Vergessen wir mal für einen Moment die Themen der Neuzeit. Wir kümmern uns nicht um Assistenten, Apps oder autonomes Fahren. Sondern um das Wesentliche. Und das steckt bei diesen Autos vorn unter der Haube. Vorhang auf für zwei faszinierende Kunstwerke des Maschinenbaus! Begrüßen Sie den brandneuen Sternenkrieger OM 656 und den jungfräulichen Bayernbomber B57 mit tosendem Applaus!

Diesen Antrieb hat es im großen Mercedes lange nicht gegeben

Mercedes S400d 4Matic
R statt V: Zum ersten Mal seit zwölf Jahren gibt es die  S-Klasse wieder mit Reihensechszylinder-Diesel.
So viel Enthusiasmus gleich zu Beginn? Bei den Motoren vom 740 d und S 400 d ist es schwer, nicht begeistert zu sein. Nach zwölf Jahren Abstinenz vom Reihensechszylinder-Diesel gibt es nun erstmals wieder eine S-Klasse als Diesel mit sechs hintereinander angeordneten Zylindern, interne Bezeichnung OM 656. Dagegen tritt BMW mit dem intern B57 genannten Reihensechser-Diesel an, der seit rund zwei Jahren gebaut wird. Einsteigen in den Mercedes. Wir wollen hier jetzt nicht von der beinahe majestätischen Opulenz des perfekt verarbeiteten Innenraums und den auf allen Plätzen unfassbar bequemen Sesseln reden. Sondern darüber, was passiert, wenn man den Startknopf drückt. Der digitale Drehzahlmesser zeigt knapp 800 Umdrehungen, zu hören ist: nichts. Zu fühlen: nichts, jedenfalls nicht im Stand. Wir öffnen die Fenster, fahren eine Rampe in der Tiefgarage hinauf. Ah, doch kein Elektromotor, erstmals hören wir den neuen Reihensechser. Klingt toll! Satt und sonor.
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Die S-Klasse stürmt in unter sechs Sekunden auf Tempo 100

Mercedes S400d 4Matic
Himmlische Ruhe: Von dem Motor hört man so gut wie gar nichts, nur beim Kick-down meldet er sich.
Das soll ein Diesel sein? Kein arttypisches Nageln, keine Vibrationen. Ab auf die Bahn. Der neue Diesel schiebt an wie eine Rakete, nur beim Kick-down meldet er sich akustisch zu Wort. Allerdings vornehm zurückhaltend und klar nach einem Benziner klingend. Damit passt er absolut perfekt in die S-Klasse. Denn in ihr geht es leiser zu als in einem Kloster zur stillen Andacht. Bei 130 km/h liegen 1200 Touren an, bei 200 km/h 2200. Die 9G-Tronic schaltet nahezu unmerklich. Diese isolierende Ruhe, dieser wiegende Federungskomfort, diese Souveränität des Antriebs, Wahnsinn! Nur fürs Protokoll: 0 auf 100 km/h in 5,4 Sekunden, 340 PS, 700 Nm, Testverbrauch 7,7 Liter. Dieser neue, blitzsaubere, nach Euro 6c zertifizierte, kraftvolle, leise, nicht nagelnde, stets hochkultiviert laufende und sparsame Reihensechszylinder-Diesel zählt zu den besten Verbrennungsmotoren. Und ist das beste Argument für alle Diesel-Nörgler, die dessen baldiges Ende sehen. Danke, Daimler, für diesen fabelhaften Sechser!
Rein in den BMW. Der 7er wirkt schlichter als der pompöse Benz, aber ebenso edel verarbeitet. Motorstart. Da ist noch ein Hauch Diesel zu erkennen. Aber auf angenehmste Art und Weise: Ein leises, sanftmütiges und gleichzeitig sattes Verbrennungsgeräusch wird beim Beschleunigen hörbar, wirkt aber niemals störend.

In Sachen Agilität liegt der 7er klar in Führung

BMW 740d xDrive
Münchner Dynamiker: Dank Vierradlenkung fährt sich der große 7er wie ein viel kleinerer und leichterer 3er.
Was außerdem spürbar wird: eine phänomenale Agilität. Dank Vierradlenkung reagiert der 740d in Millisekunden auf Lenkbefehle, präzise und rückmeldungsfreundlich kurvt der große BMW über Landstraßen, als wäre er ein viel leichterer und kleinerer 3er. Gewicht und Größe vergisst man beim Fahren völlig. Der erste BMW mit Luftfederung an allen Rädern gleitet ähnlich komfortabel wie der Mercedes durchs Land. Unterschied: Während der BMW auf schlechten Fahrbahnen auffällig ruhig liegt, nimmt der Mercedes solche Strecken im großzügigen Wiegeschritt – das bedeutet mehr Bewegung, aber unvergleichliche Geschmeidigkeit. Wir finden: Geschmackssache. Am Ende gewinnt der Benz die Eigenschaftswertung mit sechs Punkten Vorsprung vor dem fahraktiven BMW – trotz seiner lückenhaften Komfortausstattung. Nicht einmal simple Parksensoren liefert Mercedes aufpreisfrei, sondern verlangt 1344,70 Euro für das Park-Paket mit Rückfahrkamera. Ein Unding bei einer 5,14 Meter langen Luxuslimousine. Im 7er ist eine Rückfahrkamera Serie, ebenso Parksensoren, adaptives Kurvenlicht und schlüsselloser Zugang – den S-Klasse-Kunden kostet das alles extra.
Alle News und Tests zum BMW 7er
Und der BMW setzt im Kostenkapitel endgültig zum Überholen an: drei Jahre Garantie gegen nur zwei beim Benz, fünf Jahre Wartung inklusive gegen alljährliches 25.000-km-Wartungsintervall, dazu höhere Versicherungsprämien beim S 400 d. Doch die Käufer dieses in Grundausstattung fast 100.000 Euro teuren High-End-Diesels gehören sicher nicht zu den Erbsenzählern, sondern zu den Gourmets. Und die wissen den Charakter dieser Schätzchen sicher zu würdigen.

Fazit

Ganz ehrlich: Wir sind schwer begeistert von beiden. Es ist sehr beeindruckend, wie überzeugend es Mercedes und BMW gelungen ist, ihre jeweiligen Markenwerte messerscharf herauszuarbeiten. Beide sind absolute Siegertypen!

Von

Berend Sanders