Denza D9: Mitfahrt im elektrischen China-Van
Im luxuriösen Denza D9 durch die chinesische Nacht

Wer im Denza D9 durch die chinesische Nacht fährt, der erlebt wahren Luxus und schindet mächtig Eindruck. Luxus-Vans fahren in China voll im Trend!
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Es ist sieben Uhr in Shenzhen, und die südchinesische Wirtschaftsmetropole macht sich bereit für einen entspannten Feierabend: Überall aus den Banken- und Bürotürmen strömt die Elite der Entscheider nach draußen und drängt an die Theken und Tische. Und weil die Wege weit sind in der 18-Millionen-Metropole, stehen dafür Tausende Limousinen bereit.
Im dichten Konvoi streben sie zum Beispiel raus nach Yantian in den Hafen, wo in Dutzenden Restaurants riesige Aquarien mit den frischesten Meeresfrüchten warten. Von diesem Nobel-Nahverkehr leben Marken wie Mercedes und deren Luxustochter Maybach nicht schlecht. Und auch die Dichte an Bentley und Rolls-Royce ist hier in der drittgrößten Stadt Chinas hoch. Doch den Ton gibt hier eine Fahrzeuggattung an, die bei uns im Westen fast schon wieder ausgestorben ist: der Van.
In Amerika der Pampersbomber schlechthin und bei uns allenfalls noch ein XXL-Taxi, ist Raum in den überbevölkerten asiatischen Städten der wahre Luxus; die Großraumlimousinen sind deshalb für die gestressten Manager tatsächlich das Größte.

Der Denza DS9 entstammt einer Kooperation von BYD und Mercedes und ist – anders als der elektrische Erstling auf Basis der B-Klasse – ein absolutes Erfolgsmodell.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Und kaum ein Auto trifft den Geschmack der Geschäftsleute derzeit besser als der Denza D9. Die Marke wurde vor bald 15 Jahren als 50:50-Joint-Venture von Daimler und BYD gegründet und war mit einer umgebauten Elektro-B-Klasse nur mäßig erfolgreich. In zehn Jahren wurden keine 30.000 Autos verkauft. Aber mittlerweile haben die Chinesen mit 90 Prozent den größten Anteil und das Blatt gewendet.
Pro Monat werden mehr als 10.000 Denza D9 ausgeliefert
Seit im Sommer 2022 der D9 auf den Markt kam, weisen die Kurven steil nach oben. Schon in den ersten 30 Minuten nach Angebotstart wurden 3000 Autos bestellt, es gibt angeblich über 70.000 Interessenten, und jeden Monat werden mehr als 10.000 Autos ausgeliefert. Mercedes schafft mit der V-Klasse in China kaum mehr als ein Zehntel.
Und man kann es verstehen: Wenn der 5,25 Meter lange Van mit seinem beleuchteten Nadelstreifengrill und den roten LED-Lanzen am Heck durch die neonfunkelnde Nacht von Yiantian gleitet wie ein Space Shuttle im Smoking, dann wirkt eine Mercedes S-Klasse ziemlich banal.

Wellness statt Wartezeit: Auf den beiden Captain Chairs liegt man so bequem, dass der Stau gar nicht lang genug sein kann.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Weil der internationale Führerschein in China nicht gilt, bleibt mir der Platz hinter dem Lenkrad verwehrt. Aber der Chauffeur hat in China ohnehin nicht viel zu lachen: Die Stadt ist dicht, draußen auf der Autobahn gilt Tempo 80 oder ausnahmsweise mal 100, und jeder Meter ist mit Kameras gespickt. Und damit er nur ja nicht in eine der Radarfallen tappt, piept, blinkt und bimmelt ständig eines der vielen Assistenzsysteme.
Purer Luxus im Fond
Also steige ich lieber erhobenen Hauptes durch die riesige Schiebetür in den Fond und lasse mich in einen der beiden mächtigen Captain Chairs fallen, die den Raum füllen und kaum mehr Platz für die kleine Dreierbank im Fond lassen, die nur als Notsitz oder besser als Garderobe dient.
Auf dem Tablet in der Armlehne stelle ich schnell noch die Massage und die Klimatisierung ein, stecke das Smartphone zum kabellosen Laden auf Kniehöhe in eine eigene Tasche, tauche die mit weichem Leder und dickem Teppich ausgeschlagene Kabine in buntes Ambientelicht und greife mir ein Kaltgetränk aus dem elektrisch aufsurrenden Barfach.

