Die Grenzregion zwischen Sachsen, Bayern und Böhmen hat sehr viel mehr zu bieten als Bier und deftiges Essen. Hier liegen Europas altehrwürdige Kurorte, in denen schon Kaiser und Könige bei Trinkkuren ausspannten. Heute wellnessen Urlauber im Bierbad oder lassen sich mit Schoko-Massagen verwöhnen. Wer mag, riskiert die Begegnung mit böhmischen Mumien, besucht plüschige Astronauten, zählt die gut 26 Millionen Backsteine der Göltzschtal­brücke oder geht auf große Einkaufstour durch "Klein-Asien".

Perle des Vogtlands

Weimar, Erfurt, Gotha – das sind die touristischen Top-Ziele in Thüringen. Kaum jemand dürfte aber die Kreisstadt Greiz ganz im Süden des Bundeslandes auf dem Urlaubszettel haben. Zu Unrecht! Thüringen-Reisende sollten die "Perle des Vogtlands" auf gar keinen Fall einfach links oder rechts liegen lassen! Die Altstadt von Greiz ist ein einziger Traum aus Jugendstil. Das haben die Einwohner ausgerechnet einem verheerenden Feuer zu verdanken, das anno 1902 ganze Straßenzüge verschlang. Beim Wiederaufbau entstand ein einzigar­tiges Jugendstilensemble aus Wohn- und Geschäftshäusern mit engen Lichthöfen. Besonders imposant sind die einheitlichen Hausfassaden entlang der Markt- und Thomasstraße – allesamt Postkartenmotive. Als würde dies noch nicht reichen, gibt es auch noch das Obere und das Untere Schloss an der Weißen Elster sowie ein herrliches Sommerpalais im englischen Landschaftspark westlich der Altstadt. Kleiner Zungenbrecher: Greiz geizt nicht mit seinen Reizen.
Tourist-Info
Burgplatz 12, 07973 Greiz
Tel. 0 36 61-70 32 93
www.greiz.de

Reichenbach Göltzschtalbrücke

Die weltgrößte Ziegelsteinbrücke überspannt seit 1851 das Tal der Göltzsch. Nach nur fünf Jahren Bauzeit war die Eisenbahnbrücke, die aus unglaublichen 26 Millionen Backsteinen besteht, fertiggestellt. Ein Meisterwerk des Ingenieurs Johann Andreas Schubert – beziehungsweise der Maurer, die das vierstöckige Viadukt mit Ziegeln, Kelle und Mörtel errichteten. Echte Knochenarbeit, Vorsicht bei der Berufswahl! Zeit­weise waren bis zu 1700 Arbeiter auf der gefährlichen Mega-Baustelle ­beschäftigt. 31 Menschen ließen ihr Leben, rund 1000 wurden verletzt. Die Göltzschtalbrücke fasziniert nicht nur Architektur-Freaks. Von einem Aussichtspunkt am Rand von Netzschkau lässt sich das 574 Meter lange Wunderbauwerk mit seinen 98 gemauerten Rundbögen sehr gut betrachten – am besten stundenlang. Ein Anblick zum Versinken.
Aussichtspunkt Göltzschtalbrücke
Reinsdorfer Weg 40, 08491 Netzschkau

Vogtländisches Meer

Wald, Wiesen – und viel Wasser: Die Talsperre Pöhl, vor 60 Jahren fertiggestellt, trägt den Namen eines im Wortsinn untergegangenen Ortes: Pöhl. Als die Wasser der Trieb, einem Nebenfluss der Weißen Elster, durch die gigantische Betonstaumauer aufgehalten wurden, bedeutete dies das Ende für das Dorf, das zuvor bereits zweimal von schweren Hochwassern verwüstet worden war. Heute ist der sieben mal zwei Kilometer große Stausee ein beliebtes Naherholungsgebiet im Grünen. Die 18-Kilometer-Wanderrunde um das Vogtländische Meer dauert knapp fünf Stunden, eine Tour per Schiff (ab Anfang April) etwa 60 Minuten. Die schillernden ­Fische im Wasser sind übrigens ­asiatische Silberkarpfen, die in den 60ern hier ausgesetzt wurden – zum Leidwesen der heimischen Fischarten. Die Karpfen aus Fernost setzten sich sofort ans obere Ende der Nahrungskette und machen inzwischen die Hälfte der Biomasse im See aus. Ein Teil des Bestands wird regelmäßig aus dem Wasser gefischt und zu Fischmehl verarbeitet. Doch zu spät: Das Vogtländische Meer wird die fremde Art nicht mehr los.
Zweckverband Talsperre Pöhl
Hauptstraße 51, 08543 Pöhl
Tel. 03 74 39-45 00
www.talsperre-poehl.de

