Der Audi S5 trifft seine Ahnen
Umringt

- Stefan Helmreich
Wenn das Tor zur inoffiziellen Sammlung der Audi-Tradition beiseite rumpelt, dann klappen Kinnladen, Pupillen weiten sich und Synapsen funken Reizüberflutung. Denn hinter unscheinbaren Mauern schlummern Juwele, heilige Rennsportreliquien wie der Auto Union Typ D aus den Dreißigern neben Brot-und-Butter-Mobilen wie dem Audi 80. Da wartet der S1 Pikes Peak auf die anstehende Revision, während sich vis-à-vis ein Rudel Sportquattros im Schein der Leuchtstoffröhren sonnt. Zwei Meilensteine dieses beinahe lückenlosen Markenclubs erhalten heute Freigang, um mit ihrem designierten Nachfolger für ein paar Stunden durch die Lande zu promenieren. Flach, kantig, mit dicken Backen schnurrt zunächst ein blechgewordener Rallyemythos ins Tageslicht – der Ur-quattro, liebevoll gerne Uri genannt. Doch nicht etwa ein x-Beliebiger, sondern der Endpunkt einer Ära, der Allerletzte von insgesamt 11.560, die von 1980 bis 1991 vom Band liefen. Mit gebührendem Abstand folgt sein Nachfahre und Technikbruder S2, umweht vom Charme der Neunziger: rundlicher, mit Rahmengrill und leicht pummeligem Hinterteil.
Gegen seine Ahnen wirkt der S5, als hätte man ihn direkt aus der Zukunft hergebeamt. Gleißende Tagfahrlichtleisten und sein sperrangelweit aufgerissenes Kühlermaul elektrisieren. Passanten zücken ihre Fotohandys schneller als Lucky Luke die Colts, und Spurnachbarn verschlafen schon mal eine Grünphase, ehe sie die türmende V8-Schönheit aus ihrer Traumwelt reißt. Menschenaufläufe sind dem S2 zeitlebens verwehrt geblieben. Verdutzte Blicke dürften Besitzern des 7370 mal gebauten Coupés da schon bekannter vorkommen. Denn kaum einer vermutet hinter dem Hochbeiner Fahrleistungen, die so manchem Mitglied des 250-km/h-Clubs Schweißperlen auf die Stirn treiben dürften. Da muss selbst der Ur-quattro passen.

Bild: Angelika Schick-Zech
Spaziergänger erscheinen vor dem geistigen Auge als frenetische Fahnenschwenker, und sich selbst erwischt man beim Vorbeten der Kurven im Stile eines Rallye-Copiloten. Beherrschung ist also angesagt, denn die Formel aus williger Lenkung, präziser Fünfgangschaltung und Traktion im Überfluss besitzt auch im 21. Jahrhundert noch ihre Gültigkeit. So sehr man den professionellen Kurvenkünstlern aber auch nacheifert und dank narrensicherem Handling von Bankett zu Bankett carvt, die Coupé-Kollegen gieren stets formatfüllend durch die quattro-Insignie im Heckfenster. Speziell beim Herausbeschleunigen, wenn der 20V unweigerlich in sein gähnendes Turboloch purzelt, zoomt sich der S2 bedrohlich heran. Dabei verfügt er im Prinzip über dieselbe Antriebs-Hardware. Doch zur Modellpflege 1993 kurbelte Audi am Ladedruck, entlockte den fünf Pötten 10 Mehr-PS und stopfte das Laderloch mit einem kurz gestuften Sechsganggetriebe. Das sträubt sich zwar gegen allzu flinke Eingriffe, versöhnt zugleich aber mit passenden Anschlüssen. Zudem folgt der S2 auch flinkeren Drehs am spindeldürren Dreispeicher besser als der stärker untersteuernde Uri. Man dirigiert zackiger, schlupflos und letztlich fühlbar schneller. Einzig diesen Rallyemythos, der seinen Technikvater so unsterblich machte, vermag selbst der kaum minder legendäre Fünftöpfer nicht herbeizubrüllen.

Bild: Angelika Schick-Zech
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