Das lieben die Chinesen: Bildschirme groß wie Tablets, Lack und Leder und sogar Kristallglas-Imitat auf dem Wählhebel.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Während auf den beiden Bildschirmen am Vordersitz internationale Videos streamen und ich die beiden integrierten Arbeitstische bewusst ignoriere, wird der Sessel auf Knopfdruck zur Liege. Mit dem Kopf auf einem weichen Kissen, den Füßen auf einer bequemen Ablage, und durchs Panoramadach grüßen die Wolkenkratzer von Shenzhen – so verliert auch der längste Stau seinen Schrecken.
Und unser Shuttle ist noch gar nicht die luxuriöseste Variante: Den D9 gibt es in einer limitierten Auflage von 99 Exemplaren auch in einer "First Class Edition", außen mit Zweifarblackierung und innen mit zwei noch bequemeren Sesseln hinter einer Trennwand, die eigentlich nur aus Bildschirm besteht. Spätestens da kann Mercedes einpacken.
Den Denza D9 gibt es zum unschlagbaren Preis
Erst recht beim Blick in die Preisliste: Denn los geht's für den D9 bei fast schon lächerlichen 330.000 RMB oder umgerechnet etwa 42.000 Euro, und selbst die supernoble First Class Edition kostet nur etwas mehr als 80.000 Euro. Zum Vergleich: Die V-Klasse verkauft Mercedes in China für über 60.000 Euro, und der Maybach GLS, der gegen den D9 ziemlich beengt wirkt, steht in der Volksrepublik mit etwa 160.000 Euro in der Liste. Da muss man schon arger Mercedes-Fan und prestigebesessen sein, um zum Stern zu greifen.

Der D9 steht auf einer eigenen Skateboard-Plattform von BYD, nutzt die viel beachtete Blade-Batterie und kommt mit gut 100 kWh über 600 Kilometer weit. Zumindest in der chinesischen Norm.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Bei der Fahrt durch die Nacht gibt es nichts, was die Ruhe stört. Wo Vans bei uns bisweilen ein bisschen rappelig klingen, weil sie halt meist doch nur aufgehübschte Transporter sind und dann auch oft noch mit einem Diesel fahren, ist der D9 grundsolide. Und statt des Nagelns eines Selbstzünders hört man nur das Surren eines Elektromotors, der mit 312 PS in der Frontantriebsvariante und 374 PS als Allradler allemal genug Kraft hat für den Koloss.
Der Antrieb ist eine Eigenentwicklung, denn auch wenn die Schwaben noch die Finger im Spiel bei Denza haben, beschränkt sich ihr Einfluss offenbar aufs Ambiente und die Ausstattung.
Akkus mit 100 kWh Kapazität passen in den Boden, und die Reichweite ist – zugegeben, im chinesischen Zyklus – mit 600 Kilometern anderthalbmal so groß wie bei der deutschen Konkurrenz. Und geladen wird hier mit bis zu 160 kW.
Wer weiter will, dem bieten die Chinesen auch drei Versionen eines Plug-in-Hybrids auf Basis eines schmalen 1,5-Liters mit bis zu 407 PS an, die trotzdem bis zu 80 kWh Akkukapazität bekommen und so am Ende deutlich vierstellige Reichweiten haben. Da fragt dann auch keiner mehr nach dem Diesel.
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