Nein, ich bin sicher kein eitler Mensch. Aber vor diesem Fahrtermin brauche ich erstmal einen Friseurtermin. Schließlich bin ich auf dem Weg nach Molsheim und steige gleich in den Bugatti Mistral. Er ist mit einem Preis von knapp sechs Millionen Euro eines der teuersten Open-Air-Modelle der Welt und verlangt schon deshalb nach einer gewissen Etikette.
Das ist aber noch nicht alles. Nach einer Rekordfahrt im November 2024 ist der offene Cousin des Chiron auch amtlich der Schnellste: 453,9 km/h! Kein anderes Cabrio und kein anderer Roadster reißt mit so viel Macht an der Mähne. Nicht mal ein Formel-1-Renner erreicht so ein Tempo – und da hat man einen Helm auf. Selbst wenn offiziell "schon" bei 420 Sachen Schluss ist, lässt man sich da vorher besser noch mal die Spitzen schneiden. Und zwar ganz unten am Haaransatz. Denn was der Wind nicht fängt, das kann er einem auch nicht ausreißen.

Bugatti Mistral: der letzte große Auftritt des W16

Aber es ist nicht allein das Tempo, das diese Windmaschine ausmacht. Nicht die Exklusivität von gerade mal 99 Exemplaren für jeweils fünf Millionen Euro – plus Steuern und die vielen Extrawürste, die sich Bugatti-Kunden gerne braten lassen. Und auch nicht das luxuriöse Ambiente, das Bugatti der eiligen Elite bereitet. Selbst wenn es hier nicht nach Blut, Schweiß und Tränen riecht wie in einem bis aufs Letzte ausgereizten Supersportwagen, sondern es nach Lack und Leder duftet und dabei funkelt wie in einer Schatzkammer.
Bugatti Mistral
Offen für Rekorde: Mit 453,9 km/h ist der Bugatti Mistral das schnellste Cabrio der Welt.
Bild: RIGHTLIGHT Media
Sondern was den Mistral wirklich ausmacht, das ist der famose W16-Motor im Heck, der hier nach nicht einmal 1500 Exemplaren in ziemlich genau 20 Jahren seinen stürmischen Abschied gibt. Von VW-Patriarch und Ingenieursgenie Ferdinand Piëch persönlich angeschoben, gilt der gigantische, acht Liter große Block als der wahrscheinlich mächtigste, sicher aber spektakulärste Pkw-Motor, der in Europa nach dem Krieg für ein – nun ja – Serienprojekt gebaut wurde.
Die Zwölfzylinder von Lamborghini oder Ferrari mögen noch lauter kreischen und leidenschaftlicher klingen, und kein Luxusmotor wurde so oft gebaut wie der W12 von Bentley. Aber so einen kultivierten Kraftakt, so einen mächtigen Schub und so ein Klangspektrum bietet kein anderes Triebwerk.

Die 1600-PS-Posaune aus Molsheim

Ein besseres Auto als den Mistral hätte es für die Abschiedsvorstellung dieses Motors kaum geben können. Nicht nur, weil man dieses Meisterwerk der Mechanik in der neuen Carbonkarosse, die kein Gleichteil mehr hat mit dem Chiron, endlich so richtig zu sehen bekommt. Sondern vor allem, weil man es jetzt noch besser hört. Live und ohne Filter schnorchelt der Achtzylinder im Nacken durch die Nüstern direkt hinter den Kopfstützen, saugt laut die Luft an und lässt erst das eine Paar Turbos singen und ab 3000 Touren dann auch das zweite, kreischt beim Kickdown und faucht wie ein enttäuschter Drache, wenn man den Fuß wieder vom Gas nimmt und die Luft durch die Wastegates abgeblasen wird.
Der kleine Elefant, der in Erinnerung an Rembrandt Bugattis berühmtes Kunstwerk als kleine Skulptur im Gangwahlhebel einen Tanz aufführt, wird da ganz blass vor Neid, so laut ist die 1600-PS-Posaune aus Molsheim. Kein Wunder, wenn im besten Fall 70.000 Liter Luft pro Minute angesaugt werden. Das ist Musik in den Ohren jedes Petrolheads, zaubert einem beim ersten Gasstoß eine Gänsehaut aufs Trommelfell und klingt besser als jedes Orchester. Von der maßgeschneiderten Accuton-Anlage, die den Bugatti zum schnellsten Konzertsaal der Welt macht, ganz zu schweigen.
Bugatti Mistral
Wenn 1600 PS durchatmen: Der Bugatti Mistral saugt 70.000 Liter Luft pro Minute.
Bild: RIGHTLIGHT Media
Mit kurz gestutzten Haaren auf dem Kopf, dem irrwitzigen Sound in den Ohren und die Hände fest ums Carbonlenkrad gekrallt rolle ich nervös durch den Garten ums Schloss in Molsheim, in dem Bugatti seine Heimat hat und seine Manufaktur. Zwei Kreisverkehre zwingen die Vernunft noch zur Mäßigung, dann streckt sich die Straße, und ich erlaube mir einen ersten Sprint. 1600 Nm dehnen die Grenzen der Physik bis zum Bersten, und als hätte jemand einen Treibsatz gezündet, katapultiert es den Mistral nach vorne, während doch noch ein paar Haare zurückbleiben.