Drachenhöhle

Die Tropfsteinhöhle wurde vor knapp 100 Jahren bei Steinbrucharbeiten entdeckt und innerhalb weniger Monate für Besucher zugänglich gemacht. Sie verläuft etwa 15 Meter unter der Erde, ist einen halben Kilometer lang und besteht aus mehreren großen Sälen und glasklaren Höhlenseen. Erst in den späten 1970ern begannen Spezialtaucher damit, auch die Unterwasserwelt der Höhle zu erkunden. Besucher bleiben selbstverständlich auf festem Höhlengrund, um die bizarr geformten Sehenswürdigkeiten der unterirdischen Hallen zu betrachten. Highlights sind ein ­versteinerter Wasserfall und die "Gar­dine", ein 50 Zentimeter langes Sintergebilde, das stoffgleich, aber unbeweglich unter der Höhlendecke klebt. Seltsamerweise hat die steinerne Gardine ein Loch. Es stammt von einem schießwütigen Sowjetsoldaten, der sie einst ins Visier nahm. Womöglich war Wodka im Spiel. Details zu dieser Geschichte und viele andere spannende Storys gibt es während einer Führung durch die Syrauer Unterwelt.
Höhlenberg 10, Paul-Seifert-Straße
08548 Syrau, Tel. 03 74 31-37 35
https://syrau.de/drachenhoehle
Öffnungszeiten: 10-16 Uhr
Preise: 9 Euro (Erw.), 6 Euro (Kinder von 4-14 J.), 25 Euro (Familien)

Schaustickerei

Über Jahrhunderte war das Tuchmacherhandwerk eine wichtige Stütze der Vogtländer Wirtschaft. Wegen der zunehmenden Konkurrenz aus dem In- und Ausland begannen die Tuchmacher etwa ab Mitte des 18. Jahrhunderts, ihre glatten Baumwoll­stoffe durch Stickereien, sogenannte Spitze, zu veredeln und sich so von den Wettbewerbern abzusetzen. Anfangs wurden die "Spitzenerzeugnisse" von Hand mit einfachen Maschinen, später in industriellem Stil mit schwerem Gerät gefertigt. In der Plauener Museumsfabrik, bis 1996 ein ganz normaler Stickereibetrieb, rattern die eisernen, mehr als 100 Jahre alten Stickereimaschinen noch heute, allerdings nur zu Vorführungszwecken. Sie sind das Herzstück der Museumsfabrik Plauener Spitze, die die Geschichte der Stickerei im Vogtland sehr lebendig nacherzählt. Ein Museum zum Staunen, in dem die genial konstruierten Maschinen (fast) nie den Faden verlieren.
Obstgartenweg 1, 08529 Plauen
Tel. 0 37 41-44 31 87
www.schaustickerei.de
Öffnungszeiten: Mo.-Sa. 10-17 Uhr, Schauvorführungen um 11, 13 und 15 Uhr
Preise: 6 Euro (Erw.), 3 Euro (Kinder von 6-16 J.)

Raumfahrtausstellung

Wer war der erste Deutsche im All? Natürlich Sigmund Jähn (1937-2019) aus Morgenröthe-Rautenkranz. Im Sommer 1978 reiste er in einer ­sowjetischen Sojus-Raumkapsel zur Raumstation Saljut 6. Seine Reise dauerte exakt sieben Tage, 20 Stunden, 49 Minuten und vier Sekunden. Ein Jahr nach Jähns extraterrestrischem Trip wurde eine Raumfahrtausstellung in seinem Heimatort ­eröffnet, die über die Jahre zu einem gesamtdeutschen Museum gewachsen ist. Es gewährt tiefe Einblicke in die Geschichte der Raumfahrt und den Nutzen der Weltraumforschung sowie Raumfahrtprojekte mit deutscher Beteiligung. Zu sehen sind Original-Raumanzüge, ein begehbarer Basisblock der legendären sowjetischen Raumstation Mir, Triebwerke, Trägersysteme, das Modell einer ­Ariane-Rakete und vieles mehr. Zu den Highlights zählen zudem Glücksbringer, die Ex-Raumfahrer auf ihren Reisen ins All dabei hatten, darunter der plüschige Astronaut "All-Bert" von Raumfahrer Alexander Gerst (zwei ISS-Missionen, 363 Tage im All). Er ist nur einer der kleinen großen Museumsschätze.
Dr.-Sigmund-Jähn-Str. 4, 08262 Muldenhammer
Tel. 03 74 65-25 38
www.deutsche-raumfahrtausstellung.de
Öffnungszeiten: Di.–So. 10-17 Uhr
Preise: 9 Euro (Erw.), 5 Euro (ermäßigt), Kinder bis 6 J. frei

