sassen
Genau hier kommt jetzt allerdings der spezielle Bentley-Moment ins Spiel, denn man ahnt das Gewicht, man fühlt es beim Bewegen der Türen oder allein schon, wenn man nur den massiven Gangwählhebel umfasst. Doch man spürt es überhaupt nicht beim Beschleunigen.

Souveräne Kraftentfaltung mit dunklem Grollen

Die Art, wie der Continental GT Speed Tempo aufbaut, ist schon etwas Außergewöhnliches und schwer zu beschreiben. Auch andere derartige Kaliber schütteln ihre Kraft locker aus dem Ärmel. Doch im Bentley wirkt das irgendwie cooler, souveräner, überlegener. Dazu tönt leise ein dunkles Grollen aus den Tiefen des Maschinenraums, unüberhörbar, aber immer dezent im Hintergrund, das auch von einem großvolumigeren Aggregat stammen könnte.
Bentley Continental GT Speed
Einfach wow, dieses Cockpit. Feinste Materialien, beste Verarbeitung – und es sieht auch noch fantastisch aus.
Bild: Ronald Sassen
Dass hier nichts vorgegaukelt wird, zeigen die Längsdynamikmessungen: Mit 3,1 Sekunden unterbietet der in Summe 782 PS starke GT Speed die Werksangabe um eine Zehntel, wobei er so engagiert vom Fleck rammt, dass trotz all der Masse sogar leichter Schlupf an der Hinterachse entsteht. Noch mal zum Mitschreiben: 3,1 Sekunden bei über 2,5 Tonnen – das beeindruckt schon, vor allem, wenn man es erlebt.

Hybridtechnik als Leistungspartner

Dreh- und Angelpunkt des ansatzlosen Vorwärtsdrangs ist der 190 PS starke E-Motor im Getriebegehäuse, der von einem brutto 25,9 kWh großen 400-Volt-Akku gespeist wird und dem V8-Biturbo aus dem Untergrund heraus unmerklich Leistung zuschaufelt. Das Turboloch lässt sich wunderbar überblenden, weshalb Bentley weniger komplexe Single-Scroll-Turbolader verbauen konnte. Auch die sonst übliche Zylinderabschaltung entfiel, da der E-Motor den Antrieb komplett übernehmen kann.
Die ebenfalls neue 48-Volt-Architektur hilft dagegen dem neuen Aktivfahrwerk, das mit Zweiventil-Stoßdämpfersystem und Zweikammer-Luftfedern sehr schnell und effektiv regeln kann. Und zwar von sehr komfortabel und geschmeidig bis hin zu einer nicht übertrieben straffen Auslegung.
Bentley Continental GT Speed
Ein schöner Rücken entzückt mehr ohne Spoilerwerk – der Continental GT Speed kommt ohne aus.
Bild: Ronald Sassen
Sehr angenehm – und passend zu einem Gran Turismo dieser Dimension – ist die Lenkung ausgelegt. Sie vermittelt auch bei niedrigem Tempo ein gutes Gefühl für den massigen GT, ohne zu leichtgängig zu sein. Eines der Highlights ist sicher der unerschütterliche Geradeauslauf des elitären Briten bei höherem Tempo, der im krassen Gegensatz zu seiner überraschenden Wendigkeit steht; die einzig durch seine schiere Größe eingeschränkt wird.

Handling auf hohem Niveau

Am Handling gibt es nichts zu kritteln, denn das ist dank Hinterachslenkung und Unterstützung durch Aktivsperre samt Torque Vectoring nicht nur für Größe und Gewicht sehr gut. Auch fern dieser Relation liefert der GT einfach eine erstaunlich hohe Kurvenagilität.
Nicht so gut war dagegen die Bremsperformance – trotz der größten in Serie verbauten Keramikscheiben mit 440 Millimeter Durchmesser vorn. Der Warmbremswert geht mit 33,5 Metern in Ordnung, bei der Messung aus 200 km/h sind 149,1 Meter jedoch nicht mehr wirklich zeitgemäß. Zum Vergleich: Ein ähnlich schwerer Audi RS Q8 steht mit gleich großen Keramikscheiben schon nach 126,6 Metern.
Kein Grund, im Bentley zu weinen. Einen Makel in der sonst so überzeugenden Vorstellung hinterlässt es allerdings schon.

Fazit

Macht Bentley-Fahren glücklich? Irgendwie schon ein bisschen. Stil, Power und die einmalige Atmosphäre im Innenraum haben große Strahlkraft. Daran ändert erstaunlicherweise selbst der Hybridantrieb nichts.