Der perfekte Sturm

Dass dabei immer mal wieder ein Traktor den Verkehr bremst oder ein französischer Kleinwagen, mag andere Autofahrer stören. Doch in einem Bugatti lächelt man solche Bremser einfach weg. Selbst auf einer kurvigen Strecke. Denn nie war Überholen so leicht, nie hat es weniger Weitblick gebraucht. Der Blinker hat kaum Zeit zu blinken, schon wischt der vermeintliche Bremser im Augenwinkel vorbei und man ist wieder auf seiner Spur. Und wie zur Belohnung bläst der W16 seine nächste Fanfare, wenn man den Fuß danach wieder lupft.
So fliegt der Mistral durchs Elsass und wird zum permanenten Prüfstein für die Verkehrsmoral. Klar, die 420 km/h Topspeed verbieten sich von selbst, zumal man dafür einen zweiten Schlüssel braucht und der heute im Tresor geblieben ist. Und auch die 380 km/h Höchstgeschwindigkeit ohne Speedkey sind auf diesen Strecken keine Versuchung. Aber für die 90 km/h, die sie einem hier auf den französischen Landstraßen aufzwingen, braucht der Bugatti kaum mehr als Standgas.
Bugatti Mistral
Der W16-Motor im Bugatti Mistral klingt wie ein Drache auf Speed – und spielt seine letzte Symphonie.
Bild: RIGHTLIGHT Media
Und so ein bisschen was von dem südfranzösischen Sturm, der dem Mistral seinen Namen gegeben hat, würden wir rund um Molsheim schließlich auch gerne spüren.
Gut, dass sie hier ums Werk ein paar einsame Ecken kennen, wo die Gendarmerie nicht auf der Lauer liegt und wo die Windstärke deshalb kurz mal merklich auffrischt. Dann zerschellen die Fliegen förmlich an der Frontscheibe, die Haarwurzeln ringen um Halt, und das Grinsen des Fahrers wird grenzdebil, so gierig hängt der W16 am Gas. Kein Wunder, wenn er in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt und selbst für den Sprint auf 300 km/h kaum mehr als zwölf Sekunden braucht. Und nein, Letzteres haben wir natürlich nicht ausprobiert, Monsieur le Gendarme.