Reiterhof Sandner

Das idyllisch-ländliche Dreiländereck Sachsen-Bayern-Böhmen ist wie geschaffen für einen gepflegten Ausflug hoch zu Ross. Die dafür nötige PS stellt einer der vielen Reiterhöfe der Region, zum Beispiel der Reiterhof Sandner in Erlbach. Rund um das "Pferdedorf" winden sich diverse Reiterwege, die auch im Winter nutzbar sind. Vor dem Ausritt können sich Anfänger und Wiedereinsteiger in Kursen sattelfest machen oder sich per Kutsche, bei Schnee mit Pferdeschlitten, durch die Gegend fahren lassen.
Klingenthaler Str. 12, 08265 Erlbach
Tel. 03 74 22-62 21
www.reiterhof-sandner.de

Musikwinkel

In den vergangenen Jahrhunderten war das Vogtländer Landleben kein Vergnügen. Die Landbevölkerung ­hatte nicht viel zum Leben, was auch am Erbrecht lag. Denn üblicherweise wurde der elterliche Hof unter allen Nachkommen aufgeteilt, wodurch über die Generationen keinem genug Land zum Leben blieb. So mussten sich viele Bauern notgedrungen nach einem neuen Job umsehen. Im 17. Jahrhundert wechselten viele ins Weberhandwerk, andere entschieden sich für den Bau von Musikinstrumenten. Letzterer boomte ganz besonders im "Vogtländischen Musikwinkel" zwischen Markneukirchen, Erlbach, Klingenthal und Schöneck. Hier ist die Tradition des Instrumentenbaus bis heute lebendig. In Schauwerkstätten wie der Erlebniswelt Instrumentenbau zeigen handwerkliche Könner, wie ein Kontrabass, eine Geige oder ein Blechblasinstrument hergestellt wird. Bis heute genießen die hochwertigen Instrumente aus dem Musikwinkel absoluten Weltruf.
Erlebniswelt Instrumentenbau
Johann-Sebastian-Bach-Straße 13, 08258 Markneukirchen
Tel. 03 74 22-4 02 90
https://erlebniswelt-musikinstrumentenbau.de
Schauvorführungen ohne Voranmeldung immer Mittwochs, 14.30 Uhr

Perlmuttermuseum

Als die Weiße Elster und ihre Zuflüsse noch glasklar und rein durch Sachsen plätscherten, fischten die Vogtländer nicht nur Fische, sondern auch Flussperlmuscheln aus dem Wasser. Die Jagd nach den Perlen begann im 16. Jahrhundert, und noch heute werden Perlfischer an einigen wenigen Flussabschnitten fündig. Im 19. Jahrhundert versuchten es die Vogtländer gar mit der Perlmuschelzucht. Die für die Perlenzucht untauglichen Muscheln verarbeiteten sie wegen ihrer schillernden Farbenpracht zu Broschen, Ohrgehängen, Feuerzeugen, kleinen Schatullen und anderen Schmuck-, Kunst- und Gebrauchsgegenständen. Heute sind viele der handwerklich sehr filigran gearbei­teten Perlmutterzeugnisse im Perlmutter- und Heimatmuseum Adorf zu sehen. Es ist die größte Sammlung ihrer Art in Deutschland. Eindrucksvoll und farbenprächtig.
Freiberger Str. 8, 08626 Adorf
Tel. 03 74 23-22 47
www.perlmuttermuseum.de
Öffnungszeiten: Di.–Fr. 9–12 und 13–17 Uhr, Sa. und So. 10–12 und 13–16 Uhr
Preise: 3 Euro (Erw.), 0,50 Euro (Kinder)

Ein Traum aus Schaum

Etliche Saunen, verschieden temperierte Schwimmbecken, Massagedüsen, Sprudelbänke, Whirlpools, Nackenduschen: Im König-Albert-Bad können sich Erholungssuchende so ziemlich jeden Bade- und Wellnesswunsch erfüllen. Und auch mancher bislang unerfüllte Traum wird wahr: Wer schon immer mal in Bier baden wollte, ist in Bad Elster genau richtig. Ausgeschenkt wird schäumendes Neuzeller Klosterbräu, das wegen seines hohen Anteils an vitamin­reicher Hefe wahrer Balsam für trockene und gestresste Haut ist. So zumindest das Versprechen. Während des 50-minütigen Bierbaderituals reicht der Bademeister ein dunkles Neuzeller Bier zur oralen Anwendung. Natürliche Schönheit kommt halt auch von innen. Nach dem Bad duftet Mann oder Frau wunderbar malzig-hopfig. Oder anders ausgedrückt: intensiv nach Kneipe. Trotzdem nicht abduschen!
Badstraße 6, 08645 Bad Elster
Tel. 03 74 37-7 11 11
www.saechsische-staatsbaeder.de

