Gerhard Berger, was machen Sie an Ihrem 60. Geburtstag: Verstecken oder feiern?
Verstecken. Ich habe zufällig herausgefunden, dass meine Freundin heimlich eine Party mit Freunden organisiert. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich zu meinem 60. Geburtstag einen Wunsch habe: Dass die Party abgesagt wird. Das habe ich dann auch durchgezogen. Ich will keine Party. Ich will für zwei, drei Tage mit meiner Familie in Italien sein. Die „Sechs“ ist in der Tat nichts, an dem ich einen großen Spaß habe.
Die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen rund um den Runden?
Mir geht schon mein ganzes Leben gut. Ich habe aber eine Frage, die ich mir immer wieder selbst stelle, speziell jetzt zu meinem 60. Geburtstag: Betreibe ich mein Zeitmanagement richtig? Ich habe drei Firmen, 500 Menschen, die am 1. eines Monats ihr Gehalt bekommen müssen und auch das DTM-Thema liegt auf dem Schreibtisch. Die DTM nimmt verdammt viel Zeit ein, ist kein Selbstläufer. Ich habe eine Familie, für die ich nach der Zeit als Rennfahrer mehr Zeit haben wollte. Das ist aber nicht so möglich. Aber: Es ist toll, wenn man Herausforderungen und Aufgaben hat und jeden Tag kämpfen muss, auch wenn die Batterien nicht mehr so stark sind wie in jungen Jahren. Es ist bisweilen anstrengend. In Summe bin ich aber total zufrieden.
Was wünschen Sie sich privat und beruflich?
Privat ein bisschen mehr Freizeit. Durch meine Trennung habe ich ein schwieriges Verhältnis mit zwei meiner Kinder. Da wünsche ich mir, dass es wieder besser wird. Beruflich geht’s mir gut, weil meine Firmen funktionieren. Die DTM ist auf dem richtigen Weg. Dass es immer wieder einen Rückschlag gibt, gehört in diesem Geschäft einfach dazu. Der Wunsch ist mit dem Privaten verbunden: Dass ich beruflich mehr Freizeit herausschlagen kann.
Beeinflusst der Tod von Niki Lauda oder Charly Lamm Ihre Sicht auf das Leben?
Es ist ein extremes Jahr mit dem Tod von Niki, Charly oder auch Charlie Whiting. Ich habe extrem viele Freunde an Krankheiten verloren. Das hat mir ziemlich zu denken gegeben. Wenn man in das letzte Drittel seines Lebens einmündet, muss man darauf gefasst sein, dass die Gesundheit nicht mehr so mitspielt. Und da gehört es dann auch dazu, mehr Zeit für sich selbst herauszuholen.
Geht man als Rennfahrer anders mit dem Tod um?
Das ist unterschiedlich. Eines ist der normale Alterungsprozess. Man hat zwar mehr Erfahrung, aber auch Themen, die schwieriger werden. Das andere ist Rennen fahren mit dem Umgang von Unfällen, das ist ein Teil des Geschäfts. Da muss man vom ersten Tag an mit umgehen können, sonst kann man kein Rennfahrer werden. Mich belastet jetzt viel mehr das letzte Drittel.
Was war der größte Sieg in Ihrem Leben?
Ich wurde zuletzt gefragt: Was war dein bestes Investment? Ganz klar: Meine Kinder. Denn sie tragen meine Gene weiter. Irgendwann, wenn es mich nicht mehr gibt, geht mein Leben trotzdem irgendwie weiter. Kinder sind für mich das Schönste und Wichtigste.
Wie haben sie Ihr Leben verändert?
Ich habe Verantwortung übernehmen müssen, die ich sehr ernst wahrnehme. Heißt: Für die Kinder da sein, sorgen und einen Weg aufbereiten, der ihnen ein gutes Leben ermöglicht.
Wie sind Sie als Vater?
Ich bin derjenige, der den Blödsinn zulässt. Ich bin locker mit ihnen, das glaube ich zumindest.
Tritt der Kleine mal in Ihre Fußstapfen?
Mit 60 Jahren geht es auch darum, dass jemand die Firma übernimmt, sonst muss ich da auch noch ewig weiterarbeiten. Aber weit und breit ist noch niemand in Sicht. Der Kleine ist ja gerade erst zwei Jahre alt. Aber wir werden sehen, in welche Richtung er sich entwickeln wird. Ich werde ihn bei allem unterstützen, was er machen möchte.
