Biturbo-V8, 537 PS, Hinterradantrieb, dazu eine perfekte Achslastverteilung von 50:50 Prozent – Sportwagenfans läuft bereits das Wasser im Munde zusammen. Doch was ist das: 2739 Kilogramm Leergewicht? Nun, über Firmengründer Walter Owen Bentley (1888 bis 1971) sagte man schon zu Lebzeiten, er baue die schnellsten Lastwagen der Welt. Doch wie schnell ist ein Mulsanne Speed tatsächlich?

Selbst mit 2,7 Tonnen hat der mächtige V8 noch leichtes Spiel

Bentley Mulsanne Speed
Der Muskel des Adels: Der 6,75 Liter große V8 versorgt den Bentley mit 537 PS und 1100 Nm Drehmoment.
Bild: Werk
 Längsdynamik: Ziemlich schnell. Wenn man genug Gefühl im Gasfuß hat. Denn sonst legt die Urgewalt von 1100 Nm bereits ab 1750 Touren die Hinterreifen in Rauch und Asche. Lässt man die Traktion nicht vollends abreißen, geht’s mit machtvoll fauchendem V8 in glatten fünf Sekunden auf 100 und in respektablen 17,4 Sekunden auf 200 km/h. Herrlich, wie der Bentley dabei den Bug hebt und den kleinen Erdball unter sich rotieren lässt. Querdynamik: Mit einer Lokomotive wird man kein Slalommeister. Die indirekt übersetzte, stark gedämpfte, gefühllose Lenkung erstickt zackige Richtungswechsel im Keim, der Grenzbereich kündigt sich früh mit kräftigem Untersteuern an. Aber das Fahrverhalten ist sicher, und die fast 5,60 Meter lange Limousine fühlt sich viel leichter an, als sie ist. Die Kunst des englischen Rasens besteht darin, mit steifer Oberlippe aus zwei Kurven eine Gerade zu machen.
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Beim Mulsanne erinnert wirklich gar nichts an die Großserie

Bentley Mulsanne Speed
Schöne Tradition: Der Mulsanne hält stolz das geflügelte "B" in den tosenden Fahrtwind.
Bild: Werk
 Emotion: Bentley gehört seit 1998 zum VW-Konzern, doch zum Glück durfte die Marke aus Crewe ihr britisches Flair behalten. Im Mulsanne erinnert nichts an die Großserie. So nimmt man die schrulligen Instrumentenskalen, die oben rechts statt unten links beginnen, als liebenswerte Eigenart zur Kenntnis und ergötzt sich am duftenden, dicken Leder, den Edelholzintarsien und massiven Metallbeschlägen. Eine weitere Eigenheit pflegt Bentley: Gemeinsam mit Mercedes-Benz und Rolls-Royce halten die Briten an der wunderbaren Tradition der Kühlerfigur fest, die den Fixstern im Sichtfeld des Fahrers bildet. Bei einer Kollision mit einem Fußgänger schnappt das "Flying B" federvorgespannt unter die Haube. Tut bestimmt trotzdem weh. Alltag: Ein Mulsanne empfiehlt sich weniger für den Verkehr in einer Stadt als vielmehr für den schnellen Transit zwischen zwei Städten. Von, sagen wir mal, München nach Nizza addieren sich seine überlegenen Kraftreserven, der erhabene Federungskomfort (der weniger von einem fein ansprechenden Fahrwerk herrührt als davon, dass der Mulsanne den Untergrund planiert) und das royale Innenraumambiente zu einem Gesamtkunstwerk. Nach Rednitzhembach zu Aldi geht aber auch – die verdutzten Gesichter der anderen Discounterkunden sind Gold wert.  Preis/Leistung: Es wäre albern, hier das Preis-Leistungs-Verhältnis zu diskutieren. Ein Rolls-Royce Ghost (571 PS) mit langem Radstand kostet 10.000 Euro weniger, ein Phantom (460 PS) jedoch deutlich über 400.000 Euro. Ein Schnäppchen dagegen: der Mercedes-Maybach 600 V12 (530 PS) für "nur" 188.000 Euro. Einem Multimillionär dürften die Preisschilder sehr egal sein – er kauft sich einfach das Auto, das ihm gefällt.
Trotz VW-Ägide bewahrt Bentley die Tradition: sehr groß, sehr schwer, sehr stark. Ja, auch sehr teuer und sehr durstig. Doch es ist eben kein Auto, das sich rational beurteilen ließe. Wie ein ganz vorzüglicher Wein, kostet der Mulsanne Speed ein Vielfaches der Massenware. Ein Auto für solvente Genießer.