Schoko-Massage

Schokolade macht dick? Nicht unbedingt. Im Aquacentrum Agricola der Badestadt Jáchymov, nur zehn Kilometer südlich von Oberwiesenthal, macht Schokolade schön! Hier wird sie bei Massagen eingesetzt. Erfahrene Hände arbeiten die flüssige und angenehm warme Schoko-Masse intensiv in die Haut ein – eine herrliche und erstaunlich entspannende Sauerei! Nach der Massage und vor dem Duschen sehen die schokoglasierten Spa-Gäste wirklich zum Anbeißen aus. Dennoch ist ihr brauner Überzug ungenießbar. Denn die Massagemasse besteht in aller Regel aus Sheabutter, Mandelöl und Kakaobutter. Darum den Schokoguss nicht anknabbern!
T. G. Masaryka 415, 36251 Jáchymov
Tel. +4 20-3 53-83 60 00
www.laznejachymov.cz/de
Öffnungszeiten: Di.–So. 10–21 Uhr, Mo. ab 13 Uhr
Preise: ab 90 CZK (Erw.), ab 50 CZK (Kinder), Anwendungen gehen extra; 10 CZK = 0,40 Euro

Der verlorene Kurort

Gepflegte Parks, Stuckpaläste, Fachwerkvillen: All dies hat Kyselka – nicht. Oder nicht mehr. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der ehemals ansehnliche Kurort schrittweise aufge­geben, im "Kurkern" verfiel ein Haus nach dem anderen. Mittlerweile ist die einstige Pracht des Ortes dahin, die Gebäude sind teilweise eingerüstet und bröckeln vor sich hin. Viel scheint hier nicht mehr zu retten zu sein. Mehrere Wiederbelebungsversuche scheiterten, zuletzt in den 1990ern. Damals sollte Kyselka zu ei­ner Art Kur-Disneyland aufgehübscht werden. Doch daraus wurde nichts. Vielleicht ist es auch besser so. Kysel­kas Kurzentrum döst dornröschenartig vor sich hin und wartet auf bessere Zeiten. Es lohnt, sich in dem ruinös-romantischen Kurort umzusehen und Fotos zu schießen, bevor er womöglich doch noch zu einem böhmischen Disneyland umgebaut wird. Doch bis dahin wird noch viel Wasser aus den Gesundquellen von Kyselka sprudeln.
Lázne Kyselka, 36272 Kyselka/Spa-Kyselka

Historische Altstadt

Mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert begann die Glanzzeit Karlsbads als Kurstadt. Könige, Fürsten und auch Zar Peter der Große versuchten mithilfe des berühmten Karlsbader Heilwassers ihre Zipperlein und handfesten Krankheiten in den Griff zu bekommen. Nach und nach wandelte sich die Stadt zu einem Luxuskurort und Treffpunkt der Reichen Europas. Davon zeugt noch heute die historische Altstadt. Hier schlängeln sich prachtvolle Wohnhäuser und Kolonnaden an der Teplá entlang. Wer Karlsbad von oben sehen will, nimmt die Standseilbahn am palastartigen Grandhotel Pupp zum Aussichtsturm "Diana" auf der gut 550 Meter hohen Freundschaftshöhe. Hinunter geht es zu Fuß durch den Wald, am besten am Restaurant Hirschensprung mit typisch böhmischer Küche vorbei. Tipp: Hirschgulasch mit Knödeln bestellen! Kaffee und Kuchen gibt es im Grandhotel Pupp und im Café Elefant an der Prachtstraße Stará Louka. Hier feierte ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe anno 1786 seinen 37. Geburtstag. Als "Zersetzer" nach üppigen Mahlzeiten sind die diversen Heilwasser der Stadt zu empfehlen. Alternativ tut es auch der traditionsreiche, weltberühmte Ma­genbitter aus dem Hause Becherovka (www.becherovka.com). Er wird aus heilendem Karlsbader Wasser, einem Mix aus Kräutern, Gewürzen und Alkohol hergestellt.
Lázenská 2075/14, 36001 Karlovy Vary 1
Tel. +4 20-3 55-32 11 76
www.karlovyvary.cz/de