Was ist Ihre größte Niederlage gewesen?
Ich hatte Höhen und Tiefen, Unfälle und Schicksale. Aber das einschneidendste, das schwierigste Erlebnis war die Trennung von meiner damaligen Frau und das Drumherum, das damit zu meistern war, vor allem emotional. Das dauert Jahre und zehrt.
Bereuen Sie irgendwas?
Nein, denn meine Entscheidungen treffe ich in dem Moment so, wie ich denke, dass sie richtig sind. Ich treffe sie oft auf emotionaler Basis, das ist manchmal auch falsch. Aber am Ende bereue ich es nicht, weil ich froh bin, dass ich Emotionen habe.
„Das größte Glück? Meine Kinder!“
Gerhard Berger bei seinem ersten Formel 1 Sieg 1986 in Mexiko.
Bei der sportlichen Karriere könnte man aber sagen, dass vom Talent mehr drin war als nur zehn Siege und zwei dritte Plätze...

Vom Talent her ja, doch das Erreichen der ganz großen Erfolge hängt nicht nur vom Talent ab, sondern vom Gesamtpaket: Fleiß, Disziplin, Egoismus, Speed, Killerinstinkt, Glück. Das kann dich zum Titel führen. Das Paket war aber bei mir nicht so ausgeprägt wie bei Ayrton Senna, Alain Prost oder Lewis Hamilton.
Was fehlte?
Ich habe immer versucht, beide Seiten der Medaille abzudecken. Die der Disziplin, der Härte des Rennsports. Aber auch den Spaß, das Nachtleben. Man kann damit Rennen gewinnen so wie ich, Weltmeisterschaften aber nicht. Heute ist ein absolutes Aufgeben von allen Ablenkungen angesagt, volle Konzentration auf den Rennsport. Das ist ein eigner Typ Mensch, der das kann. Dazu habe ich aber nie gehört. Aber ganz klar: Wäre es darum gegangen, beide Seiten bestmöglich mitgenommen zu haben, wäre ich wahrscheinlich zehnmaliger Weltmeister. Das wird nur leider so nicht gemessen. Aber die Karriere ist gut so wie sie war. Vor allem: Ich lebe noch. Viele Kollegen haben es nicht geschafft.
Wie war denn die damalige Zeit, der Umgang mit den Unfällen, dem Tod?
Wir sind Rennfahrer, wir haben gewusst, dass unser Job gefährlich ist, dass es ein vorzeitiges Ablaufdatum haben kann. Man hat es akzeptiert und hat sich gesagt, dass man das macht, was man am liebsten macht und vielleicht hat man Glück oder nicht. Das klingt easy, aber das ist reiner Selbstschutz. Wenn ein Kollege gestorben ist, war man traurig und betroffen. Aber am Ende haben wir uns gesagt: Er ist bei dem gestorben, was er am liebsten gemacht hat.
Wie wild waren die Partys? Heute geht’s früh ins Bett und Daten werden gewälzt...
Ich bin gar nicht ins Bett gegangen. Rauchen gehörte zum Glück nie dazu, Alkohol hat schon damals als Sportler nicht gut funktioniert, aber Frauen, Spaß, Partys gehörten dazu. Es war eine Art Gegenwelle, den man zu einem harten Sport, der gefährlich war, erzeugt hat. Da konnte man alles vergessen. Ich habe das Leben gerne genossen.
Können Sie sich vorstellen, in der heutigen Formel 1 zu fahren?
Ja, aber ich würde in die heutige Formel 1 nicht gut reinpassen. Bei uns war es rustikaler, die Schrauben waren andere. Wir hatten nicht so eine Flut an Daten und keine Schar von Ingenieuren, die sie ausgewertet haben. Wir haben es selbst machen müssen, es war ein anderer Sport. Normalerweise könnten gute Fahrer aus einer Generation auch in einer anderen Generation gut sein. Aber wahrscheinlich müsste ich in dieser Generation aufgewachsen sein. Es ist ein anderes Leben, meine Zeit war für mich maßgeschneidert.
Wer waren die liebsten Gegner, wer die Feinde?
Die liebsten Gegner waren die langsamsten. Am liebsten leiden konnte ich die Teamkollegen: Roberto Ravaglia, Jean Alesi, Ayrton Senna.
„Das größte Glück? Meine Kinder!“
Gerhard Berger 1990 mit Teamkollege Ayrton Senna
Wie viele Freundschaften vom Motorsport haben sich gehalten?

