Pittiplatsch ist an diesem Tag ganz klar der Star. Zumindest am Intercamp- Wohnwagen von Wolfgang Höft. Kein Foto geht ohne die quirlige Stoffpuppe aus dem ehemaligen Deutschen Fernsehfunk. Kurzerhand landet sie in der originalen DDR-Kittelschürze von Daniela Hagen. Aufstellen, lächeln, die Kameras klicken um die Wette. Das Fotoshooting sorgt für Erheiterung auf dem Campingplatz am Birnbaumteich. Wenige Minuten später ist der Trubel vorbei, die Menschentraube löst sich auf. Denn auf dem Gelände gibt es noch einiges andere zu entdecken. Die Kameras klicken heute häufiger.
Zweimal jährlich verwandelt sich der Campingplatz am Birnbaumteich im Harz in ein Mekka für DDR-Nostalgiker. Ob Qek Junior, Intercamp oder "Dübener Ei“: Hier ist der Schauplatz für eine Zeitreise zurück in eine Epoche, als DDR-Bürger den Titel Reiseweltmeister für sich beanspruchten – und ihr Weg oft auf einen der mehr als 500 Campingplätze des ostdeutschen Staates führte. Am Birnbaumteich hält eine kleine Gruppe diese Erinnerung am Leben – ganz einfach aus Freude an der damaligen Campingkultur, dem Improvisationsgeist und dem unbeschwerten Gefühl von Freiheit, das beim Campen an der Ostsee, im Harz oder an der Müritz aufkam.
Während auf heutigen Anlagen Reisemobile und Caravans das Bild bestimmen, war der Erwerb eines Wohnanhängers für DDR-Bürger eine ähnliche Geduldsprobe wie der Kauf eines Trabant. Die DDR hatte zwar – gerade zum Ende hin – eine beachtliche Vielfalt an Wohnwagen, doch ein Großteil der Produktion ging ins Ausland. Im Neckermann- oder Quelle-Katalog konnten sich Westdeutsche einen passenden Untersatz für ihren Campingurlaub aussuchen. Jenseits der Grenze blieben oft nur Ideenreichtum und Improvisationstalent.
Campingidyll: Das Treffen am Birnbaumteich zieht jährlich Hunderte Ostalgie-Fans an.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Jens-Uwe Nölle besitzt ein Musterbeispiel dieser ostdeutschen Tugenden. Mit einem dunkelblauen Trabant 601 Universal stoppt er an seinem Stellplatz – auf dem Dach ein rechteckiger Aufbau unter einer Plane. "Das ist das Müller-Dachzelt“, erzählt Nölle und zieht die Plane ab. Wenige Minuten später ziert der Aufbau wie eine Zipfelmütze das Dach des Trabant. "Ich kann hier drin problemlos stehen“, sagt Nölle. Fast 1,90 Meter misst das Zelt von der Schlaffläche bis zum First.

Trabant als Alternative zum Wohnwagen

2,9 Quadratmeter bieten Platz für zwei Personen. Gerhard Müller entwickelte die Idee 1979 für den Trabant als Alternative zu den schwer erhältlichen Wohnwagen.
Wer dennoch ein Anhängsel für seinen Trabant bevorzugte, musste oft sehr lange suchen. Denn zur geringen Verfügbarkeit kam, dass sich nicht jeder Wohnwagen problemlos vom schwachbrüstigen Zweitakter mit seinen maximal 26 PS ziehen ließ.
Bernd Ducho hätte dieses Problem nicht gehabt. Er ist mit einem Weferlinger LC9-200 angereist – einem Modell, extra für den Trabant entwickelt. Der Aufbau misst gerade einmal zwei Meter in der Länge und sieht aus wie zu heiß gewaschen. Und mit 250 Kilogramm Leergewicht ist der Anhänger federleicht. „Für mich passt das. Mehr brauche ich nicht“, erzählt Ducho.
Streng asketisch lebt Ducho dennoch nicht. Mit seinem Skoda 100 und 42 PS im Gepäck musste er den Anstieg zum Birnbaumteich immerhin nicht im Schneckentempo hochschleichen. Und etwas mehr Platz zum Sitzen und Essen darf es dank Vorzelt auch sein. Eine ähnliche Konstruktion bot Weferlinger bereits ab Werk an – und verdoppelte damit die Wohnfläche. In Prospekten bewarb die Produktionsgenossenschaft die Kombination als familientauglich. Vier bis fünf Personen sollten Platz finden.
Keine fünf Minuten, schon steht das Zelt auf dem Dach eines Trabant.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Ducho ist froh, dass er sein Reich für sich hat. Im Innenraum lässt er sein Bett stets aufgebaut, alternativ könnte er die Liegefläche zur Sitzgruppe umfunktionieren.

