Chevrolet Corvette: Reportage Fertigung
Corvette: So wird das legendäre US Muscle Car gefertigt

Seit 1981 baut Chevrolet die Corvette in einer eigenen Fabrik in Kentucky. Wir waren in Bowling Green und durften einen Blick ins Innere wagen.
Bild: Corvette-Werk Bowling Green
Frühsommer in Kentucky, Zeit für das volle Programm Corvette. Bowling Green selbst ist mit etwas über 70.000 Einwohnern schon für deutsche Verhältnisse keine großer Ort, im US-Maßstab gesehen also beinahe ein Dorf – und dennoch die drittgrößte Stadt im Bundesstaat Kentucky. Das zeigt eindrucksvoll: Neben Höhlen und Whiskey-Brennereien gibt es hier nicht viel. Na gut, die Bowling Green Assembly Plant eben, in der seit 1981 Amerikas ganzer Sportwagen-Stolz zusammengeschraubt wird. Pünktlich zum Übergang von der dritten auf die vierte Generation wurde das beinahe einen Quadratkilometer große Werk in Betrieb genommen.

Neben den Corvette-Motoren werden hier auch die Kompressor-Triebwerke für Cadillacs CT5-V Blackwing gefertigt.
Bild: Corvette-Werk Bowling Green
Knapp 1400 Mitarbeiter bauen hier die Stingray- und Z06-Versionen der C8 im Zweischichtbetrieb auf ein und derselben Produktionslinie und je nach Auftragseingang mehr oder weniger wild durcheinander. Pro Schicht entstehen zwischen 93 und 95 neue Corvette – je nachdem, wie reibungslos die Produktion vonstattengeht, denn mit viereinhalb Minuten ist der Taktzyklus der einzelnen Fertigungsstationen für einen Sportwagen extrem knapp bemessen. Chevy produziert eben Großserie – auch bei seinem Topmodell. Kleiner Vergleich: Im Lamborghini-Werk in Sant’Agata Bolognese können sich die Arbeiter während der Urus-Produktion pro Arbeitstakt satte 22 Minuten länger Zeit lassen.
Moderne Fabrik für die US-Legende
Die eigentliche Fertigung beginnt wie so oft inmitten der Produktionslinie, die auch in der Neuen Welt wie ein U aufgebaut ist. In deren Zentrum werden Großteile, wie etwa der Instrumententräger oder diverse Fahrwerkskomponenten, vorgefertigt, damit sie später in einem Stück im Fahrzeug verbaut werden können.
Der "Rohling" kommt aus dem hauseigenen Bodyshop: das Chassis der C8. Mit ihm beginnt die Fertigung am Band. Der Hinterwagen von Stingray und Z06 ist fertigungsseitig identisch, nur bei der vorderen Aufhängungskonstruktion gibt es Unterschiede. Hier kommt auch der optionale Frontlift ans Auto, mit dem sich der Vorderwagen um 35 Millimeter anheben lässt. Mit einer take-rate von rund 60 Prozent ein beliebtes Extra – verständlich vor allem bei den teils schauderhaften Straßenverhältnissen in den USA.
Etwa in diesem Fertigungsstatus kommt auch das Herz in die Corvette: der mächtige V8. Allerdings wird nur der LT6 genannte Flatplane-Vierventiler hier im Werk gebaut, der 6,2-Liter-V8 namens LT2 entsteht im Werk Tonawanda nördlich von Buffalo, New York, und wird fertig angeliefert. Für den LT6 hat Chevrolet das Performance Build Center geschaffen, in dem rund 25 Spezialisten pro Tag je zwei Motoren per Hand bauen. Dabei stellt das Flatplane-Team zum Beispiel den Ventiltrieb über 33 verschieden breite Spacer auf eine Toleranz von 50 Micron genau ein. Das entspricht in etwa dem halben Durchmesser eines menschlichen Haars. Für Corvette-Verhältnisse sind Aufwand und Komplexität enorm, schließlich haben sich die Ventile verdoppelt, die Nockenwellen sogar vervierfacht. Interessantes Detail: Das komplette Auto wird in Millimetern und Newtonmetern zusammengebaut und wurde auch metrisch entwickelt, nicht etwa im imperialen System, wie es in den USA unsinnigerweise ja nach wie vor üblich ist. Wenn sich ein Maß am anderen orientieren muss, hat sich das dezimale Konzept eben doch als recht praxistauglich erwiesen – das sehen ganz heimlich sogar die Amerikaner so.
3D-Puzzle mit mächtig Power
Ist alles an seinem Platz, werden Chassis und Body auch schon vermählt. Hierfür hält je ein Mitarbeiter pro Ecke die Feder-Dämpfer-Einheit im richtigen Winkel, damit sich nichts verkantet. Und schon sieht das Ganze viel mehr wie ein echtes Auto aus. Nach dem Antriebsstrang wird das Kühlerpaket montiert und verbunden. Deren fünf hat die Corvette rund ums Auto verteilt. Nun fehlen nur noch ein paar Karosseriepaneele, dann nähert sich die C8 ihrem finalen Erscheinungsbild. Diese werden einfach aufgeclipst und schließlich mit Verschraubungen gesichert. Ein produktionstechnisch pragmatisches Prinzip, das dem Kunden im Schadensfall aber auch Werkstattkosten spart. Nun kommen die extern gefertigten und just in time angelieferten Sitze ins Auto. Eine besondere Herausforderung aus logistischer Sicht, denn sie werden wie gesagt extern gefertigt, der Armaturenträger im Werk. Im Optimalfall sollten beide zusammenpassen. Hat bei unserem Besuch auch bei jedem Auto funktioniert.