Wellness ohne Rezept

Eine neue Nase ist wie ein neues Leben ... Die Verballhornung des 70er-Jahre-Schlagers von Jürgen Marcus ist in Karlsbad Programm. In dem mondänen Kurort lassen sich die Reichen und noch nicht oder nicht mehr ganz so Schönen von Chirurgenhand ein neues "Outfit" verpassen. Andere kommen einfach nur der Erholung wegen hierher. Zum Beispiel für eine traditionelle Trinkkur. Studien zufolge trinken mehr als ein Viertel der Männer und knapp 40 Prozent der Frauen in Deutschland weniger als die empfohlenen 1,5 bis 2 Liter täglich. In Karlsbad lässt sich das leicht ändern. Überall in den Straßen sind Kurgäste mit für den Ort typischen "Schnabeltassen" zu sehen, die sich an den öffentlichen Kurquellen rezeptfrei mit Heilwasser versorgen. Der deutsche Dichter Friedrich Schiller (1759-1805) soll bei seinen Aufenthalten in Karlsbad täglich bis zu 18 Becher gebechert haben. Heute raten Mediziner zu fünf bis maximal sieben Schna­beltässchen. Denn das Karlsbader Heilwasser hat es in sich, vor allem Natrium, Kalzium, Zink und Magnesi­umsulfat. Das ist gut für Knochen und Knorpel, doch schillerartiger Genuss der warmen Ionenlösung kann nach hinten losgehen. Auch im Wortsinn: Zu viel Sulfat verursacht Durchfall.
Lázenská 2075/14, 36001 Karlovy Vary 1
Tel. +420-355-321176
www.karlovyvary.cz/de

Goethes Paradies

Schon Goethe geriet angesichts des märchenhaften 3000-Einwohner-Städtchens Loket, das sich an einen engen Bogen der Eger schmiegt, so richtig ins Schwärmen. Das sei ein "landschaftliches Kunstwerk", notierte der Dichterfürst euphorisch. Viele seiner Zeitgenossen, darunter namhafte Promis wie Dichter, Denker und vor allem Maler, sahen das genauso. Kein anderer Ort in Böhmen wurde wohl öfter auf Leinwand verewigt als Loket – von Prag einmal abgesehen. Auf einem mächtigen Granitfelsen über Loket steht seit 800 Jahren das Königsschloss, zu seinen Füßen breitet sich das pittoreske Städtchen aus. Die gesamte, von Wehrmauern eingefasste Altstadt steht unter Denkmalschutz, kein Plattenbau oder andere Bausünden vergiften den Anblick. So wie heute hat auch Goethe sein "Paradies" vor mehr als 200 Jahren gesehen.
Tourist-Info
Zámecká 69, 35733 Loket
Tel. +4 20-3 52-66 17 17
www.loket.info/de

Naturreservat Soos

Das ausgedehnte, 200 Hektar große Moor ist seit den 1960ern nationales Naturreservat und mit kleinen Seen, Mineralquellen und Mofetten gespickt: schlammigen Erdlöchern, aus denen blubbernd und zischend natürliches Kohlendioxid entweicht. Mitten durch diese wilde Urlandschaft des Soos führt ein Lehrpfad über Holzstege und mehr oder weniger feuchten Grund. Die Niedermoor-Tour dauert etwa eine Stunde. Laien könnten angesichts der Mofetten und tiefschwarzen Seen schnell auf die Idee kommen, dass sich hier eine schreckliche Umweltkatastrophe abgespielt hat. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Das Soos ist Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Es ist ein echtes Erlebnis, durch diese weitgehend unberührte Naturlandschaft zu wandern.
Obec Nový Drahov, 35134 Skalná
Tel. +4 20-3 54-54 20 33
www.muzeumfl.cz

Dragon Bazar

Kurz hinter dem Grenzübergang Waldsassen/Svatý Kríž liegt der mit 13 Hektar Fläche größte Asiamarkt Tschechiens. Hier gibt es wirklich alles, was man braucht: Lebensmittel, Zigaretten, Möbel, Kleidung, Alkohol, Haushaltswaren – und noch viel mehr, was wirklich niemand benötigt. Darunter ausgefallene Deko-Artikel, die garantiert in keine Wohnung der Welt passen, Kitsch und Ramsch. Zum Glück besteht kein Kaufzwang. Besucher können sich durch das ­Angebot treiben lassen, unterwegs einen Kaffee trinken, sich günstig die Haare schneiden lassen, im Casino Geld gewinnen oder verlieren oder in einer der Apotheken Hustensaft kaufen, der in Deutschland ständig ausverkauft ist. Eine spannende Ent­deckungstour durch ein kleines Stück Asien im Herzen Europas.
Svatý Kríž, 35002 Cheb 2
https://asiadragonbazar-cheb.cz
Öffnungszeiten: tägl. 8-21 Uhr