"Dübener Ei“ sogar mit altem DDR-Kennzeichen

Duchos Weferlinger gehört an diesem Wochenende zu den Raritäten auf dem Campingplatz am Birnbaumteich. Mehr als 100 DDR-Wohnwagen sind beim Treffen im Harz zu bestaunen, darunter vor allem die bekannteren Derivate von Qek und Intercamp. Einige Campingfans kommen seit dem ersten Treffen 2015 regelmäßig vorbei. "Wir sind schon ein bisschen wie eine Familie geworden. Es ist schön, viele Bekanntschaften wieder zu treffen und zu sehen, wie andere die Leidenschaft leben“, erklärt Organisator Jens Bischoff.
Bei Evi und Siggi Veith geht diese Leidenschaft bis ins kleinste Detail. Ihr Gespann aus Wartburg 312 Camping und Würdig 301 – besser bekannt als "Dübener Ei“ – hätte problemlos bereits vor 40 Jahren auf demselben Stellplatz am Birnbaumteich stehen können. Siggi Veith hat für den perfekten Look sogar alte DDR-Kennzeichen an seinen Wartburg montiert. Seine Frau kümmert sich wiederum um die authentische Ausstattung im und um das "Dübener Ei“. Zum Frühstück kommt original DDR-Campinggeschirr aus Kunststoff auf den Tisch. Für die musikalische Untermalung sorgt das Kofferradio vom Kombinat Sternradio.
Ein Mifa-Klapprad komplettiert das Campingidyll von Bernd Ducho.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Und selbst die bunte Lichterkette am Vorzelt stammt noch aus der DDR. Komplett original sei das Ensemble dann aber doch nicht, verrät Evi Veith: "Für das ‚Dübener Ei‘ fand ich kein passendes Vorzelt. Daher musste ich es kurzerhand selbst nähen.“ Die Eigenkonstruktion folgt nahtlos der ungewöhnlichen Eiform des Wohnwagens und beweist einmal mehr den Ideenreichtum, der beim Camping in der DDR so wichtig war. "Und die Stühle habe ich auch neu gemacht“, sagt Evi Veith und deutet auf die Metallkonstruktion. Die Sitzflächen waren durchgesessen, neuer Stoff musste her.

Klappzeltanhänger Camptourist CT 6-1 optimal für Trabant-Fahrer

Thomas Meier hat ebenfalls so seine Sorgen mit dem Stoff. Bei ihm sind es aber nicht die Stühle, sondern das Dach. Meier ist mit einem Camptourist CT 6-1 angereist – einem Klappzeltanhänger, dessen leichte Konstruktion wie der Weferlinger auf Trabant-Fahrer abzielte. Bis zu 15 Quadratmeter Platz bietet der Innenraum. Zusammengeklappt verbraucht der Anhänger mit einem Leergewicht von rund 300 Kilogramm aber gerade einmal 3,4 Quadratmeter. Mehr Platz aus weniger Platz geht kaum. Wäre da nur nicht das Dach.
Über den Camptourist hat Meier eine große Plane gespannt. "Der alte Stoff ist nicht wasserdicht", erklärt er. Ansonsten verrichtet der Klappzeltanhänger nach wie vor seinen Dienst. Der Innenraum bietet zwei große Liegeflächen, die sich vom Boden abheben und vor Feuchtigkeit geschützt sind. Im kleineren Vorzeltbereich dient der hintere Abschluss des Anhängers als Stauraum und Kochbereich. Und wenn Meier einmal einen Anhänger für Transporte braucht, nimmt er die Einbauten einfach heraus.
Camping mit dem Camping: Evi und Siggi Veith leben ihren Ostalgie-Traum.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Anders als der Camptourist parkte das Wohnanhängermodell von Mike Golle nur höchst selten auf den Campingplätzen der DDR. Friedel lautet sein Name, und der sollte jedem DDR-Kenner ein Begriff sein. Immerhin entstanden mehr als 1000 Exemplare bei der PGH Fahrzeugbau Großfahner. Doch nicht von Golles Modell. Er hat einen seltenen Friedel 2, der während der Wendezeit entstanden ist und nach der Wiedervereinigung kaum noch Kunden fand. Zwar bot das Modell zeitgemäßen Standard, aber zum doppelten Preis des Vorgängers.
Mehr als 22.000 Mark mussten Käufer aufwenden. "Das ist der Mercedes unter den DDR-Wohnwagen", sagt Golle, während er in den Innenraum einlädt. 24 Exemplare sind ihm noch bekannt. Maximal 80 sollen seinen Informationen zufolge gebaut worden sein. Andere Quellen gehen eher von 60 aus. Stolz präsentiert Golle den restaurierten Innenraum, öffnet die Staufächer und spricht über das akribisch aufbereitete Holzfurnier der Schränke. Selbst zur unscheinbaren Lampe über dem Esstisch kann er Anekdoten erzählen. Bei ihm wird schnell die Leidenschaft deutlich, die die Community hier in das Andenken an die DDR-Campingkultur steckt. "Ich mache das aus Freude am Erhalt von Kulturgut“, erklärt Golle.
Qek-lebendig: Der Dauerbrenner Qek Junior prägt auch heute noch DDR-Treffen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Einige Meter vom Friedel 2 entfernt sitzt wieder Pittiplatsch, nur würde diese kleinkindgroße Version nicht in den Kittelschürze von Daniela Hagen passen. Neben ihm wartete das Sandmännchen im caprigrünen Wartburg 353 auf die Abfahrt – wahrscheinlich zur nächsten Gute- Nacht-Geschichte. Gegenüber unterhält sich Trabant-Enthusiast Roland Ebert mit Freunden über den Zweitakter – mit passendem Trabi-Bier in der Hand. Das DDR-Campingidyll ist an diesem Abend am Birnbaumteich wieder lebendig. Es ist so unbeschwert und leicht – wie es in der DDR nur auf dem Campingplatz sein konnte.