Einige, auch viele, mit denen man früher nicht so zurechtkam, weil man sich auf der Strecke dauernd duelliert hat. Heute empfinde ich das anders, die alten Zeiten verbinden, das hat zusammengeschweißt,  was erst jetzt so richtig zum Tragen kommt.
Welcher Ihrer Jobs ist am anstrengendsten?
Wenn man etwas gern macht, ist es nicht anstrengend, zumindest fühlt man es nicht. Was war das Schönste? Ein Rennauto am Limit zu bewegen.
Fehlt Ihnen das?
Nein, überhaupt nicht. Zum einen, weil ich körperlich nicht in der Lage wäre, das nochmal zu machen. Und weil ich sonst mit tollen Aufgaben beschäftigt bin.
Wie lange noch? Wann soll Schluss sein?
Da bin ich wieder beim Zeitmanagement. Entweder weiter im Strom bleiben und ein aktives Gehirn haben, oder dann doch lieber auf den Berg gehen und schauen, dass die Muskeln gut wachsen. Ich weiß es noch nicht.
Sie wohnen wieder in Tirol. Was bedeutet Ihnen Heimat?
Die älteren Leute sagten schon immer: „Back to the Roots“. Heute verstehe ich das. Dass ich nach 30 Jahren Monaco zurückgegangen bin, ist das Schönste, das ich machen konnte. Ich bin wieder dort, wo ich aufgewachsen bin, esse wieder die Heimatkost, sehe die Freunde, mit denen ich zur Schule gegangen bin. Für mich ist das perfekt, vielleicht werde ich auch mit dem Alter etwas spießiger. Die Prioritäten verschieben sich: Familie, Kinder, Arbeit sind jetzt die wichtigen Themen.
Wie lange wollen Sie die DTM noch machen?
Wir hatten jetzt das 500. Rennen. Ich würde sie gerne jemandem in die Hände legen, der dann die nächsten 500 Rennen feiert. Ich habe überhaupt kein Gefühl, wie lange ich es machen will. Ich höre auf, wenn die Hersteller mich nicht mehr wollen (lacht). Wir haben einen guten Austausch, einen guten Weg der Entscheidungsfindung. Natürlich gibt es Hürden, gibt es Themen, die ich anders machen würde. Aber unter dem Strich ist es eine gute Zusammenarbeit.
Wie wollen Sie die DTM in die Zukunft führen?
Auf den Punkt gebracht: Mit der Stärkung der DTM in Europa, mit dem Haupt-Schwerpunkt in Deutschland. Wir wollen mehr Reichweite kreieren, mehr Anschlüsse zu den Fans bekommen. Ohne den Rückschlag mit Mercedes wären wir sicher weiter. Den Ausstieg haben wir einigermaßen verkraftet. Totgesagte leben eben doch länger.
Wann sehen wir den nächsten Hersteller?
Ich führe mit allen andauernd Gespräche. Es bahnt sich im Moment nichts an, aber irgendwann geht eine Tür auf, man muss immer dranbleiben. Das war beim letzten Mal auch so. Die Japaner sind naheliegend, aber die sind von Haus aus immer sehr zögerlich in ihrer Entscheidungsfindung. Gute Kundenteams mit japanischen Marken würden mir gut gefallen.
Die DTM soll einen neuen Namen bekommen. Wie schwierig und sensibel ist dieses Thema?
Ich bin hin- und hergerissen. Ich sehe die Notwenigkeit wegen der Internationalisierung. Aber ich ziehe auch die Handbremse, denn ich muss mir sicher sein, dass wir die deutschen Fans mitnehmen. Vorher würde ich mich nicht trauen. Und ich habe noch nichts auf dem Tisch liegen gehabt, mit dem ich mir zutraue, den deutschen Fan zu 100 Prozent an uns zu binden.
Kann es sein, dass DTM als Name bleibt?
Nein, wir geben uns bis mindestens 2021 Zeit, 2020 wäre ein Schnellschuss gewesen. Ich habe mich mit so einer schnellen Änderung nicht wohlgefühlt. Wir überlegen uns, was eine sinnvolle Namensgebung sein kann, um die Internationalisierung besser zu platzieren. Es gibt viele Ansätze: Dass man den Namen DTM mit etwas unterlegt bis hin zu einem komplett neuen Namen. Es ist schwierig und zu verfrüht, um in die Tiefe zu gehen.