Capricorn 01 Zagato: Hypercar aus Deutschland
Hypercar aus Deutschland – handgeschaltet und brutal stark

V8-Kompressor, 900 PS und eine atemberaubende Karosserie von Zagato. Das ist der neue Hypersportwagen Capricorn 01 Zagato.
Bild: Fabian Hoberg
- Fabian Hoberg
Der Morgen in Meuspath beginnt leise. Die Eifel liegt noch im Dunst versteckt, und wer die Gottlieb-Daimler-Straße entlangfährt, spürt sofort, dass man sich in einer Mischzone befindet: halb Industriegebiet, halb Rennsport-Herzkammer. Zwischen nüchternen Hallen liegt das Capricorn-Hauptquartier, ein moderner Komplex, der eher an ein Labor für Hochenergiephysik erinnert als an ein klassisches Automotive-Unternehmen.
Drinnen herrscht eine andere Temperatur — steril, konzentriert. Im Foyer hängt der Geruch von Harzen und frisch gewalztem Carbon. Hinter Glasfenstern entstehen Bauteile und ganze Chassis. Heute bekommen wir einen Blick auf etwas, das vergangenen Herbst für Raunen sorgte: den Capricorn 01 Zagato, das erste Straßenmodell des Hauses. Ein Hypercar, geboren in der Eifel, veredelt von Zagato in Mailand.

Seit 2006 entwickelt Capricorn direkt am Nürburgring Serienbauteile für Sportwagen, der 01 Zagato ist das erste eigene Modell.
Bild: Fabian Hoberg
Robertino Wild, Gründer und Inhaber von Capricorn, führt uns in die Entwicklungswerkstatt. In der Mitte: der Capricorn 01 Zagato. Die Frontlinie: lang, gespannt, muskulös. Die klassischen Zagato-Kurven wirken wie von Hand gezogen, darunter Capricorn-Engineering – eine Carbon-Struktur, die eher wie ein Skelett aussieht als wie eine Karosserie. Jeder Luftkanal hat sichtbaren Zweck, kein Detail ist nur ästhetisch.
900 PS und Handschaltung
Das Monocoque: federleicht, zäh, technisch belastbar bis zur Arroganz. Darunter ruht das Kraftzentrum: ein 5,2-Liter-V8 mit Kompressor. Die goldfarbenen Wärmeschilde wirken beinahe sakral. Rund 900 PS bei 9000 Umdrehungen und 1000 Newtonmeter Drehmoment soll das Triebwerk leisten. Von 0 auf 100 km/h geht es in unter 3 Sekunden, die Spitze liegt bei 360 km/h, handgeschaltet über ein Fünfgang-Dogleg-Sportgetriebe. Der Ford-Antrieb aus der Nascar-Serie hat bereits eine Trockensumpfschmierung, erhält eine selbst entworfene Ansaugbrücke und einen Kompressor. „Mehr Leistung ergibt aus unserer Sicht keinen Sinn, weil wir ein fahrbares und analoges Auto wollten“, sagt Robertino Wild.
Von Bilstein stammt das Fahrwerk; der 01 Zagato soll auch ohne Fahrstabilisierung gut fahrbar sein. Capricorn verspricht einen Schwerpunkt auf Le-Mans-Renner-Niveau und eine Gewichtsverteilung von nahezu 50:50. Die Bremsen von Brembo verstecken sich hinter 21-Zoll-Rädern. Die Doppelquerlenker im Heck bieten einen schönen Anblick unter der transparenten Motorhaube. Das steife Monocoque nach LMP1-Struktur besteht aus Carbon, ebenso wie die Karosserie und rund ein Drittel des gesamten Autos. Der dezente Heckspoiler ist kaum zu erkennen, dafür aber der mächtige Diffusor ein Stockwerk darunter.

