Brexit-Folgen für Autofahrer und Reisende
Das droht Autofahrern durch den Brexit

Ein Brexit, also der Austritt Großbritanniens aus der EU, hätte Folgen für Autofahrer und Reisende sowie für Autokäufer und die Autoindustrie.
Das politische Chaos um den Brexit, also den geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU, geht unvermindert weiter. Die unklare Lage verunsichert auch Autofahrer und Reisende, denn nach einem EU-Austritt könnte sich der bislang bevorzugte Status von EU-Bürgern, die nach Großbritannien reisen wollen, verschlechtern. Der Brexit berührt auch Autobauer, Zulieferer und Dienstleister. Es drohen schlimme Folgen für Daimler, BMW, VW und Co, denn rund 20 Prozent der deutschen Autoexporte gehen auf die Insel. Bei einem harten Brexit, also einem Austritt aus der Europäischen Union ohne Abkommen, wären der Unternehmensberatung Deloitte zufolge etwa 18.000 Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie gefährdet. "Das ist nicht etwas, das positiv ausgeht", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Wegen der zu erwartenden langen Wartezeiten bei der Zollabfertigung wäre zudem die übliche "Just-in-Time"-Bereitstellung der Zulieferer gefährdet, was die Autoproduktion stark behindern würde.
Visumspflicht zunächst nicht zu erwarten

Preiserhöhungen für britische Autos wären selbst bei einem ungeordneten Brexit unwahrscheinlich.
Grüne Versicherungskarte könnte nötig werden

Zeitpunkt, Art und Folgen: Im Brexit-Chaos sind nach wie vor viele Fragen offen.
Harter Brexit und die Autoindustrie
Wie wichtig ist Großbritannien für die deutschen Autobauer?
Fast jeder dritte Neuwagen auf der Insel kommt aus Deutschland. 2018 haben dort allein BMW, Mercedes und Audi 550.000 Autos verkauft. Eine starke Firmenwagenkultur und niedrige Steuern machten die Briten sehr empfänglich für Premiumangebote, erklärt Arthur Kipferler von der Unternehmensberatung Berylls.
Sind Zollschranken die entscheidende Belastung?
Ja, auch. Bei einem harten Brexit kassieren Großbritannien und die EU für Autos zehn Prozent, für Teile 4,5 Prozent Zoll. Mitunter fallen Zölle mehrfach an. Beispiel: Ford fertigt in England Dieselmotoren, baut sie in Köln und Saarlouis in Focus- und Fiesta-Autos ein und schickt einen Großteil der Fahrzeuge wieder über den Ärmelkanal: "Großbritannien ist unser stärkster Markt in Europa. Jeder dritte Fiesta geht nach Großbritannien", sagt ein Unternehmenssprecher. "Wir müssen zwei Mal Zoll zahlen."
Welche Belastungen gibt es außerdem?
Die Autoindustrie in der EU importiert für 3,7 Milliarden Euro jährlich Teile von Zulieferern in Großbritannien, so der britische Branchenverband SMMT. Bald müssten am Ärmelkanal täglich 11.000 Lastwagen kontrolliert werden. Toyota-Europachef und SMMT-Vizepräsident Tony Walker beklagte, das Chaos an der Grenze unterbreche die Just-in-time-Lieferungen. Die Kosten steigen, es gibt neue Vorschriften und Standards, Steuern und Lieferketten müssen neu kalkuliert werden. Facharbeiter aus der EU bangen um ihre Arbeitserlaubnis. Und das Pfund hat seit dem Brexit-Votum 2016 fast zehn Prozent an Wert eingebüßt.
Was heißt das für die Autobauer?
"Das wird Absatzzahlen und Marge kosten", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Deloitte-Chefökonom Alexander Börsch sagt: "Für Autos aus Deutschland müssten die Briten im Durchschnitt 5600 Euro mehr zahlen, weil die deutschen Autobauer mehr teure Autos auf die Insel exportieren. Allerdings sind die Käufer dieser Premium-Autos weniger preisempfindlich." Auch VW-Manager Ralf Brandstätter hat schon angekündigt: "Wir müssen dann über höhere Preise sprechen." Sonst bringt nach Berechnung der Unternehmensberatung Berylls ein nach England exportierter VW Golf gut 5000 Euro Verlust statt heute rund 1500 Euro Betriebsgewinn. Ein in England gebauter und in die EU exportierter Nissan Qashqai bliebe dagegen weiter in der Gewinnzone.
Wer sind die größten Verlierer?
Stefan Bratzel sagt, am stärksten betroffen wären die Autobauer, die in England produzieren – wie Ford, Opel-Vauxhall und der BMW-Konzern, der jährlich 230.000 Minis in England baut. Mehrere japanische Autokonzerne bauen in Großbritannien Autos für den EU-Markt. Aber Honda schließt dort jetzt sein Werk, Nissan verlagert die Produktion. "Der Standort blutet aus", sagt Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Denn alle hingen ab von Zulieferern in der EU. Jeder werde versuchen, aus England wegzugehen und die Produktion etwa in Osteuropa anzusiedeln. So könnte der Brexit langfristig 30.000 Arbeitsplätze in der britischen Autoindustrie kosten.
Wie ist VW als Marktführer betroffen?
Der Volkswagen-Konzern verkauft knapp fünf Prozent seiner Autos im Königreich. "Die Verkäufe werden nicht in Grund und Boden gehen", sagt Dudenhöffer. Der chinesische Markt sei für VW "um Lichtjahre bedeutender". Der Brexit sei für VW "verdaubar".
Sind Brexit-Folgen schon zu spüren?
Ja. Die Autoproduktion in Großbritannien ist 2018 um sieben Prozent gesunken. Laut SMMT hat ein Drittel der Autohersteller auf der Insel Investitionen verschoben oder gestrichen, zehn Prozent haben bereits Kapazitäten ins Ausland verlagert oder Stellen gestrichen. Laut Deloitte plant ein Dutzend deutscher Unternehmen aus der Branche, Produktionstätten zu verlagern. Mehrere rechnen bei einem harten Brexit mit Stellenabbau in Deutschland.
Gibt es auch Gewinner?
Autobauer in den USA oder Asien dürften Marktanteile auf Kosten der Konkurrenten in der EU gewinnen, ebenso Hersteller, die in Großbritannien für Großbritannien produzieren. "Abwertung und Zölle treffen sie nicht, aber die Konkurrenz wird teurer", sagt Börsch. "Wenn Hersteller jedoch für Großbritannien und für den Export in die EU produzieren, kann man schon kaum mehr sagen, ob sie Gewinner oder Verlierer sind." (Material von dpa)
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