Camper-Urlaub auf Sardinien
Mit dem Bulli auf der Paradiesinsel

Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD
- Martin Häußermann
Blau ist eine meiner Lieblingsfarben. Sie steht gemeinhin für Ruhe, Gelassenheit, Weite und unendliche Möglichkeiten. Fußballfans denken vielleicht an die italienische Nationalmannschaft, die wegen ihrer Trikotfarbe oft "Squadra Azzurra" (blaues Team) genannt wird. Die Älteren unter uns kennen noch "Azzurro", einen Popsong, den der italienische Liedermacher und Komponist Paolo Conte kreierte und der von Adriano Celentano einzigartig interpretiert wurde. Die erste Textzeile lautet: "Das ganze Jahr lang suche ich den Sommer, und plötzlich ist er da …"
Stimmt! Als wir zu Hause starten, ist's ziemlich grau, bei unserem Zwischenstopp in Südtirol kitzeln schon die ersten Sonnenstrahlen unsere Nasen. Aber spätestens in Olbia, als wir mit unserem SpaceCamper von der Fähre rollen, ist alles Azzurro. Diese Farbe passt ganz prima zu Sardinien. Im übertragenen Sinn, aber auch ganz direkt, wenn man in den wolkenlosen Himmel oder aufs kristallklare Wasser des Mittelmeers blickt. Wobei – in vielen Buchten ist es gar nicht so blau und klar, weil hier beständig Wellen hereinrollen. Sardinien ist nicht nur weit, sondern wild. Eine prima Kombination, finde ich.

Startbereit im Fährhafen von Genua.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD
Sardinien ist Camperland und lässt sich mit Freizeitfahrzeugen aller Art erobern. Mit Dickschiffen allerdings bleibt man tunlichst auf den Hauptrouten und erschließt das Hinterland mit einem Beiboot, beispielsweise einem Motorroller. Das Fahrrad oder E-Bike funktioniert vor allem auf Naturwegen entlang der Küste, weniger auf den Straßen der Insel, wo radeln schon zu einem Abenteuer werden kann. Denn Radwege kennt man hier nicht. Um Radtouren abseits der großen Straßen zu planen, ist eine gute Kenntnis von Apps wie Komoot oder Strava hilfreich.
Kleine Bergstraßen und Verbindungswege
Mit unserem Bulli trauen wir uns hingegen auch in kleinere Dörfer wie Cuglieri im Landesinneren oder mitten in die Stadt Castelsardo an der Küste. Da parken wir teils kostenpflichtig, meist aber frei auf Pkw-Parkplätzen. Die Insel ist von kleinen Bergstraßen und Verbindungswegen durchzogen, die geradezu dazu einladen, ab und zu mal von der Hauptstraße abzubiegen. Wer die wilde, ursprüngliche Seite Sardiniens im eigenen Fahrzeug erleben will, tut sich mit einem kompakten Camper leichter, am besten mit Allradantrieb.
Das sagte uns vorab schon Matthias Göttenauer, Inhaber des Offroad-Reiseveranstalters Experience, der Sardinien gut kennt und auch schon mit dem Bulli erobert hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Melina Lindenblatt hat er das "Trackbook Sardinien" herausgegeben, das nur wenig Prosa, dafür aber 70 Abenteuer-Routen auf Naturstraßen bietet. Um das sinnvoll zu nutzen, ist schon ein wenig Talent – besser Erfahrung – bei der Navigation abseits befestigter Straßen notwendig. Das Buch arbeitet im Roadbook-Stil mit sogenannten "Chinesen", also Pfeilzeichen mit Streckenangaben. Sich hier einzufuchsen, lohnt sich. Der Kauf einer detaillierten Landkarte auch Navi hin oder her. Empfehlenswert ist hier die Sardinienkarte im Maßstab 1:150 000 von freytag & berndt.

Stellplatz unter Bäumen im Camping Torre del Porticciolo.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD
Nun haben wir von den 70 Vorschlägen nur zwei ausprobiert, aber schon dafür hat sich der Erwerb von Buch und Karte gelohnt. So ist beispielsweise auf der "Via de la Plata", der Straße des Silbers, das Aufmacherfoto dieser Reportage entstanden. Als reine Fahrzeit geben die Autoren für diese nur rund fünf Kilometer lange Strecke rund 20 Minuten an. Wir waren gut eineinhalb Stunden unterwegs bis zum Zielort Argentiera, weil wir uns an der atemberaubenden Kulisse nicht satt sehen konnten. In dieser Region im Nordwesten der Insel haben die Römer schon vor rund 2000 Jahren Silber abgebaut.
Das Silberbergwerk in Argentiera ist heute eine Touristenattraktion, die aber nach unserer Erfahrung keine Massen anzieht. Overtourism ist hier nicht nur sprachlich ein Fremdwort, was wir als ungemein wohltuend empfinden. Dabei diente die Bergbaustadt schon als Kulisse für den Film "Brandung" mit Elizabeth Taylor und Richard Burton.
Die gut erhaltenen, meist aus Holz gebauten Wohnhäuser lassen sich auf einem gemütlichen Spaziergang durch das Städtchen bewundern. Warum der Film "Brandung" hieß, lässt sich am Ortsrand eindrucksvoll erfahren. Wer hier seinen Standort zum Fotografieren nicht sorgfältig auswählt, bekommt eine satte Dusche. Nach dem Spaziergang kehren wir in einer unscheinbaren Trattoria in der Ortsmitte ein und genießen italienische Gastronomie und Gastfreundlichkeit in ihrer ganzen Ursprünglichkeit.

