Fahrbericht Bugatti Chiron

Fahrbericht Bugatti Chiron

Bugatti Chiron: Test

24 Stunden mit 1500 PS

AUTO BILD-Autor Georg Kacher durfte den knapp drei Millionen Euro teuren Bugatti Chiron fahren. Hier sind seine Erlebnisse mit dem Supersportler.
Einmal Vollgas geben. Einmal aus dem Stand in weniger als 2,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen. Einmal erleben, wie 1500 PS und 1600 Nm das steife Kreuz butterweich durchdrücken. Dafür stehen sie an, die Freunde, Nachbarn, Söhne, der Zahnarzt und der Schinder aus dem Fitnessstudio. Beim Einsteigen auf der Beifahrerseite des Bugatti Chiron haben sie freudig rote Bäckchen, sie grinsen breit – bis der Gurt ins Schloss klickt. Der Motor startet. Und der Fahrer aufs Gas tritt. 20 Herzschläge später sind die Gesichter allesamt aschfahl, ist der stoische Blick leicht unscharf, und so mancher Körper krampft von den Wimpern bis in die Zehennägel. Boa, was war das denn?

Die Fahrleistungen des Chiron sind nicht von dieser Welt

Was für ein Biest: Tempo 100 erreicht der Chiron nach 2,5 Sekunden, maximal sind 420 km/h drin.

Es sind zwei Grad plus, der Asphalt ist feuchtkalt. Und die Reifen trotz Launch Control nicht wirklich warm. Da kann einem schon mal komisch werden in der Magengegend. Die Elektronik hat alle Hände voll zu tun, den Bugatti mit dem 8,0-Liter-Sechzehnzylinder in der Spur zu halten. Ferrari, Lamborghini Aventador SVJ, Porsche 918 und der Rest der Mega-PS-Meute müssen sich brav hinten anstellen, sobald der Chiron richtig Meter macht. Halbgas reicht im großen Gang für 250 Sachen. Die 300 sind nur eine Durchgangsstation. Und bei 350 fragt man sich, ob diese Kurve auf der Autobahn eigentlich schon immer da war. Wer zufällig auf einem Flugplatz oder einer Teststrecke unterwegs ist, kann auch bis 420 km/h aufdrehen, erst dann wird abgeregelt. Das Auto könnte 450, aber dieses Tempo würden die Reifen nicht lange durchhalten, denn an jedem Gramm Gummi zerrten dann vier Kilo Fliehkraft.

In der Stadt ist die Supersport-Flunder bisweilen überfordert

Ungeeignet: Stadtverkehr ist nichts für den Bugatti, die Rundumsicht ist schlecht, der Spoiler zu tief.

Der Chiron liebt die Stadt wie der Hund den Zwinger. Er ist viel zu breit. Bei der Totwinkelsicht nach schräg hinten bleibt nur die Hoffnung auf Gnade der übrigen Verkehrsteilnehmer. Schlaglöcher stellen immer wieder das Reaktionsvermögen des Fahrers und der Lift-Hydraulik auf die Probe. Außerdem musst du höllisch aufpassen, die zahllosen Smartphone-Besitzer, die dich von vorne, von hinten und von der Seite fotografieren, nicht überzumangeln. Jeder Ampelstart wird gepostet, jedes zweite Parkmanöver mit der Kamera begleitet. Und jeder Tankvorgang ist eine Fragestunde. Ja, bei Dauervollgas wäre der Tank nach elf Minuten wieder leer. Nein, der Schlüssel zum Freischalten der Höchstgeschwindigkeit wird heute nicht eingesetzt. Stimmt, bei Lego kostet das Teil ein paar Millionen weniger. Stirnrunzeln verursacht allenfalls der Klang des W16 – nicht brutal genug, zu wenig laut, müsste deutlich markanter sein, die 1500 PS kommen akustisch nur ansatzweise rüber.
Stimmt und stimmt doch nicht. Denn im Chiron gibt die mehrstufige Registeraufladung den Ton an. Ab 2000 Umdrehungen miauen zwei Turbos. Ab 3800 Umdrehungen verstärkt vom Grollen zweier weiterer Lader. Prolls hätten gerne deutlich mehr Weg-da-hier-komm-ich-Straßenmusik. Aber Genießer schätzen das sonore Duett aus Angasen und Abblasen, Teillast-Jammern und Hochdrehzahl-Pfeifen, geordneten Lastwechsel-Detonationen und dichtem Leerlauf-Trommelwirbel. Verzeihung, die PS gehen mit uns durch, wir geraten ins Fabulieren.

Akustisch kann der Bugatti auch ganz anders als zurückhaltend

Lautstark: Wer in den Race-Modus wechselt, erntet für das Auspuffgeräusch nicht nur Applaus.

Jedenfalls: Wer auf der Flaniermeile auf Race-Modus schaltet und mal kurz hochdreht, erntet nicht nur Applaus. Die einen wenden sich kopfschüttelnd ab, die anderen riskieren für ein rasches Selfie Haut und Haar. Auf dem Rewe-Parkplatz verstummen die Lacher spätestens beim Verladen des Wochenend-Einkaufs. Unter die vordere Haube passt nämlich der Inhalt von zwei Handgepäck-Trolleys – das reicht sogar für ein langes Wochenende zu zweit. Was nicht reicht, ist die Belüftung des hochwertigst verarbeiteten Cockpits. Draußen Nebel und drinnen Nebel, das sollte sich überzeugender lösen lassen. Die Bedienung könnte dagegen einfacher kaum sein: Das vorsintflutliche Navi ist ein Totalausfall, und wer in diesem Auto Radio hört, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Die von Hand zu verstellenden Sportsitze zwacken zwar hier und dort am Hüftgold, aber für einen Supersportwagen ist der Bugatti erfreulich bequem geschnitten.
Wer den Handling-Modus wählt, aktiviert automatisch das Easy-to-Drift-Feature. Das sorgt für den einen oder anderen Kurvenausgangs-Schlenker. Nur der Griff zur gut versteckten ESP-off-Taste ist diesmal tabu. Denn was man in seinen besten Jahren am wenigsten braucht, ist eine Reparaturrechnung aus Molsheim.
Technische Daten Bugatti Chiron • Motor: 16-Zylinder, Mitte längs, vier Turbolader • Hubraum: 7993 cm³ • Leistung: 1103 kW (1500 PS) bei 6700/min • max. Drehmoment: 1600 Nm bei 2000/min • Antrieb: Allradantrieb, Siebengang-DSG • Länge/Breite/Höhe: 4544/2038/1212 mm • Radstand: 2711 mm • Spurweite v/h: 1749/1661 mm • Leergewicht: 2070 kg • 0–100 km/h: 2,5 s • 0–200 km/h: 6,1 s • 0–300 km/h: 13,1 s • 0–400 km/h: 32,6 s • Vmax: 420 km/h • Verbrauch  22,5 l/100 km (Super plus) Abgas CO2: 516 g/km • Preis 2.856.000 Euro.

Autor: Georg Kacher

Stichworte:

Supersportwagen

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