Die Corvette ZR1 bekommt zu ihrem Hammer-V8 jetzt auch noch eine E-Maschine und wird so vollends zum neuen Helden unter den Hypercars. Ein Fahrbericht!
Ein Punch wie ein Dampfhammer, ein Sound wie eine Hardrock-Band und eine Beschleunigung wie ein Düsenjäger – auf den ersten Metern ist auch in der Corvette ZR1X alles wie immer in der Top-Version des amerikanischen Sportwagens Nummer eins: Das Kleinhirn klebt nach dem Kick-down irgendwo am Hinterkopf, die Ohren klingeln vom Krach des V8-Motors direkt in deinem Nacken, die Hände krallen sich in Panik ans Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortreten. Und das bisschen, das vom Verstand noch geblieben ist, kann die Bilderflut von draußen kaum verarbeiten, so schnell wischt die Landschaft vorbei.
* Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und zu den offiziellen spezifischen CO2-Emissionen und gegebenenfalls zum Stromverbrauch neuer Pkw können dem "Leitfaden über den offiziellen Kraftstoffverbrauch" entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der "Deutschen Automobil Treuhand GmbH" unentgeltlich erhältlich ist www.dat.de.
Autobewertung
ANZEIGE
Wie viel ist mein Auto wert? Kostenlose Autobewertung
Doch kurz bevor du auf Kollisionskurs mit dem Horizont gehst, merkst du, dass hier etwas anders ist. Dass diese Corvette noch schneller beschleunigt als üblich, kannst du nachher allenfalls nachlesen und später damit angeben, dass du den Unterschied zwischen ZR1 und ZR1X – also jene zwei Zehntel zwischen 2,2 und 2,0 Sekunden für den amerikanischen Standardsprint – selbstverständlich im Popometer hast.
Aggressive Aerodynamik, breite Michelin-Cup-Reifen und über 1200 PS machen die ZR1X zur stärksten Serien-Corvette aller Zeiten.
Bild: Chevrolet
Ob man's dir glauben wird? Geschenkt. Denn man braucht nicht die Sensorik eines Lewis Hamilton oder Max Verstappen, um spätestens am Ende der Geraden zu merken, wofür das X im Namen dieses Überfliegers steht. Denn wo du früher allen Mut zusammennehmen musstest, um noch irgendwie die Kurve zu kratzen, hat diese Corvette den Bogen jetzt gar vollends von alleine raus und kommt gar nicht erst in die Gefahrenzone.
Dann plötzlich spürst du, mehr noch als beim Beschleunigen, die segensreiche Kraft des E-Motors, der sich die 275/30er-Reifen auf der Vorderachse packt und den Donnerkeil aus voller Fahrt in einen Bogen treibt, wie ihn ein Kunstflugpilot im Sturzflug kurz vor dem Einschlag macht.
Einfach nur Performance und Präzision
Und so, wie das Publikum bei der Flugschau atemlos staunt, so versteht auch der Fahrer plötzlich die Welt nicht mehr. Kein Luftanhalten, keine quietschenden Reifen, keine Nervosität – einfach nur Performance und Präzision. Und das bei einer Corvette? Dem Holzhammer unter den Sportwagen?
Ja, seit sie in Detroit auf das Mittelmotor-Konzept umgestiegen sind, hat die Corvette vielleicht ein bisschen was von ihrer amerikanischen Hemdsärmeligkeit verloren, dafür aber ganz viel Seriosität gewonnen.
Und seit sie vor einem Jahr die ZR1 mit dem bis dato stärksten V8-Motor in der GM-Historie – ach, in ganz Detroit – gebracht haben, sind sie auch in Maranello, Sant'Agata, Gaydon und Zuffenhausen auf der Hut.
Doch jetzt, wo Captain America auch noch auf den Faktor X setzt, fährt sie gar vollends in der ersten Liga mit. Autos wie der Ferrari Testarossa, der Lamborghini Temerario oder der Aston Martin Valhalla sind plötzlich keine fernen Idole mehr, sondern erschreckend greifbar geworden. Und es entscheidet jetzt eher das Talent des Fahrers als die Technik des Autos, ob es nach Italien geht, nach England oder in die USA.
Elektro-Power statt grünes Gewissen
Dafür mussten die Amerikaner allerdings weit über ihren Schatten springen. Denn mit Elektromobilität haben sie in Detroit schon immer gefremdelt. Und seit Donald Trump den Ton angibt und alle Subventionen zusammenstreicht, will von Vitamin E erst recht keiner mehr etwas wissen.
Aus dem brutalen Geradeaus-Beschleuniger wird ein Präzisionswerkzeug: Der elektrische Allradantrieb sorgt für deutlich mehr Traktion in schnellen Kurven.
