Wer sich heute einen nagelneuen Ford Ka kauft, bekommt für sein Auto in acht Jahren keinen Sprit mehr. Glauben Sie nicht? Ist auch kaum zu glauben. Aber das geht aus der "Roadmap Biokraftstoffe" hervor, einem Strategiepapier von Gesetzgeber, Autoherstellern und Ölindustrie. Es enthält "Maßnahmen, die zur Steigerung des Biokraftstoffanteils" erforderlich sind. Die bringen dem Autobesitzer zunächst höhere Kosten – und legen ab 2016 ganze Modellreihen lahm. Im Jahr 2006 brachte die Regierung das Biokraftstoffquotengesetz auf den Weg. Es regelt, wie viel des verkauften Sprits biogenen Ursprungs sein muss. Weil die Beimischquoten jedes Jahr ansteigen, mussten jetzt die Kraftstoffnormen geändert werden. Künftig sollen Normal und Super zehn (E10) statt bisher fünf Prozent (E5) Alkohol beigemischt werden dürfen. Weil aber nicht alle Motoren das aggressive Ethanol vertragen, soll eine Kraftstoffsorte weiterhin nur fünf Prozent Ethanol enthalten. Dumm nur, dass es ausgerechnet das teure Super plus ist – und laut Roadmap als Fünf-Prozent-Mischung ab 2016 ganz verschwinden soll.

Viele Fahrer müssen auf ein neues Auto sparen

Vielleicht ist die ganze Aufregung ja überflüssig. Die entscheidende Frage ist: Wie gefährlich ist der höhere Ethanolanteil für Pumpen und Leitungen? Doch mit klaren Aussagen dazu tun sich die Hersteller schwer. Zwar erteilten sie für einen Großteil des Autobestandes kurzfristig Freigaben (siehe Tabelle). Doch viele Fahrer älterer Autos, die häufig aus finanziellen Gründen in einem solchen Typ sitzen, wissen schon jetzt: Sie müssen künftig Super plus tanken – und auf ein neues Auto sparen. Und ob die vom Verband der Automobilhersteller (VDA) genannten 375.000 Fälle stimmen, ist ebenfalls ungewiss. Von den Herstellern kann diese Zahl kaum stammen. Denn die tappen bei weiteren Freigaben noch im Dunkeln. Den besten Beweis dafür liefert BMW: Mitte Januar verkünden die Münchener, dass ab Baujahr 1998 keinerlei Bedenken bei der Verwendung von E10 bestünden. Eine Woche später waren auf einmal nahezu alle Modelle E10-tauglich, die jemals vom Band liefen. Die Faxantwort auf eine Testanfrage bei der BMW-Hotline Anfang Februar zog die Freigabegrenze wieder im Januar 1998.

Zusätzliche Verwirrung stiftet die Kundenhotline

Roland Niederlich
Bild: Angelika Emmerling
Ja, was denn nun? Der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) und VDA sehen die aktuelle Verwirrung gelassen: "Wenn es einen Markt für einen Kraftstoff gibt, dann wird ein Anbieter diesen bedienen", so der Sprecher einer Tankstellenkette. Doch eine Spritsorte, die an nur 1000 Säulen angeboten wird, wie es die Roadmap vorsieht, hat wegen geringerer Absatzmenge höhere Logistik- und Produktionskosten. Und die zahlt der Kunde. Er muss – denn sonst machen die Multis das, was Aral mit dem wenig lukrativen Normal vorhat: den Preis heben – und kurze Zeit später mangels Nachfrage aus dem Sortiment nehmen. Auch Fahrer von E10-sicheren Autos zahlen in Kürze drauf. Weil "der Energiegehalt von Ethanol geringer ist, steigt der Kraftstoffverbrauch zwangsweise", sagt Motorenexperte Prof. Dr. Fritz Indra. Der MWV geht von sechs Cent Mehrkosten pro Liter aus. In einigen Jahren kommen die Hersteller womöglich zur Erkenntnis, dass auch 15 Prozent Alkohol im Tank nicht schaden – nämlich dann, wenn die Normen für noch höhere Beimischungen erneut geändert werden müssen.

Kommentar von AUTO BILD-Redakteur Roland Niederlich

Verwirrung total, Vertrauen dahin – die Lage ist absurd: Der Staat zwingt die Ölmultis zu mehr Ethanol im Benzin, das importiert werden muss. Die Spritmischer nutzen die Verwirrung, um sich vom ertragsarmen Normal zu trennen. Und die Hersteller sind von alledem überrascht, verheddern sich in Widersprüchen – und entdecken am Ende doch, wie gut ihre Motoren Alkohol vertragen. Die Verwirrung ist total, das Vertrauen ist hin. Soll das die Zukunft sein?

Kurzinterview mit Prof. Dr. Fritz Indra, TU Wien

"Mehr Verschleiß durch Ethanol"

Prof. Dr. Fritz Indra
Bild: Werk
AUTO BILD: Worauf ist bei der Entwicklung von Motoren zu achten, die mit Ethanol oder einer Ethanol-Mischung laufen sollen? Prof. Dr. Fritz Indra: Ethanol hat eine korrosive Wirkung. Alle Materialien müssen dieser Eigenschaft angepasst sein. An den Ventilsitzen und sogar hinter den Ventilsitzringen ist mit höherem Verschleiß zu rechnen. Wie schnell können sich Schäden durch zu hohen Ethanolanteil im Kraftstoff ergeben? Das lässt sich nur mit umfangreichen und aufwendigen Dauerversuchen ermitteln. Da sind die jeweiligen Motorenhersteller in der Pflicht. Warum tun sich die Hersteller so schwer mit klaren Aussagen, korrigieren sie mehrfach? Die meisten Hersteller stecken mitten in den Untersuchungen. Bringen diese neue Erkenntnisse, müssen bereits gemachte Aussagen korrigiert werden. Was können ethanolhaltige Kraftstoffe noch bewirken? Ist das wegen des Verschleißes erhöhte Ventilspiel zu groß, können sich auch die Abgaswerte ändern. Einen damit verbundenen Rückruf wollen die Hersteller natürlich vermeiden.