Retro-Museum

Wie haben die Tschechen und Slowaken in den 1960er- bis 1980er-Jahren gelebt? Das Retro-Museum lässt die alte Tschechoslowakei wiederauferstehen: Hier können Besucher durch mehrere mit originalen Möbeln eingerichtete Wohnungen wandeln, sich auf die Couch setzen, TV-Sendungen von einst ansehen, Schubladen und Schränke öffnen, als würden sie hier leben. Die Wohnungen sind mit für die Zeit typischen, teils skurril anmutenden Deko-, Alltags- und Haushaltsgegenständen ausgestattet. In der Küche hängt eine alte tschechische Kittelschürze, im Kleiderschrank ein "sozialistischer" Bikini und viele weitere Symbole der Zeit, darunter ein "Design"-Haartrockner eines gewissen Stanislav Lachman oder aufblasbares Kinderspielzeug. Eine schräge Parallelwelt, die 1989 mit dem Ostblock unterging.
Námestí Krále Jirího z Podebrad 17, Cheb (Eger)
Tel. +4 20-3 54-42 24 50
Öffnungszeiten: Di.-So. 10-17 Uhr
Preise: 100 CZK (Erw.), 70 CZK (ermäßigt), 20 CZK (Kinder); 10 CZK = 0,40 Euro

Kuriositätenkabinett

Am Rande des weitläufigen Kaiserwalds bei Marienbad (Ziel 21) steht seit mehr als 400 Jahren das dreiflü­ge­lige Renaissanceschloss Königswart. Schon der Bau selbst ist einen Abstecher wert. Hinzu kommt das Schlossmuseum, eines der ältesten Privatmuseen der Welt, das in seinem Kuriositätenkabinett einzigartige Preziosen beherbergt. Zu sehen ist ein Handabdruck des französischen Literaten Alexandre Dumas (1802-1870, "Die drei Musketiere"), ein Handschuh des mexikanischen Kaisers Maximilian (1867 hingerichtet) oder Henkerswerkzeug mit deutlichen Gebrauchsspuren. Zu den wertvollsten der rund 1800 Ausstellungsstücke zählen zwei ägyptische Mumien, von denen die ältere aus dem Jahre 3500 vor Christus datiert. Wie all diese Seltsamkeiten ihren Weg nach Bad Königswart fanden, erfahren Gäste während einer Führung. Die Geschichten zu den Exponaten sind teils noch spannender und verrückter als die Objekte selbst.
Schloss Kynžvart, 354 91 Lázneˇ Kynžvart
Tel. +4 20-7 73-77 66 30
www.zamekkynzvart.cz/de
Führungen durchs Kuriositätenkabinett: ab 160 CZK, 10 CZK = 0,40 Euro

Kolonnaden

Das ehrwürdige Marienbad müsste streng genommen Marienpark heißen. Denn das Zentrum des Kurorts ist ein einziger großer Park mit darin verstreuten pastellfarbenen Belle-Époque-Bauten, Musikpavillons, Kurhäusern und Casinos. Aus all der Weltkulturerbe-Pracht stechen die Kolonnaden noch heraus, allen voran die gusseiserne Konstruktion der Hauptkolonnade. Vor Regen oder Sonne durch ein geschwungenes Dach geschützt, flanierten einst die Marienbader Kurgäste die Kolonnade entlang, und sie tun es noch heute. Alternativ bieten sich auch die Kolonnade der Kreuzquelle, die der Karolinaquelle oder der Ferdinandquelle für einen gemächlichen Spaziergang an. Zwischendurch können sich Flaneure an den rund 40 Heilquellen der Stadt erfrischen und gesundkuren. Das ­Mineralwasser soll unter anderem Nieren-, Harnwegs- und Atemwegserkrankungen lindern, den Blutdruck senken und die Potenz stärken.
Tourist-Info
Hlavní tr. 47/28, 35301 Mariánské Lázneˇ 1
Tel. +4 20-7 77-33 88 65
www.marianskelazne.cz/de
Infos auch unter https://marianske-lazne.info/de