Bild: T. Geiger
Es sei denn, es dient nicht der Effizienz, sondern der Performance – denn dann sind den Jungs bei Chevy schließlich alle Mittel recht.
Deshalb haben sie erst die Corvette E-Ray entwickelt, die es auch bei uns zu kaufen gibt und die Alltagstauglichkeit der Corvette dank Allradantrieb noch einmal deutlich steigert. Und dann haben sie diese Elektrotechnik einfach der ZR1 eingepflanzt.
Der E-Motor wird zur Geheimwaffe
Auf dem Papier addieren sich die 1079 PS des Achtzylinders und die 189 PS der E-Maschine zu 1250 PS und machen die Corvette zum stärksten Serienauto aus amerikanischer Produktion. Außerdem schafft sie die Viertelmeile dank ihrer irrwitzigen 1320 Nm in unter 9,0 Sekunden und ist damit ebenfalls unerreicht. Aber in der Praxis stößt das Auto damit noch einmal in eine andere Liga vor.
Der elektrische Allrad wird zur Geheimwaffe dieses Kraftpakets. Wo früher die Hinterräder beim beherzten Tritt aufs Fahrpedal um Gnade winselten, katapultiert dich der Wagen jetzt mit vier angetriebenen Rädern förmlich aus der Kurve. Der balanciert auf der Ideallinie wie eine Turnerin auf dem Schwebebalken, klebt mit seinen Michelin-Cup-Pneus förmlich am Asphalt und lässt sich beim Herausbeschleunigen nicht aus der Ruhe bringen.
Wo andere Muscle Cars vor allem auf der Geraden glänzen, entwickelt die Corvette mehr denn je eine erstaunliche Präzision. Die Elektronik sortiert die Kraft im Hintergrund, während der Fahrer vorneweg stürmt – mit dem beruhigenden Gefühl, dass immer noch ein paar Reserven übrig sind.
Hypercar-Fahrleistungen zum vergleichsweise günstigen Preis: In den USA startet die Corvette ZR1X bei rund 210.000 Dollar.
Bild: T. Geiger
Dafür nimmt man die rund zwei Zentner mehr gerne in Kauf. Denn wenn überhaupt, spürt man die im Kopf und nicht in den Kurven.
Und anders als ihre europäischen Konkurrenten versuchen die Amerikaner gar nicht erst, sich mit der Elektrotechnik auch noch ein grünes Feigenblatt umzuhängen. Die Corvette hat deshalb weder einen Stecker, noch kann sie auch nur einen einzigen Meter rein elektrisch fahren.
Warum auch sollte man diesem Orchester den Ton abdrehen, wenn man die schärfste Sound-Maschine aus Motown im Nacken hat? Außerdem bräuchte es dafür schließlich mehr Akku als die 1,9 kWh, ein Ladekabel und eine Steckdose, für die im knappen Carbonkleid auch kein Platz gewesen wäre. Vom überschüssigen Gewicht ganz zu schweigen.
Das investieren sie in Detroit dann schon lieber in ein noch aggressiveres Design und noch dickere Spoiler, mit denen die Corvette der Konkurrenz nicht nur in der Boxengasse das Fürchten lehrt, sondern auch auf dem Boulevard.
Hypercar-Leistung zum Kampfpreis
Die Corvette hat sich aber nicht nur beim Fahren verändert, sondern der erste Schock trifft dich schon beim Händler. Als Amerikaner, weil die ZR1X sackteuer ist. Schließlich sind 209.700 Dollar oder umgerechnet etwa 180.000 Euro mal eben mehr als das Doppelte des Grundpreises – und da sind die Extras noch gar nicht dabei.
Und als Europäer, weil selbst die Corvette ein Schnäppchen unter den Supersportwagen bleibt. Schließlich bekommst du für dieses Geld einen Lamborghini oder Ferrari erst nach vielen Jahren als Gebrauchtwagen.
Kein Wunder, dass sie in Maranello und Sant'Agata wahrscheinlich jeden Tag feiern, den sich die Amerikaner länger für den Export bitten lassen. Aber allzu lange darf es nicht mehr dauern, wenn sie noch ein paar Autos übers Meer schicken wollen. Schließlich laufen im Hintergrund bereits mit Hochdruck die Arbeiten am Nachfolger.
Von wegen, Elektroantrieb hat bei einem Sportwagen nichts zu suchen. Wenn man ihn mit einem V8-Biturbo zusammenspannt und das Ganze in eine Corvette packt, sieht die Sache schon anders aus. Bei der Performance schließt Amerikas Sportwagen Nummer eins sogar vollends zur europäischen Elite auf – und bleibt selbst mit ihrem schwindelerregenden Preis ein Schnäppchen.