Die Mobilmacher: Auszeitwagen macht Camper-Träume wahr
Auszeitwagen: Besuch beim Ausbauer für Weltreisende

Bild: Auszeitwagen
- Fabian Hoberg
Zwei alte Vespa PX parken in der Ecke, außen mit ordentlich Patina, doch unterm Blech versteckt sich feinste Technik mit bis zu 187 Kubikzentimeter Hubraum. Absolute Sleeper. "Damit fing alles an. Wir kennen uns aus unserer Jugendzeit, als wir gemeinsam an Rollern geschraubt haben", sagt Jan van Schwamen. Gemeinsam mit seinem besten Freund und Geschäftspartner Jörn Kuckelberg führt er "Auszeitwagen", ein Unternehmen für Fahrzeug- und Karosseriebau, Kfz-Werkstatt und Tischlerei. Für Kunden, die eine "Auszeit wagen" wollen. Die Firma hat sich auf Ausbauten von Wohnkabinen für Expeditionsfahrzeuge spezialisiert. Für die beiden kein normaler Job, sondern eine Leidenschaft.
Jan van Schwamen ist in Wuppertal aufgewachsen, aber in der Welt zu Hause. Nach seiner Ausbildung zum Tischler und Tischlermeister arbeitet und lebt er auf Ibiza, in der Schweiz und in Liechtenstein. Doch insgeheim träumt er schon lange von einer Weltreise.
Es begann mit einem 1992er Magirus-Deutz 150 ANW16
"Ich wollte immer durch Afrika fahren, Südamerika ist aber zum Reisen einfacher", sagt der 45-Jährige. Natürlich nur mit dem eigenen Fahrzeug und natürlich mit einer perfekten Innenausstattung. Jan sucht und kauft sich einen Magirus-Deutz 150 ANW16 von 1992, einen ehemaligen Bohr-Aggregateträger. Den baut er anschließend in Österreich zwei Jahre in Eigenregie um – in Leichtbauweise. "Allerdings wusste ich damals nicht, wie übel Wellblechpisten sind, und habe einige Möbelteile zu leicht angefertigt", grinst er.

Jörn Kuckelberg (l.) und Jan van Schwamen entwickeln und gestalten personalisierte Innenausbauten für Expeditionsfahrzeuge.
Bild: Fabian Hoberg
Fast zweieinhalb Jahre ist Jan in Südamerika unterwegs, bis es ihn 2020 wieder zurück nach Wuppertal verschlägt. Klar will er wieder als Tischler arbeiten, unter eigenem Label seine beiden Leidenschaften miteinander verbinden – Tischlerarbeiten und Abenteuerreisen. "Auf meiner Tour bin ich häufig auf meine Wohnkabine angesprochen worden und habe gemerkt, dass ein Markt für individuelle und hochwertige Expeditionsfahrzeuge in hoher Qualität besteht. Außerdem macht mir die Arbeit mit Holz, Expeditionsmobilen und reiselustigen Kunden sehr viel Spaß", sagt Jan. 2022 gründet er mit einem anderen Partner Auszeitwagen, im August 2023 kommt Jörn hinzu. Anfang des Jahres ziehen sie mit ihrer Firma in eine neue Halle nach Wülfrath.
Mit dem Offroad-Camper quer durch Europa, Namibia und Australien
Jörn Kuckelberg schraubt seit seiner Jugend an Zwei- und Vierrädern und verbindet das mit Reisen. Nach dem Roller kommen Käfer und Bulli, nach einer kaufmännischen Ausbildung das Fahrzeugtechnik-Studium mit Studienaufenthalten in Portugal und den USA. Jörn entwickelt als Projektleiter für Automobilzulieferer Steuergeräte, Software für Automatikgetriebe, Hybridfahrzeuge, elektronische Differenzialsperren sowie Inverter für E-Fahrzeuge und arbeitet zuletzt im Bereich autonomes Fahren. Im Urlaub geht es mit dem Offroad-Camper quer durch Europa, Namibia und Australien. "Unser Kontakt ist nie abgebrochen, und wir haben uns häufig gegenseitig besucht", erzählt Jan. Als Jörn sich beruflich verändern will, ist die Zeit reif für eine Zusammenarbeit.

In der Regel liefern Kunden das passende Fahrzeug mit einer fertigen Sandwich-Kabine, Auszeitwagen kümmert sich um Umbau, Möbel und Technik.
Bild: Fabian Hoberg
Für die Technik wie Solar, Elektrik, CAD-Planung, Gas und Wasser zeichnet nun Jörn Kuckelberg verantwortlich. Dazu kommen freie Mitarbeiter für Auftragsspitzen. Tischlermeister Jan van Schwamen ist für den Möbelbau zuständig. Seit 2022 arbeitet Auszeitwagen auch mit Elephant Trucks by Osterath zusammen. Der Fahrzeugbauer aus Willich am Niederrhein liefert dafür eine lackierte Sandwich-Kabine auf einem Allrad-Lkw an, und Auszeitwagen legt mit dem Einbau der Fenster an und arbeitet sukzessive alle Arbeitstakte ab, bis ein reisefertiges Expeditionsmobil den Hof verlässt.
Auszeitwagen bietet Neukonstruktionen und mehr
Neben Neukonstruktionen bietet Auszeitwagen Umbau, Möbel- und Technik-Update von bestehenden Allrad-Campern an. "Durch meine Reiseerfahrung konzipiere ich die Fahrzeuge sehr solide, achte auf bestimmte Dinge, die mich bei meinen Touren selbst gestört haben", erklärt Jan sein Vorgehen. Dazu zählt neben extrem stabilen und knarzfreien Möbelstücken unter anderem ein Zentralverschluss-Riegel für die Schubladen und Schranktüren. Bisher fertigte Auszeitwagen rund zehn Kabinen an, neben einigen Ausbauten von 4x4-Vans.