Hier zeigt uns Naveen noch mal ganz genau, auf welche Art von Fehlern die Endkontrolleure beim Lack-Finish achten.
Bild: Corvette-Werk Bowling Green
Falls allerdings doch einmal was nicht passen sollte – zum Beispiel ein Seitenteil in der notwendigen Farbe nicht vor Ort ist –, wird nicht etwa das Band angehalten, die Arbeiter montieren einfach einen Platzhalter in x-beliebiger Farbe, mit dem der Rest des Autos schon mal auf Maß gebracht wird, bis das gesuchte Teil schließlich verbaut werden kann. Und auch für größere Unwägbarkeiten hat GM vorgesorgt und zwei sogenannte Pufferschleifen in die Produktion eingebaut, mit denen kurze Ausfälle überbrückt werden können.

Über ein Fließband kommen die Räder an die Station, mit einem Fünffach-Schlagschrauber werden sie fixiert.
Bild: Corvette-Werk Bowling Green
Bevor die neue Corvette erstmals auf den eigenen Rädern steht, müssen diese noch montiert werden. Hierfür werden die Radsätze an einem eigenen Takt über ein Fließbandsystem von oben zum Mitarbeiter hinunterbefördert, der die Rad-Reifen-Kombination mit einem eigens konstruierten Fünffach-Schlagschrauber montiert. Interessantes Detail: Wenn das Auto noch auf der Linie ist, werden die Anfasspunkte so justiert, dass die Verwindung im Auto der späteren auf der Straße entspricht. Sonst müsste man die Karosseriebleche – ups, nix Blech … glasfaserverstärkter Kunststoff – im Nachhinein noch ein zweites Mal feinjustieren. Hier arbeitet GM übrigens mit einem Millimeter Spaltmaß bei starren Stoßkanten und deren drei bei Türen und Hauben. Alles plus/minus einem halben Millimeter Toleranz.
Verbotene Zone
Den faszinierendsten Teil der Fertigung durfte unser Fotograf allerdings nicht mit seiner Kamera festhalten: die Lackierstraße. Auch hier hat die GFK-Karosserie ihre Eigenheiten, verträgt beim "Backen" etwa nicht so viel Hitze wie eine konventionelle Karosserie. Zudem muss die Oberfläche speziell angeschliffen werden. Das erledigt eine weltweit einzigartige Roboter-Schleifanlage, die die Karosserie im Grunde wie eine Waschanlage computergesteuert abtastet – nur eben um Welten präziser. Das geht sogar so weit, dass die Roboter-Arme selbsttätig das Schleifpapier wechseln. Auch der Farbauftrag erfolgt computergesteuert und mit einer Unterflur- Absauganlage. Die sorgt auch dafür, dass verschiedenfarbige Autos in einem Abstand von nur etwa drei Metern hintereinander durch die Kabine fahren können, ohne dass ein Farbnebel vom Vorgänger die nächste Corvette verunreinigt. Selbst ein weißes Auto direkt nach einem schwarzen ist kein Problem. Und noch ein finaler Trick: Bei Metallicfarben mischt Chevy ein bisschen was von der Grundfarbe in den Klarlack. So bekommt das Resultat noch mehr Tiefe.

Spät auf der Fertigungsstraße kommen die vorproduzierten Sitze ins Auto – natürlich computergesteuert angeliefert.
Bild: Corvette-Werk Bowling Green
Und falls Sie jetzt Lust bekommen haben: Ja, auch Touristen können das Werk besichtigen. Voranmeldungen nimmt das National Corvette Museum auf der anderen Seite des Highways an, dem Sie im Anschluss unbedingt ebenfalls einen Besuch abstatten sollten. Und wer weiß: Vielleicht reichen Zeit und Budget ja sogar für ein paar schnelle Runden mit einer geliehenen Corvette auf dem anliegenden NCM Motorsports Park. Bowling Green mag zwar im Vergleich ein Dorf sein, aber nirgends sonst wird für Corvette-Fans mehr geboten als hier.
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