Der Mistral ist leicht wie ein Audi TT

Aber wir hätten es ausprobieren können. Denn auch wenn der Mistral nicht wirklich wendig und handlich ist und man sich an die Breite auf so einer schmalen Landstraße erst einmal gewöhnen muss, fährt er sich fast so leicht wie ein Audi TT – nun ja, wie ein R8 zumindest. Und nicht nur der Fahrer tut sich leicht mit dem luftigen Boliden, sondern auch für den Motor ist diese Spritztour offensichtlich eine leichte Übung. Das zumindest legt der Bordcomputer nahe, der sich als nette Überraschung in den vier funkelnden Knöpfen auf der Mittelkonsole verbirgt. Mit einem Trick lässt sich über deren Displays neben Tempo, Drehmoment und G-Kräften auch die maximal abgerufene Leistung anzeigen, die erst dann ins Vierstellige wechselt, wenn man sich längst jenseits der Vernunft und der Straßenverkehrsordnung bewegt.
Bugatti Mistral
Wer im Bugatti Mistral unterwegs ist, braucht kein Dach – nur Mut, gute Nerven und einen Friseurtermin danach.
Bild: RIGHTLIGHT Media
Während die Gendarmerie eine permanente Gefahr ist für die Stimmung an Bord, kann man die Meteorologie auf der schnellsten Sonnenbank der Welt geflissentlich ignorieren. Zwar sind die 99 Auserwählten, die sich einen Mistral leisten konnten und zudem eine Zuteilung bekommen haben, ganz sicher längst auf der Sonnenseite des Lebens angekommen.
Doch weil es auch da mal einen Platzregen geben kann, ist der wahrscheinlich teuerste Regenschirm der Welt an Bord. Aus Karbon gefertigt, ist der wie das ganze Auto mit fast schon perfider Perfektion konstruiert: Einmal aufgespannt, passt er deshalb genau in die Lücke zwischen Frontscheibe und den Höckern im Heck, hat aber einen Haken: Mehr als 160 Sachen sind dann nicht mehr drin. Aber das lässt sich auch anders lösen, lacht der Begleiter: "Wenn man nur schnell genug fährt, bleibt man auch ohne Dach trocken." Außerdem ist man einer Regenfront mit keinem anderen Auto schneller enteilt als mit dem Bugatti Mistral.
Dumm nur, dass in diesem Auto die Zeit genauso schnell verfliegt wie die Landschaft, die man beim leichtesten Gasstoß nur noch in Schlieren sieht. Noch bevor ich mir weiter über Wind und Wetter Gedanken mache, rolle ich deshalb schon wieder durch die Kreisverkehre vor dem Château. Noch einen kurzen Abstecher auf eine einsame Nebenstraße direkt hinter Ettores Latifundien, noch einmal das elefantöse Trompeten des W16-Motors hören, dann wird es ganz leise: Der Mistral knirscht im Schritttempo über den Kies durch den Schlosspark zurück zur Remise, und ich kann versuchen, meine Frisur irgendwie wieder in Form zu bringen.

Der Bugatti Tourbillon läuft sich warm

Aber sicher nicht für lange. Denn die Geschichte bei Bugatti geht weiter, und immer öfter platzt ein anderer, aber nicht minder faszinierender Sound in die Stille des Schlossparks. Rund um den Stammsitz läuft sich bereits der Tourbillon warm und will den Schmerz über den Abschied vom W16 mit seinem konkurrenzlosen V16-Motor lindern. Und nur weil der ein Plug-in-Modul bekommt, wird er ganz sicher kein Leisetreter, wie seine wütenden Fanfaren beweisen, mit denen er die Rehe aus dem Park verscheucht. 1800 PS, glatte zwei Sekunden von 0 auf 100 und weniger als zehn Sekunden auf 300 km/h sind jetzt ja auch kein schlechtes Trostpflaster.
Bugatti Mistral
Der Bugatti Mistral vereint Tempo, Technik und Theater – und verabschiedet sich mit einem Donnerschlag aus der Ära des W16.
Bild: RIGHTLIGHT Media
Zwar kommt der Tourbillon erst mal nur als Coupé. Aber Bugatti wäre nicht Bugatti, wenn es davon nicht irgendwann auch wieder einen Roadster geben würde. Meinen nächsten Friseurtermin habe ich jedenfalls schon mal gemacht.
Schnelle und starke Roadster gibt es zwar ein paar mehr. Aber keiner ist so stark und so schnell wie der Bugatti Mistral. Keiner schüttelt seine Leistung so lässig aus dem Ärmel. Keiner ist so kultiviert und komfortabel. Und keiner inszeniert diesen Kraftakt so spektakulär wie der einzigartige W16-Motor. Das macht den Mistral zum perfekten Sturm. Aber selbst der reicht nicht aus, um die Tränen zu trocknen, die wir dem W16-Motor nachweinen werden.