Auszeitwagen verwendet ausschließlich natürliche Holzoberflächen, Kunden können aus verschiedenen Echtholzsorten und Uni-Oberflächen wählen.
Bild: Fabian Hoberg
Mittlerweile sind seine Möbel hardcorepistentauglich, aber nicht unbedingt schwerer. Auszeitwagen verwendet ausschließlich natürliche Holzoberflächen, der Kunde kann aus verschiedenen Echtholzsorten und unibelegten Oberflächen wählen. Das besonders formstabile Albasia-Sperrholz ist wasserfest verleimt, wird verklebt, verdübelt oder verleimt und anschließend geölt oder lackiert. Alle Möbel fertigt Auszeitwagen einzeln an, für jedes reisetaugliche Fahrzeug individuell.
Bei der Kabine auf dem Hof hat Auszeitwagen nach Kundenwunsch Fenster geschnitten und gesetzt. Jörn verlegt derzeit Elektrik, Wasser und andere Anschlüsse, anschließend montiert Jan die Möbelelemente. Je nach Aufwand dauert der Ausbau bis zu drei Monate.
Langfristige Planung ist das A und O
Jede Fertigung basiert dabei auf einer gründlichen und langfristigen Planung – denn spätere Änderungen sind meist kompliziert und aufwendig. Eine Wohnkabine entsteht im engen Austausch mit dem Auftraggeber. "Unsere Kunden haben ganz genaue Vorstellungen. Wir entwickeln mit ihnen anschließend die beste technische Lösung", sagt Jan van Schwamen. Es sei schon ein Unterschied, wie das Expeditionsfahrzeug genutzt werden soll: Möchte der Kunde acht Stunden am Tag am Rechner arbeiten, zusätzlich induktiv kochen und noch sein E-Bike laden, werden deutlich mehr Akku-Kapazitäten, Solarmodule und größere Ladebooster benötigt.

Die neue Halle bietet deutlich mehr Platz und Stellplätze vor der Tür.
Bild: Oliver Mast
Daher ist auch eine Energie-Analyse für die spätere Planung von elektrischen Verbrauchern wie Kühlschrank, Steckdosen, USB-Anschlüssen und eventuell 230-V-Induktionskochfeldern zwingend notwendig – und in Abhängigkeit davon wählt er die Anzahl der PV-Module, Gleichrichter und Akkus aus. "Wenn du lange Zeit unterwegs bist, nerven dich Kleinigkeiten. Daher sollte das Fahrzeug perfekt zu dir passen und genau so sein, wie du es haben willst", erklärt Jan van Schwamen. Viele Kunden kommen aus der Region und schauen regelmäßig vorbei. "Es macht Spaß, gemeinsam mit dem Kunden das bestmögliche Fahrzeug zu entwickeln. Die meisten Kunden nehmen unsere Ratschläge gerne an", erklärt er.
Der Ausbau einer Wohnkabine kostet zwischen 130.000 und 200.000 Euro
Die meisten ihrer Kunden sind Langzeitreisende, denen extreme Zuverlässigkeit und Qualität wichtig sind, die dazu eine individuelle Lösung wünschen und kein Fahrzeug von der Stange. Tanks für Diesel und Wasser lassen sie ebenso bei Spezialisten fertigen wie Arbeitsplatten aus Granit oder Duschtassen. "Manche Komponenten aus dem Wohnmobil-Bereich halten die Strapazen einer Expedition nicht aus. Ein Ablauf aus Kunststoff unter einer Duschtasse bricht eben auf einer üblen Piste schneller als einer aus Edelstahl", sagt Jan van Schwamen. Die Komponenten für die PV-Anlage kommen unter anderem von Victron, neuerdings wird häufig Starlink-Internet per Satellit verbaut.

Neben den Ausbauten organisiert das Duo auch geführte Reisen und Workshops.
Bild: Auszeitwagen
Je nach Größe, Materialien, Technik und Aufwand kostet der Ausbau einer Wohnkabine zwischen 130.000 und 200.000 Euro. Etwa vier Kabinen können sie derzeit im Jahr fertigstellen, die Vorlaufzeit beträgt rund ein Jahr. Daneben bietet Auszeitwagen Service-Arbeiten wie technische Umbauten rund ums Expeditionsfahrzeug an. Dazu kommen geführte Touren mit lokalem Guide, "Wüste für Einsteiger" in Nordafrika wie auch Workshops "Allrad-Lkw im Gelände" im Funpark Meppen. Damit wollen sie Kunden ermutigen, Europa zu verlassen, ihnen praktische Tipps geben, einen sicheren Platz zum Schlafen zu finden, Wasser zu bekommen und geschmeidig durch Sand und Dünen zu gleiten.
Mit ihren eigenen Vespa-Rollern klappt das zwar nicht. Derzeit entstehen Pläne für ein firmeneigenes Expeditionsmobil auf Basis eines 4x4 MB 1224 Ex-Feuerwehr – natürlich mit einer perfekten Wohnkabine.
Service-Links