Camping Village Laguna Blu in Alghero.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD
Das funktioniert auf dieser Insel tatsächlich ziemlich oft. Ein kulinarisches Highlight erleben wir am Ende des Tracks entlang des Lago Omodeo im Zentrum der Insel. Der endet beim Ristorante "Da Armando" in Sedilo. Als wir dort ankommen, steht tatsächlich ein Kleinwagen mit Mannheimer Kennzeichen vor der Tür. Also doch eine profane Touri-Kneipe? Keineswegs. Eine Karte gibt es nicht, der Kellner trägt uns das aktuelle Menü mündlich und auf Italienisch vor. Nun sind unsere Italienisch-Kenntnisse eher begrenzt, Deutsch- oder Englischkenntnisse beim Kellner nicht vorhanden.
Da kommt die Fahrerin des Mannheimer Kleinwagens ins Spiel, die offensichtlich mit Familie am Nebentisch unter der Pergola sitzt. Die ist gebürtige Sardin, lebt aber schon ewig in Mannheim, ist Flugbegleiterin und nicht nur deshalb sehr hilfsbereit. Mit feinem kurpfälzischem Unterton übersetzt sie für uns und verhilft uns dadurch zu einem außergewöhnlichen Gaumenschmaus. Danke nochmals!
Ein Bauernhof mit herausragendem Restaurant
Weil wir gerade beim Essen sind. Der Agriturismo Porticciolo ist unbedingt einen Besuch wert. Der Bauernhof, der auch Ferienwohnungen anbietet, verfügt über ein erstklassiges Restaurant, das nahezu ausschließlich mit eigenen Produkten oder solchen aus der Region arbeitet. Dieses Restaurant ist bequem zu Fuß vom Camping Torre del Porticciolo erreichbar, der zwar selbst über eine vernünftige Gastronomie verfügt, aber auch nicht mehr. Das Erfreuliche am Campingrestaurant und dem nahe liegenden Agriturismo: Man kann ohne Reue ein Gläschen Wein oder auch zwei genießen.

Gepflegtes Badevergnügen am berühmten Spiaggia La Pelosa.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD
An guten Weinen mangelt es den Sarden wahrlich nicht. Exemplarisch erwähnen wir hier das Weingut Sella & Mosca in Alghero, das erstklassige Weiß- und Rotweine, aber auch Sekte im Angebot hat. Die lassen sich auch bei einem spontanen Besuch verkosten. Wer eine Kellereiführung wünscht, sollte sich vorher anmelden. Besitzer von Reisemobilen und Campingbussen sind im Vergleich zu Pkw-Reisenden im Vorteil, weil sie sich ihre Lieblingsweine gleich einpacken lassen können, um sie dann abends am Stellplatz zu genießen oder auch mit nach Hause zu bringen. Wobei Sella & Mosca europaweit einen guten Ruf hat und deren Produkte auch über deutsche Weinhändler bestellt werden können.
Der Besuch des Weinguts ist – wie auch die Fahrt nach Argentiera – einer von mehreren Trips, die wir strahlenförmig von unserem Basislager Camping Torre del Porticciolo aus unternehmen. Diesen Platz hatten wir bereits von Deutschland aus vorgebucht, weil wir Stress bei der Suche des ersten Quartiers vermeiden wollten. Eine gute Entscheidung.

Diese Leute geben sich nicht mit einem Sprungbrett zufrieden.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD
Die weiteren Plätze buchen wir dann spontan übers Smartphone, was unproblematisch gelingt. Die Strategie mit den Basislagern und strahlenförmigen Ausflügen empfinden wir als angenehm, weil man so weniger Zeit mit Anreise- und Abreiseformalitäten verliert und eine Region schön erkunden kann.
Weil wir in der Hochsaison unterwegs sind, erweist sich die Platzsuche an der Ostküste als etwas zeitaufwendig. Wir landen bei Camping Cavallo Bianco in Lotzorai, der ist zwar mit einer Menge italienischen Familien bevölkert, bietet aber genau deshalb viel italienisches Lebensgefühl. Unser Highlight an diesem Standort ist zweifellos ein ganztägiger Bootstrip, der uns entlang der felsigen Küste in die eine oder andere Karsthöhle führt und in wunderbare Badebuchten mit kristallklarem, blau schimmerndem Wasser.
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