Jurgens Autovilla: Reisemobil-Klassiker
Wie ein Bulli zum Familiencamper wurde

Bild: Stefan Lindloff
Autovilla! Der Name verheißt Großes, tut vornehm und teuer. Dabei steckt so viel Normalität darunter: 1978 lief der Bulli als handfester Kastenbus mit zwei Sitzplätzen vom Band, quasi als Urmeter eines VW Transporters. Einfacher geht es kaum. Erst in Südafrika, wo der Reisemobil-Spezialist Jurgens einen Caravan-ähnlichen Aufsatz montierte, erhielt er als Autovilla eine neue Existenz. Sein drittes Leben verdankt er Kai Berends, der ihn zwei Jahre lang restaurierte: Als Camper-Ersatz für den alten T1 und die Zwischenlösung Eriba Pan, die für die vierköpfige Familie einfach zu klein wurden. "Eigentlich hatten wir ja einen LT oder T3 Gipsy gesucht", sagt Kai. "Hauptsache Alkoven!"
Liebe auf den zweiten Blick
Als Kai und Miriam Berends 2017 in Amsterdam vor dem Bulli-Exoten standen, sah sie den verblassten Charme und er die anstehende Arbeit. "Der Aufbau war vermodert, an der Front hing ein hässlicher Kühler für den nachträglich montierten T3-Motor, und in dem Topf im Küchenschrank klebten sogar noch die Nudeln der letzten Mieter", sagt Kai.
Am anderen Ende der Welt hatte der Camper seine letzten Tage als 10-Dollar-pro-Tag-Seelenverkäufer für reisende Backpacker gedient. Viel war vom alten Glanz der Autovilla nicht übrig.

Feine Sache: Nur als Deluxe-Version verfügte der Jurgens über einen Alkoven.
Bild: Stefan Lindloff
In Südafrika, wo die von zwei aus den Niederlanden eingewanderten Brüdern 1952 gegründete Firma Jurgens lange Marktführer war, kennt jeder die Reisemobile. Die clever und komplett gelöste Innenausstattung mit Bad, Kühlschrank und Sitzecke, die wertigen Leisten, Beschläge und eigenen Radkappen, die Schatten spendenden Blenden über den Fenstern zeugen noch rund 50 Jahre später von der Liebe zum Detail. Rund 1000 Stück in unterschiedlichen Aufbau-Variationen, gefertigt auf VW-T1-, -T2- und -T3-Basis, verließen bis 1979 das Werk im Transvaal – der exklusive Anspruch der Luxus-Produkte fand sich stets im Preis und in der Modellbezeichnung wieder.

Holzfurnier im Stil der Zeit: Siebzigerjahre-Wohnzimmer im Heck. Ohne Tisch wird ein Doppelbett daraus.
Bild: Stefan Lindloff
In seiner Heimat ist ein Jurgens eine Berühmtheit von nationaler Tragweite, aber jenseits von Afrika, auf europäischen Campingplätzen und Oldtimertreffen, besteht Erklärungsbedarf. Da wird der Bulli mit dem Wohnwagen-Heck, das ausreichend Raum in der Breite und eine Stehhöhe von 1,90 Metern bietet, eher mit einem Karmann verwechselt. Allenfalls Bulli-Fachleute erkennen in der Autovilla das Original. "Es gibt vielleicht drei in Deutschland, ein paar mehr in England. Ein Jurgens ist bei uns ein Exot, aber das macht ja auch den Reiz aus", sagt Kai Berends (44). "Miriam wollte ihn unbedingt haben, auch der Preis ging schließlich in Ordnung."
Restaurierung mit Herz und Handarbeit
Und weil die T2 Autovilla in Deluxe-Ausführung, die als Modell von 1978 den finalen Stand der Ausbautechnik darstellt, auch über den gewünschten Alkoven für die Kinder Levi und Jette verfügte, wagten sie sich an die fällige Restaurierung. "Wir mussten das Blech des Aufbaus abnehmen, das morsche Holzgerüst des Alkovens erneuern und die Rohrleitungen des Wasserkühlers wieder rausreißen. Ich habe eine ordentliche Dämmung verbaut, Anschlüsse fürs Solarpanel und eine Trumatic-Heizung nachgerüstet, aber natürlich war auch das Fahrwerk dran und musste hinten wieder ein luftgekühlter Motor rein", sagt Berends.

Seitenwechsel: Ab Werk saß das Lenkrad rechts, der Umbau auf Linkslenkung dient der Alltagstauglichkeit.
Bild: Stefan Lindloff
Ein vom VW-Experten selbst aufgebauter, größerer T4-Motor mit 2,1 Liter Hubraum und 105 PS arbeitet heute unter der Sitzbank im Heck. Damit reist es sich entspannt, um die 14 Liter Sprit braucht die rund 1,8 Tonnen schwere, mit miserabler Aerodynamik ausgestattete Autovilla mindestens. Gut, dass links und rechts im Heck gleich zwei Tanks mit einem Fassungsvermögen von jeweils 56 Litern an Bord sind.
"Und am Ende haben wir den Bulli dann sogar noch von Rechts- auf Linkslenkung umgerüstet. Deshalb ist die Tür hinten jetzt eigentlich auf der falschen Seite."

Auf der Piste: Wer der Jurgens Autovilla hinterherfährt, könnte glauben, dass hier ein klassischer Wohnwagen ohne Zugfahrzeug unterwegs ist.
Bild: Stefan Lindloff
Die Zielsetzung, ein klassischer Volkswagen für die ganze Familie zu sein, hat die Autovilla längst erfüllt. Der große Aufbau bietet bei nur 4,81 Meter Länge deutlich mehr Raum zum Wohnen und Schlafen als ein vergleichbarer, schmal bauender T2-Westfalia, und im Erker über dem Dach finden kurzfristig auch mal zwei Kinder Platz. "Zu zweit passt es perfekt, wir waren aber auch schon zu viert ein paar Wochen mit dem Jurgens unterwegs", sagt Kai Berends. "Aber für das große Vorzelt ist sogar der Innenraum zu klein, das müssen wir immer im Anhänger mitnehmen." Auch Autovilla-Bewohner kennen Luxusprobleme.
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