Gourmet Villa Rozmarýn

Schweinebraten mit Knödeln und Sauerkraut, geschmolzener Käse, herzhaftes Gulasch: Wenn es ums Essen geht, lieben es die meisten Tschechen deftig. Die Gourmet Villa Rozmarýn geht jedoch kulinarisch ganz andere Wege: Hier trifft die schwere böhmische auf die ausgefeilte französische Küche. Ergebnis ist ein spannender Mix aus regionaler Deftigkeit und französischer Finesse. Auf den Tisch kommen beispielsweise Rinderfilet in Rotweinreduktion mit Gratin Dauphinois und Grillgemüse oder Hummerschaum-Cappuccino mit Garnele und Cognac. Dobrou chut’ und bon appétit.
Chodovská Hut, 35301 Mariánské Lázneˇ 1
Tel. +4 20-6 06-83 35 23
www.villarozmaryn.cz
Öffnungszeiten: Fr. u. Sa. 18-22 Uhr
Preisbeispiel 3-Gänge-Menü: ab 990 CZK pro Person; 10 CZK = 0,40 Euro.

Brauerei Chodovar

Das malzig-süffige Chodovar wird vor den Toren Marienbads in Chodová Planá gebraut. So würzig wie das Bier duftet es auch in der Produktion, die Besucher täglich von 14 Uhr an besichtigen können. Das ein oder andere Schlückchen des bernsteinfarbenen Chodovar zum Probieren ist dabei natürlich immer drin. Sehr zu empfehlen ist auch ein warmes Bierbad bei gedämpftem Licht und dezenter Musik. Schon beim Einlassen des Bades bildet sich der charak­teristische karamellfarbene Bierschaum in der Wanne, der schön auf der Haut kribbelt. Überhaupt soll das Bierbad die Lebensgeister wecken. Nach Brauereiangaben bringt es den Kreislauf in Schwung, erweitert die Poren und schwemmt Schadstoffe aus dem Körper. Unterstützend wirkt ein parallel konventionell verabreichtes Chodovar. Nach dem 20-minütigen Bier-Spa ist Ruhe in kuscheligen Decken angesagt – Wellness auf Böhmisch. Im Anschluss empfiehlt sich eine Stärkung im Restaurant Ve Skále im gut 800 Jahre alten Gewölbekeller der Brauerei. Tipp für alle, die im Frühsommer in der Gegend sind: Im Juni finden in Chodová die Weltmeisterschaften im Bierfassrollen statt. Sicherheitsschuhe einpacken!
Pivovarská 107, 348 13 Chodová Planá
Tel. +4 20-3 74-61 16 11
www.chodovar.cz

Air Parc Zrucˇ

Das riesige Areal des Air Parc ist so etwas wie die letzte Ruhestätte einer Vielzahl von Fluggeräten vom Passagierflugzeug über Militärjets bis zum Hubschrauber. Die Sammlung ist umfangreich, allein die Flugzeugsammlung umfasst gut 50 ausrangierte Maschinen. Die Helikoptersammlung besteht laut Museum gar aus sämtlichen Modellen, die je über Tschechien geflogen sind. Die meisten Ausstellungsstücke sind begehbar, auch ein Blick ins Cockpit ist möglich. Die XL-Schau wird durch Militärfahrzeuge wie Panzer des Typs T-34 der Roten Armee, Kanonen und Flugzeugmodelle ergänzt. Tipp: Wer den Air Parc in der Hauptsaison im Juli oder August besucht, kann einen sehr informativen Rundgang mit "Stewardess" buchen, die interessante Details zu den Exponaten kennt.
Silnice II/180, 330 08 Zrucˇ-Senec
Tel. +4 20-6 06-94 53 60
www.airpark.wz.cz
Öffnungszeiten: tägl. 10-18 Uhr
Preise je nach Museumsbereich: ab 200 CZK (Erw.), ab 100 CZK (Kinder unter 15 J.), ab 50 CZK (Kinder unter 6 J.); 10 CZK = 0,40 Euro