Mehr Kunst als pure Technik: Die Auspuffanlage erinnert an die verschlungenen Hörner eines Steinbocks.
Bild: Fabian Hoberg
Mit leisem Zischen öffnet sich die Flügeltür, gibt den kargen Innenraum frei. Lederbezogene Sportsitze, Lenkrad, Schalthebel.
Das war’s. Keine Displays in Tabletgröße, keine wuchernde Elektronik. Stattdessen: Rundinstrumente mit feinen Zifferblättern, weiches Connolly-Leder. Auf ein Infotainment-System und Airbags müssen Passagiere verzichten – Vierpunktgurte und feste Sitzschalen sorgen für Rückhalt. Dafür lassen sich Pedalerie, Lenkradeinheit und Schalthebel um acht Zentimeter verschieben. Kunden können zwischen verschiedenen Ledersorten, Farben, Kurbel- oder Schiebefenstern wählen, dazu Räder mit Zentralverschluss aus Carbon oder Aluminium. Der Capricorn 01 Zagato soll auch im Alltag zurechtkommen: 110 Liter Stauraum, ABS, Vier-Wege-Lift-System, Rückfahrkamera und Klimaanlage.
Vom Zulieferer zum Hypercar-Bauer
Dazu muss man wissen: Capricorn arbeitet mit seinen rund 500 Mitarbeitern an mehreren Standorten seit Jahrzehnten als Entwicklungsdienstleister und Carbon-Produzent. Das KERS-System für Mercedes stammt ebenso von Capricorn wie das HANS-System für Schroth, die Struktur des LMP1-Renners Porsche 919 und der halbe VW Race-Touareg, der dreimal die Rallye Dakar gewann. Dächer, Fronthauben und Heckspoiler des Porsche 911 GT3 kommen aus der Eifel, ebenso wie Komponenten für Bugatti, Audi R8, Rennwagen-Chassis oder Kurbelwellen für verschiedene Rennställe. „Unsere Kernkompetenz liegt im Leichtbau, speziell für den Motorsport“, sagt Robertino Wild. Auch er kein Unbekannter in der Szene: 2014 kaufte er den insolventen Nürburgring, verkaufte ihn wenig später wieder.

Dezentes Interieur: keine Displays in Tabletgröße, stattdessen Rundinstrumente mit feinen Zifferblättern, Connolly-Leder, das sich wie ein Handschuh anfühlt.
Bild: Fabian Hoberg
Seit 2006 entwickelt das Unternehmen am Nürburgring Bauteile für Sportwagen. Als 2018 mehrere Kunden nach einem Kohlefaser-Chassis fragten, entwickelte das Unternehmen eine Carbon-Fahrzeugplattform als Chassis für Supersportwagen. Und so langsam reifte dann die Idee nach einem eigenen Modell in limitierter Kleinserie.
Zusammenarbeit mit Zagato
Ende 2022 spricht Robertino Wild mit seinem Weggefährten Andrea Zagato und bittet ihn, eine Karosserie für einen Hypersportwagen zu gestalten. „Wir wollten ein schönes Auto entwerfen, und dafür sind die Entwürfe von Zagato bekannt“, erklärt Robertino Wild. Ein Getriebener: Er gründet mit 18 Jahren seine Werkstatt und 1984 das Unternehmen Capricorn – die internationale Bezeichnung für Steinbock, sein Sternzeichen. Klar, dass das Tier auch im Capricorn 01 Zagato zu erkennen ist – oder sieht die Auspuffanlage nicht wie die verschlungenen Hörner eines Steinbocks aus?
Capricorn entwickelt und produziert die Carbon-Karosserie, fertigt Leichtbauteile fürs Fahrwerk, entwickelt den Rennmotor auf Basis eines Ford-V8. Am Nürburgring mit seinen rund 120 Mitarbeitern entstehen Werkzeuge und Kohlefaser-Leichtbaukomponenten, in Mönchengladbach das Fahrzeug. Heraus kommt ein sportliches Coupé mit einem Gewicht von unter 1200 Kilogramm. Ein Auto sei eben immer nur so gut wie das Gewicht, das es nicht hat.

Das extrem sportliche Coupé mit Flügeltüren und einem dezenten Design soll unter 1200 Kilogramm wiegen.
Bild: Fabian Hoberg
Nur 19 Exemplare sollen entstehen, jedes zum Preis von 2,95 Millionen Euro. Ohne Steuer. Warum 19 Fahrzeuge? Zagato wurde 1919 gegründet, und von vielen Zagato-Kleinserien gibt es nur 19 Fahrzeuge. 75 Autofans haben Interesse bekundet, die Hälfte ist verkauft. Aber auch wenn das Auto bald ausverkauft sein sollte, steht schon das zweite Modell fest: ein Spider. Offen. Und extrem. Ein italienisches Kleid, ein amerikanisches Herz und eine Seele, die den Nürburgring zwar riecht, aber nicht braucht, um richtig ernst genommen zu werden.
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