Im Prinzip sind wir von AUTOBILD.de ja kein bisschen besser als Sie! Mehr noch: Wir sind wahrscheinlich sogar viel schlimmer. Kaum werfen die Highlights des Jahres erste Schatten voraus, blättern wir uns die Finger wund, durchforsten die hintersten Ecken des weltweiten Webs und penetrieren unsere Presse-Kontakte mit Fragen, die man besser erst in einigen Monaten stellen sollte. So exzessiv wie der neuen Corvette Z06 haben jedoch selbst wir nur selten einer Neuheit hinterhergegoogelt. Weshalb?

An Vorschusslorbeeren mangelte es der Z06 nicht

Weil das, was aus Übersee an Infos herüberschwappte, sich fast schon zu schön las, um wahr zu sein. Die US-Kollegen überschlugen sich regelrecht mit Lobeshymnen; manche schrieben von einem neuen Sportwagen-Maßstab, andere davon, dass Chevrolet alle auch nur erdenklichen Register gezogen hätte, während neben aller Euphorie und teils höchst amtlichen Rundenzeiten auch bekannte Krankheitsbilder durchsickerten; Hitzekollaps nach drei schnellen Runden etwa oder giftige Hinterachs-Sperenzchen, die noch den wahren Mann hinterm Lenkrad fordern. Kurzum: Dass hier etwas richtig Heftiges auf uns zukommen würde, war nach all den Klicks irgendwann schon klar; was am Sachsenring dann allerdings tatsächlich passieren sollte, damit hatten wir nicht gerechnet …

Zusammenkunft der Sportwagen-Dekadenz

Chevrolet Corvette Z06
Der Sachsenrings gehört der Z06, die durch die Sektoren wütet, als wäre sie vom Teufel besessen.
Bild: Ronald Sassen
Chevrolet Corvette Z06 Doch der Reihe nach: Antriebsseitig knöpft die neue Z06 erst einmal dort an, wo die letzte ZR1 aufgehört hat. Statt des kolossalen Siebenliter-Giganten von einst wütet nun ein nochmals machtvollerer, weil kompressorgeladener 6,2-Liter-V8 im Bug. 659 PS und 881 Newtonmeter schmiedet das neuentwickelte Eisen, das trotz ähnlicher Eckdaten kaum etwas mit dem einstigen ZR1-Monument gemein hat: Der V8 baut kompakter und leichter, spritzt Treibstoff nun direkt in die Brennräume und legt fürs Norm-Gewissen kurzerhand vier seiner acht Töpfe ins Wachkoma. Viel wichtiger jedoch: der neue, wesentlich flinkere Verdichter, der das Ansprechverhalten deutlich anschärft, sodass man – wenn das raue Sirren unter Volllast nicht wäre – nun fast meinen könnte, die Apokalypse würde aus reinem Hubraum hervorgehen.
McLaren 650S Spider
Der McLaren setzt auf einen V8-Biturbo mit 650 PS und rennt 329 km/h schnell.
Bild: Ronald Sassen
McLaren 650S Spider Den 659 Gäulen des Amis stehen 650 britische Rösser gegenüber. Angetrieben wird jeweils von hinten, geregelt über mehrstufige Traktionssysteme, während sich das Handling hüben wie drüben in verschiedenen Schärfegraden feinjustieren lässt. Der entscheidende Unterschied liegt in der konzeptionellen Ausrichtung. Hubraum-Kaliber nach klassischer Prägung auf der einen, technologisches Perfektionsinstrument auf der anderen Seite. Doch obwohl sich der McLaren anatomisch und preislich deutlich exklusiver platziert, ist er auf den ersten Metern tatsächlich das deutlich nahbarere Vergnügen.Man sitzt luftiger in ergonomisch perfektem Ambiente, die Zehenspitzen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Vorderachse; zur Rechten funkelt der gecleante Carbonträger mit Fahrdynamikreglern aus Aluminium, zur Linken reiht sich eine Klimaregelung auf, die logischer kaum sein könnte, während Doppelkuppler und Kurzhuber sanft in den Verkehrsfluss schleifen. Lupenreiner Abrollkomfort, minimale Bedienkräfte; im Hintergrund schnorcheln die Lader einen Hauch von Überdruck zusammen, vorn winkelt eine unglaublich leichtgängige Lenkung die Radien.

Fazit

von Manuel Iglisch
Schnellstes Serienauto am Sachsenring, neuer Spitzenreiter im Performance-Index, Schub bis zur nBesinnungslosigkeit, Querkraft bis zum Abwinke(l)n – die neue Z06 setzt nicht einfach nur ein Ausrufezeichen, sie fährt das gesamte Sportwagen-Establishment regelrecht in Grund und Boden! Wobei all diese Dominanz auch nicht von ungefähr kommt. Mit ihrem Z07-Paket avanciert die Corvette zwar zum ultimativen Tracktool, doch sie mutiert dabei derart heftig, dass von einem Straßenauto eigentlich kaum noch etwas übrig bleibt! Und so strahlt der McLaren trotz seiner langsameren Runde kaum weniger hell. Er funktioniert überall, bleibt geradeaus eine Macht und versprüht im Handling kaum weniger Schärfe, sodass ihm am Ende nicht seine Anlagen, sondern eher seine mildere Philosophie Platz zwei beschert.