Brauereimuseum

Die Tschechen sind Weltmeister im Biertrinken: 160 Liter konsumieren sie im Schnitt pro Kopf und Jahr – knapp doppelt so viel wie die Deutschen. Pilsen spielt in der Geschichte des Bieres eine Schlüsselrolle. Das hier gebraute dunkle, trübe und warm vergorene Pilsner hatte einst einen miserablen Ruf. Die Pilsener Bürger waren entsprechend schlecht auf ihr Pils zu sprechen. Aus Pro­test schütteten sie anno 1842 gar mehrere Fässer der üblen Plörre auf dem Rathausplatz aus, worauf Pilsens Bürgermeister einen baye­rischen Braumeister in die Stadt berief. Nach einigen Rezepturan­passungen entstand schrittweise das typische, stark gehopfte Bier Pilsner Brauart, das heute weltweit bekannt und beliebt ist. Das Braue­reimuseum zeichnet den Siegeszug des Pilsners um den Erdball nach. Bierfreunde sollten sich in Pilsen ­unbedingt auch ansehen, wie das ­legendäre Pilsner Urquell (Plzenˇský Prazdroj) gebraut wird. Neben Rundgängen durch die Produktion und Verkostungen bietet die Brauerei auch Kurse im Bierzapfen an. Braucht ein perfekt gezapftes Pilsner Urquell zwei, drei oder sieben Minuten? Die ultimative Antwort darauf und auf viele weitere Fragen gibt ein erfahrener Urquell-Bierzapfer.
Veleslavínova 58/6, 30100 Plzen 3
Tel. +4 20-3 77-23 55 74
www.prazdrojvisit.cz/de/besichtigungen
Preise und Öffnungszeiten sowie Besichtigungen der Urquell-Brauerei siehe Internet

Historische Unterwelt

Unter dem Stadtzentrum von Pilsen erstreckt sich so etwas wie eine zweite, unterirdische Stadt. Von Kellern zu sprechen, wäre stark untertrieben. Denn das Labyrinth aus Gängen, Treppen und kathedralengroßen Gewölben ist mehr als 20 Kilometer lang und führt bis zu drei Stock­werke tief unter die Erde. Der Bau der Unterwelt begann Ende des 13. Jahrhunderts und diente der Lagerung von Lebensmitteln. Heute sind immerhin 800 Meter des Labyrinths im Rahmen von Führungen (Start ab Brauereimuseum, Ziel 25) zugänglich. Der größere Teil aber ist nicht saniert – und eine Gefahr für die Stadt. Denn die vielen Tunnel und Stollen haben den ohnehin weichen Pilsner Untergrund hier und da instabil und einige (oberirdische) Neubauvorhaben unmöglich gemacht.
Veleslavínova 58, 30100 Plzen 3
Tel. +4 20-7 24-61 83 57
www.prazdrojvisit.cz/de
Besichtigung nach Anmeldung, Tourzeiten siehe Internet
Preise: 190 CZK (Erw.), 150 CZK (ermäßigt), 520 CZK (Familien), 10 CZK = 0,40 Euro

Sektkellerei Bohemia

Die Tschechen haben es längst nicht nur im Bierbrauen zur Meisterschaft gebracht. Sie verstehen sich auch ganz vorzüglich auf Sekt. In Starý Plzenec, vor den Toren Pilsens, stellt die Kellerei Bohemia seit rund 70 Jahren den beliebtesten Sekt Tschechiens her. Am besten gehen die Sorten "Bohemia Sekt demi sec" und "Prestige Brut". Wie sie produziert werden, erfahren Besucher während einer Führung durch die Kellerei. Ein Highlight ist der riesige Cuvée-Tank, mit dessen Inhalt sich mehr als eine Million Perlweinflaschen füllen lassen. Aus der Produktion geht es direkt weiter zur Verkostung ausgewählter Proben. Als kleinen Bonus gibt’s noch einen frisch degorgierten Sekt aus der Manufaktur dazu. Na zdraví!
Smetanova 220, 33202 Starý Plzenec
Tel. +4 20-3 77-19 71 65
www.bohemiasekt.cz, Anmeldung zur Führung erforderlich

Mumien von Klatovy

In den Katakomben von Kloster Klatovy (Klattau) werden Besucher von 30 hochbetagten Hausherren empfangen. Freilich ohne Handschlag, denn die Jesuitenmönche sind bis zu 350 Jahre alt und längst verstorben. Die teils sensationell gut erhaltenen Mumien ruhen in gläsernen Schneewittchensärgen, die so etwas wie Blickkontakt zu den Ordensbrüdern erlauben. Ein gruseliger und dennoch faszinierender Anblick. Das Geheimnis der Toten sind die konstante Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Gewölbe sowie die spezielle Bettung der Leichname auf Eichenspänen und Hopfenblüten. So haben die sterb­lichen Hüllen die Jahrhunderte überdauert.
Denisova 148, 33901 Klatovy I
Tel. +4 20-3 76-32 01 60
www.katakomby.cz/de
Alle Angaben ohne Gewähr. Bitte prüfen Sie vor Reisebeginn alle Daten wie Öffnungszeiten und Preise.
Autor: Jens Lehmann